Pink Die geläuterte Rock-Schlampe


Mit ihrer großen Klappe und einem Talent für Skandale hat es die US-Sängerin Pink an die Spitze der Charts geschafft. Auf ihrer neuen CD zeigt sie nun auch ihr musikalisches Talent.

Sie ist eines dieser Mädchen, die einem in der Kneipe aus Spaß ins Bier spucken, wenn man kurz mal zur Toilette geht. Respektlos, streitlustig und gesegnet mit dem Humor von Bart Simpson. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass die Bosse ihrer Plattenfirma sie schon einmal zu einem Benimmkurs verdonnern wollten. Bei einem Geschäftsdinner hatte die Sängerin Pink statt des vorgesehenen Fünf-Gänge-Menüs auf einem Cheeseburger bestanden und sich den Klops dann auch noch mit den Händen in den Mund gestopft. "Ich lasse mich eben nicht dressieren wie eine Barbie-Puppe", sagt die Amerikanerin störrisch.

Mit ihrer "Ich gegen den Rest der Welt"-Einstellung hat es Pink, die vor 24 Jahren als Alecia Moore geboren wurde, ziemlich weit gebracht. Sie gehört zu den großen Abräumern im krisengeschüttelten Popgeschäft: Mehr als zehn Millionen Platten hat sie bereits weltweit verkauft und einen Grammy für ihren Soundtrack-Beitrag zum Popmusical "Moulin Rouge" kassiert. Auch ihre gerade erschienene CD "Try This" - eine Sammlung aus grandiosen Rocksongs mit unterlegten Clubbeats - gilt als sicherer Verkaufsschlager.

Während die Hitparaden

ansonsten von singenden Soapstars und gecasteten Playback-Sängern beherrscht werden, besetzt Pink eine Marklücke - die der Rock-Schlampe. In der Tradition von Janis Joplin und Courtney Love präsentiert sie sich als unberechenbare, schwer erziehbare Straßengöre, die bei ihren Auftritten dem Publikum statt eines sonnigen Lächelns lieber den Mittelfinger zeigt. Ihren Künstlernamen hat sie in Quentin Tarantinos "Reservoir Dogs" entdeckt - einer seiner Gangster ist Mr Pink.

Die Popkolleginnen reagieren verstört. Von Britney Spears heißt es, sie gehe aus Angst in kein Hotel, in dem Pink bereits eingecheckt hat. "Britney ist ein nettes, kleines Mädchen", kokettiert Pink, "aber sie sollte wirklich mal lernen, wie man ordentlich singt."

Aufgewachsen als Tochter einer Krankenschwester und eines Vietnamkrieg-Veteranen, verbrachte Pink ihre Kindheit in einem trostlosen Vorort von Philadelphia. "Die Ehe meiner Eltern war die pure Hölle, sie stritten sich dauernd", erinnert sie sich, "dazu kam, dass ich schlimmes Asthma hatte. Ständig war ich krank." Die Atemnot hatte allerdings auch etwas Gutes. Der Hausarzt verordnete dem Mädchen zur Befreiung der Lunge Gesangsunterricht. "Es ist absurd, aber mein Asthma hat mich zur Musik gebracht."

Mit 13 Jahren singt sie bereits in Rockbands und rennt nachts in die Musikclubs. Dort schluckt sie von Ecstasy bis Kokain jede Droge, die sie in die Finger bekommt, aber nicht ohne vorher in Medizinbüchern nachzulesen, was sie bewirkt. "Ich wollte immer wissen, was in meinem Körper umherwandert. Meine Mutter ist schließlich Krankenschwester." Mit 16 dann wird sie von einem Talentscout beim Tanzen in einer Disco entdeckt und bekommt ihren ersten Plattenvertrag.

Ähnlich wie Eminem ist es Pink gelungen, die traumatischen Erlebnisse ihrer Teenagerjahre in eindrucksvolle Songs wie "Family Portrait" zu verwandeln. "Jede Woche bekomme ich Post von einem Mädchen, das schreibt: Du bist genau wie ich, wie meine große Schwester", sagt Pink. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie sich nun plötzlich vorgenommen hat, "ein Vorbild für die Kids" zu sein. Inzwischen ist es Pink peinlich, dass sie bei den MTV-Awards im vergangenen Jahr zu betrunken war, um einen vollständigen Satz zu formulieren. Und auch ihre postpubertäre Äußerung, dass ein paar Pillen Ecstasy gut für die Persönlichkeitsentwicklung von Zwölfjährigen seien, beschreibt sie heute als "dummen Fehler".

Seit einiger Zeit

unterstützt sie die Tierschutzorganisation Peta. Neulich hat sie einen Beschwerdebrief an Prinz William geschrieben, weil der in Afrika Antilopen gejagt hatte. Und hat sie schon Antwort aus dem britischen Königshaus? "Nein", sagt Pink wütend, "dafür werde ich bei meinem nächsten London-Besuch in den Garten des Buckingham-Palace pinkeln." Die Herren ihrer Plattenfirma werden sie wohl doch noch zu einem Benimmkurs schicken müssen.

Hannes Ross


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