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Taliban an der Macht Fiasko in Afghanistan: Welche Rolle spielten die Geheimdienste?

Taliban posieren auf Straße
Taliban-Kämpfer in Herat
© Aref Karimi / AFP
Warum ist Afghanistan so schnell in die Hände der Taliban gefallen? Und warum war der Westen darauf so schlecht vorbereitet? Wer wusste was, wann? Die, die es hätten wissen müssen, stehen in der Kritik: Das ist über die Rolle der Geheimdienste bekannt.

Vermutlich wird erst in einigen Jahren Klarheit darüber herrschen, wann das Afghanistan-Fiasko seinen Anfang nahm. War es im Juni 2011, nachdem eine US-Spezialeinheit Osama bin Laden um die Ecke brachte und Barack Obama den geordneten Rückzug seiner Truppen in Aussicht stellte? War es im Februar vergangenen Jahres, als die US-Regierung unter Donald Trump einen Friedensvertrag mit den Taliban schloss? Oder doch im April, als Joe Biden mit dem 11. September ein Abzugsdatum für die US-Truppen nannte? Sicher ist schon jetzt: Jede einzelne Entscheidung der Nato-Mächte beruhte auf Erkenntnisse ihrer Geheimdienste – doch wieso haben sie nicht gesehen, dass die Taliban Afghanistan im Handstreich einnehmen würden?

Ex-US-Diplomat: "Abzug ist ein Fehler"

Glaubt man dem Ex-Botschafter und US-Sondergesandten für Afghanistan, James Dobbins, dann waren sich zumindest die Berater von US-Präsident Biden darüber einig, dass ein Abzug der Soldaten ein Fehler sei. Biden habe seine Entscheidung gegen die Empfehlung der Geheimdienste getroffen, sagte der Diplomat jüngst im Interview mit dem stern. Das deckt sich mit Erkenntnissen von US-Medien, denen zufolge die Geheimdienste auf die Gefahren des Rückzugs hingewiesen haben sollen.

Nach Informationen der "New York Times" warnten CIA, NSA und Co. bereits im Juli dieses Jahres vor einem raschen Zusammenbruch des afghanischen Militärs und einem wachsenden Risiko für die Hauptstadt Kabul. Anders dagegen die Einschätzungen der US-Militärführung, die auf die Berichte von neun Nachrichtendiensten zurückgreifen kann. Generalstabschef Mark Milley sagte zuletzt: "Es gab nichts, das ich gesehen habe, oder irgendjemand anders, das auf einen Zusammenbruch dieser Armee und dieser Regierung innerhalb von elf Tagen hingewiesen hätte."

Seiner Aussage nach habe es für Afghanistan zwar verschiedene Szenarien gegeben, darunter auch eine schnelle Machtübernahme der Taliban nach einem Kollaps von Militär und Regierung. "Aber der zeitliche Rahmen eines schnellen Zusammenbruchs wurde weithin auf Wochen, Monate oder sogar Jahre nach unserem Abzug eingeschätzt", so Milley. Wieso das Pentagon zu diesem Schluss gekommen war, dürfte noch unbequeme Fragen aufwerfen. Auch deshalb, weil US-Medien schon vor Wochen anonyme Geheimdienstler zitiert haben, denen zufolge die Taliban ihr Eroberungstempo deutlich beschleunigt hätten.

Briten probten im Juli Evakuierung

Die britischen Spione vom MI6 waren da möglicherweise schon weiter. Schon im Juli warnte der frühere Chef des Geheimdienstes davor, die Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Dies sei ein schwerer Fehler, der die Dschihadisten im Land stärken würde. Und schon knapp drei Wochen vor der Machtübernahme durch die Taliban, plante die britische Spezialeinheit SAS genau für diesen Fall die Evakuierung der Botschaft per Helikopter. "Die Taliban haben bereits Zellen in Kabul. Viele fürchten, dass sie die Zufahrten zu den Botschaftsgebäuden kontrollieren könnten und die Hubschrauber dann gezwungen wären, auf dem Dach zu landen", sagte ein Informant der Zeitung "The Mirror".

Bitter ist der Fall Afghanistans auch für den Bundesnachrichtendienst: "Welche Waffen, wie viele Kämpfer die radikalislamischen Taliban zur Verfügung haben: Darüber war der BND meist gut informiert. Was diese harten militärischen Fakten betrifft, hatte der deutsche Auslandsgeheimdienst den Ruf, präzise Buch zu führen", schrieb die "Süddeutsche Zeitung" jetzt über die Rolle des deutschen Auslandsgeheimdienst. Doch über dieses Detailwissens hinaus waren die deutschen Analysten nicht in der Lage, das gesamte Bild zu erkennen. Ihr Fazit lautete: Die Taliban hätten "kein Interesse" daran, die Hauptstadt Kabul schnell einzunehmen.

Warnungen aus der Deutschen Botschaft

Was genau die BND-Mitarbeiter zu dieser Einschätzung brachte, damit beschäftigte sich auch das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags in einer Sondersitzung. Daran hat auch BND-Chef Bruno Kahl teilgenommen. Nach der Anhörung sagte Gremiumsmitglied und FDP-Fraktionsvize Stephan Thomae, der BND sei "in Bezug auf Afghanistan einer vollständigen Fehleinschätzung unterlegen". Dennoch müsse "überall untersucht werden: Wo gab es unzureichende Informationen, fehlerhafte Auswertungen oder falsche politische Schlussfolgerungen." Der Grüne Konstantin von Notz, der ebenfalls im Kontrollgremium sitzt, sagte, es seien noch viele Fragen offen. Das gelte "im Hinblick auf alle Dienste und Behörden, die für die Einschätzung der Situation verantwortlich waren".

Zu klären sein wird auch die Frage, warum die Warnungen aus der Deutschen Botschaft in Kabul in der Bundesregierungen überhört worden. "Es hat aus der Deutschen Botschaft Hinweise gegeben, dass nach dem 4. Juli – nachdem die internationale Truppenpräsenz beendet wurde – sich die Lage verändert und verschlechtert hat. Von den jeweiligen Diensten, auch denen unserer Partnerländer, gab es aber sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, wie schnell diese Entwicklung von statten gehen soll", kommentierte Außenminister Heiko Maas jüngst den Kenntnisstand.

Quellen:Tagesschau, DPA, AFP, "Süddeutsche Zeitung", "The National", CNN, Deutsche Welle, "New York Times"


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