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Afghanistan Terrorgruppe ISKP: Der Feind des Feindes ist kein Freund

Gefangene ISKP-Kämpfer
Im September 2019 führt der afghanische Geheimdienst festgenommene ISKP-Kämpfer der Öffentlichkeit vor
© Wakil Kohsar / AFP
An Dschihadisten herrscht im Vielvölkerstaat Afghanistan kein Mangel. Neben den neuen Herrschern, den Taliban, gibt es noch andere Gruppen, die die Menschen terrorisieren. Besonders berüchtigt: der ISKP, gemeinsamer Feind von Taliban und den USA. 

Im September 2018 sprengte sich im Westen Kabuls ein Attentäter in einem Ringerclub in die Luft. Ein zweiter folgte, nachdem Sanitäter und Helfer vor Ort eingetroffen waren. 30 Menschen rissen die beiden mit in den Tod. Ein Jahr später griffen Bewaffnete am letzten Tag einer Feuerpause 18 Stunden lang ein Gefängnis in Dschalalabad an. Tausende Gefangene flohen. Im Mai dieses Jahres explodierte eine Autobombe vor einer Schule: 60 Menschen starben, 150 wurden verletzt. Es traf vor allem Schülerinnen und das war kein Zufall. Irgendwann waren viele Afghaninnen und Afghanen so verzweifelt, dass sie die Taliban um Hilfe baten. Und die wiederum die USA fragten, gegen ihren gemeinsamen Feind vorzugehen.

Ihr Ziel sind die Moscheen der Schiiten

Die Rede ist von den Kämpfern des ISKP – des "Islamischen Staates Provinz Khorasan", ein Ableger der gefürchteten Terrorschlächter aus Syrien und dem Irak. Bis vor wenigen Tagen, als die Taliban das ganze Land unter ihre Kontrolle gebracht haben, gehörte der ISKP zu den anderen Gruppen von Dschihadisten, die gegen die gewählte Regierung in Kabul kämpften – mit noch harscheren und brutaleren Mitteln als die Taliban. Genaugenommen war ihr Kampf einer gegen alles und jeden: gegen die Taliban, gegen die Zentralregierung, gegen die afghanische Bevölkerung. Ihre bevorzugte Waffe ist der Selbstmordanschlag, ihre Ziele sind Aktivisten, Regierungsangestellte und Minderheiten wie Schiiten; Anhänger der zweiten großen Strömung im Islam.

Die Aufständischengruppe ist seit Mitte 2014 in Afghanistan aktiv. Zwischen 2000 und 4000 Kämpfer hatte der ISKP zu Hochzeiten. 2019 gab es Zellen in vielen östlichen Provinzen des Landes sowie in den Großstädten. Die Mitglieder und Chefs waren und sind zum überwiegenden Teil abtrünnige Taliban aus Pakistan. In jüngerer Zeit haben sich auch radikalisierte Mittelschichtsterroristen dem Islamischen Staat angeschlossen. Unterstützung sollen sie angeblich auch von Teilen des afghanischen Geheimdienstes bekommen – in einer Art gemeinsamen Kampf gegen die Taliban. Die beiden Islamistengruppen haben jahrelang blutig um die Vorherrschaft des Aufstands gegen die vom Westen unterstütze Regierung gekämpft.

Wahlloser Terror gegen Stammesfürsten

Obwohl die aktuelle Schlagkraft und Personenstärke des ISKP unklar ist, stehen sich deren Kämpfer mit ihrer Radikalität oft selbst im Weg. Ihr wahlloser Terror etwa gegen Stammesfürsten und -milizen hat vielerorts die Bevölkerung gegen die Gotteskrieger aufgebracht. Als sie vor knapp einem Jahr begannen, in einigen Regionen Einheimische aus ihren eigenen Häusern zu vertreiben, baten die wiederum die Taliban um Hilfe. Und die kam dann auch. Aus manchen Hochburgen wie den Tälern in Nangrahar wurden sie vertrieben, oft auch dank den Amerikanern, auf deren Feindeslisten die ISKP ebenfalls ganz oben steht.

Vergangenes Jahr behauptete die Regierung in Kabul, dass der Islamische Staat von den regulären Truppen besiegt worden sei, aber das war mindestens übertrieben. Nur kurz zuvor hatten die ISKP-Terroristen eine regelrechte Welle an Anschlägen gegen Moscheen und andere Einrichtungen von Schiiten verübt. 216 haben Beobachter allein von Januar bis August dieses Jahres gezählt. US-Geheimdienste befürchten, dass die Machtübernahme durch die Taliban unzufriedene oder beschäftigungslose Kämpfer dazu bringen könnte, sich der Gruppe anzuschließen.

Der ISKP ist nicht die einzige "Terror-Opposition" in dem Land. Daneben gibt es noch "Fidai Mahaz", die "Mullah Dadullah Front", eine Gruppe namens "Hoher Rat des Islamischen Emirats Afghanistan", allesamt Abspaltungen der Taliban. Daneben existiert das "Haqqani-Netzwerk", das zu Zeiten der sowjetischen Besatzung in den 80er-Jahren gegründet wurde und den Taliban nahesteht. Die Invasion des großen Nachbars in Afghanistan 1979 ist einer der Gründe, warum der Islamismus in dem Land so stark werden konnte.

Am Hindukusch leben rund 50 verschiedenen Ethnien, die fast alle ihre eigenen Sprachen sprechen. 80 Prozent der rund 40 Millionen Afghanen und Afghaninnen wohnt außerhalb der Städte, in dem Staat, der fast doppelt so groß ist wie Deutschland. Afghanistan als Land ist eher jung, vor allem aber trennt die Afghaninnen und Afghanen mehr als sie verbindet. Der Islam ist einer der wenigen Dinge, auf die sich die Menschen einigen können, und traditionell legen sie ihren Glauben eher konservativ aus. 1979 begann dann die fundamentalistisch-politische Strömung Fuß zu fassen. Damals marschierten Truppen der benachbarten Sowjetunion ein – und schuf so eine Widerstandsbewegung, die später zu einer Armee von Glaubenskriegern wurde: Die Mudschaheddin, aus denen die Taliban hervorgingen, setzten der Ideologie des Sowjet-Kommunismus den Islamismus entgegen.

Profitiert der ISKP vom Taliban-Sieg?

Kämpfer wie des ISKP sowie der Taliban profitieren zudem von der Zersplitterung des Landes, in dem Stammeskonflikte an der Tagesordnung sind. Die neuen Herrscher gelten in vielen Ecken des von 40 Jahren Krieg zerrütteten Landes dabei als Garant für Stabilität und Sicherheit – trotz oder auch wegen ihrer extrem harten Führung und Moralvorstellungen. Deren Sieg wird in Islamistenkreisen aber nur teilweise bejubelt. Während die Verbündeten vom al Kaida die "Befreiung Afghanistans" feiert, schweigt der ISKP. Noch. Denn nicht wenige Beobachter glauben, dass der Triumph der Taliban auch anderen Dschihadisten wie dem ISKP Auftrieb verleihen wird.

Quellen: "Die Zeit", Ecoi.net, Fes.de, "Taz", "The Guardian", DPA, AFP


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