Retro-Rock-Bands Rolle rückwärts


Britpop, das war einmal. Jetzt entdecken Bands wie Hot Hot Heat, Maximo Park und Kaiser Chiefs die Siebziger und stürmen mit ihrem Retro-Rock die Musikszene. Der stern hat die neue Generation unter die Lupe genommen.

Die Musiker sind blasse Jungs in uralten Jeans und Pullovern, die aus der Kleiderkammer stammen könnten. Ihre Frisuren sind keine wirklichen Frisuren, eher Kopfbedeckungen. Diese Menschen sehen aus, als hätten sie sich zehn Jahre lang in dunklen, muffigen Übungskellern eingeschlossen und dort eifrig die Gitarren bearbeitet. Jetzt kommen sie ans Tageslicht, blinzeln müde die Sonne an und wollen die Welt erobern. Was ihnen, so hat es den Anschein, durchaus gelingen könnte. Seltsamerweise erinnern all diese Menschen an etwas, was vor zehn Jahren groß in Mode war: Britpop. Die Bands sehen genauso aus wie damals die Jungs von Oasis, Blur oder Pulp, doch hat der Hype aus England jetzt einen neuen Namen: Retro-Rock.

Der Gitarrensound ähnelt dem der 60er Jahre. Hinzu kommen aber weitere Einflüsse: Der Indie-Rock der Achtziger beispielsweise, dazu Anregungen jüngerer Bands wie The Strokes, The White Stripes, Franz Ferdinand oder The Libertines. Die Retro-Rock-Welle ist kein Phänomen aus Großbritannien. So klingt die Band

Koufax

sehr britisch, kommt aber aus dem Mittleren Westen der USA. Auf ihrer CD "Hard Times Are In Fashion" (ab 30. Mai im Handel) spielt die Band um Sänger Robert Suchan virtuos mit den Stilen und bedient sich gekonnt von Pulp bis Elvis Costello.

Bis der schwedischen Band Caesars der Durchbruch gelang, dauerte es volle zehn Jahre: 1995 gegründet, veröffentlichte die Gruppe ihre Alben mit melodischem Sixtie-Rock zunächst unter dem Namen "Caesar's Palace". Der bisher größte kommerzielle Erfolg gelang Caesars erst jetzt - dank der Werbekampagne für den iPod: Der von einem unverwechselbaren Orgelriff beherrschte Song "Jerk It Out" ist ebenso originell wie eingängig. So wie das ganze Album "Paper Tigers" (ab 17. Mai).

Die New Yorker Band

The Bravery

ist zwar vom Punk beeinflusst, erinnert aber auf ihrem gleichnamigen Debüt zugleich an New Order und The Cure und bekam von ihrer Plattenfirma für ihren melodischen Keyboard- und Gitarrenrock den merkwürdigen Aufkleber "Garage-Electronica" verpasst. Soll heißen: Es kracht und summt. Aber das richtig gut.

Dass aus Kanada nicht nur Hausfrauen-Rock von Bryan Adams kommt, zeigen die Burschen von

Hot Hot Heat.

Das Quartett klingt so, als habe die Punk-Revolution Ende der 70er Jahre nie geendet. Die Songs ihres zweiten Albums "Elevator" sind dreiminütige Party-Bomben, zu denen selbst Mensche mit den Füßen wippen, die selbst behaupten: "Ich tanze nie!"

Auch die englische Band Kaisers Chiefs schaut in den Rückspiegel der Rockmusik: Ihre Krawall-Hymne "I Predict A Riot"gleicht verdächtig dem Clash-Hit "I Fought The Law", ihre CD "Employment" macht dort weiter, wo Franz Ferdinand im vergangenen Jahr aufgehört haben.

Die Musiker von

Maximo Park

aus Newcastle stehen meist in Designer-Anzügen auf der Bühne und spielen explosiven Punk, der aber immer durch eingängige Popmelodien zusammengehalten wird. Wer Blur gemischt mit The Clash mag, dem wird ihre CD „A Certain Trigger“ (ab 17. Mai) gefallen.

Die größten Rock-Nostalgiker nennen sich ausgerechnet

The Futureheads.

Die englische Gruppe scheint aus großen Verehrern der Beach Boys zu bestehen. Sie mischt ihre Rocksongs mit stilsicheren A-cappella-Gesangseinlagen. Besonders die Ballade "Danger Oft The Water" könnte auch ein Song-Juwel der Sechziger sein, aus der Feder von Brian Wilson.

Gegen diese Frische von vorgestern klingen die Gallgher-Brüder von Oasis fast schon wie alte Herren auf Kururlaub.

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