Robbie Williams Der englische Patient


Seine Tournee gilt als Pop-Sensation des Jahres, sein Charme ist so überwältigend wie sein Erfolg. Welchen Grund also hat der brillante Entertainer Robbie Williams, an sich und seinem Leben zu zweifeln?

Neulich hat er wieder diese Stimmen gehört. Diese dämonischen Stimmen, die immer nachts kommen und sich in seine Träume stehlen. Du bist ein Versager! Ein Scharlatan! Ein verdammter Hochstapler!, haben sie geflüstert. Nichts von dem, was du erreicht hast, hast du auch verdient. Morgen werden sie kommen und dir alles nehmen, was du hast. Gib das Spiel auf!

Dieser Albtraum quält Robbie Williams, seit er als 16-Jähriger mit der Boygroup Take That berühmt geworden ist. Doch als er an einem Sonntagmorgen im Juli 2003 aus dem Schlaf hochschreckt, geht der Albtraum weiter. Williams ist allein in seiner 26-Zimmer-Villa; sein Hofstaat - bestehend aus zwei Köchen, drei Leibwächtern, zwei Putzfrauen, Gärtner, Fitness-Trainer und Sekretärin - ausgeflogen. "Ich kann nicht alleine sein", erinnert sich der Popstar an jenen Morgen. "Ich darf nicht alleine sein. Ich fuhr ins Kino und sah mir 'Matrix' an, aber das hat auch nichts geholfen. Wieder zu Hause habe ich eine Schlaftablette genommen." Da ist es drei Uhr nachmittags.

Irgendetwas muss schief gelaufen gelaufen sein im Leben von Robbie Williams. Auf den Bühnen seiner diesjährigen 'Escapology'-Tournee wurde er als Pop-Messias gefeiert. Die Tickets zu seinen Konzerten waren binnen weniger Stunden ausverkauft, mehr als eine Million Menschen kam, um ihn zu sehen. Selbstbewusst, selbstironisch, selbstverliebt beherrschte der 29-Jährige die Massen - sein großes Vorbild Frank Sinatra, lebte der noch, würde ihn ohne Zweifel adoptieren.

"Hinterher bin ich einfach nur traurig"

Selten zuvor gab es einen Popstar, auf den sich so viele einigen können: Für die Mädchen ist Robbie Williams neben schläfrigen Schönlingen wie Enrique Iglesias der unberechenbare Chaot, der bei seinen Auftritten auch schon mal die Hose runterlässt. Für die Jungs ist er der coole Hund, der an Drogen und Sexskandalen nichts auslässt. Sein älteres Publikum hat er mit Swingmusik eingefangen - sogar Angela Merkel besuchte sein Konzert in Berlin. Als die Musikkette HMV ihre Kunden nach den "20 besten Musikern des Jahrtausends" fragte, stellten die ihn auf eine Stufe mit Elvis und Mozart. Doch je größer die Verehrung wird, desto mehr verachtet sich der Verehrte selbst. "Das hat mir nie Spaß gemacht. Jeden Abend gehe ich auf die Bühne und zerreiße mich. Und hinterher bin ich einfach nur traurig."

Freunde nennen ihn Rob

Diejenigen, die ihn kennen, sagen niemals Robbie, sie nennen ihn nur Rob. Und für Rob ist der Popstar Robbie Williams nur eine schlechte Erfindung, eine mittelmäßige Rolle, eine aufgeblasene Kunstfigur, auf die er nach Belieben umschaltet, sobald er eine Bühne betritt. "Ich schuf vor langer Zeit diesen Robbie Williams, der die Leute fantastisch unterhält, und dabei merken sie gar nicht, dass ich mich überhaupt nicht amüsiere." In Williams' Wesen steckt eine zerstörische Macht, die ihm jede Freude am Erfolg verdirbt. Selbst seinen Freunden Bono und Elton John gegenüber fühlt er sich unterlegen. "Ich bin es nicht wert, in ihrer Nähe zu sein."

Dickerchen mit Schmalzlocke

August, 1990. Im Vorsprechzimmer einer Modelagentur in Manchester wird aus Robert Peter Williams der Popstar Robbie Williams. Der Besitzer des Ladens heißt Nigel Martin-Smith. Er träumt davon, im Musikgeschäft ein paar Millionen zu machen, obwohl er bislang nur eine Drag-Queen unter Vertrag hat. Seine Idee ist, eine Boygroup nach dem Vorbild der amerikanischen New Kids On The Block für den englischen Markt zusammenzustellen. Take That will er sie nennen, und vier Jungs hat er bereits zusammen: Mark Owen, Howard Donald, Jason Orange und Gary Barlow. An diesem Nachmittag betritt der letzte Kandidat das Zimmer. Robert Peter Williams ist ein dicklicher, schüchterner Junge mit hochgegelter Elvis-Schmalzlocke im Haar. Er kommt zusammen mit seiner Mutter. In seinem Geburtsort, der Arbeiterstadt Stoke-On-Trent, ist der 16-Jährige alles andere als einer, dem die Leute eine große Zukunft zutrauen. In der Schule rasselt er mit seiner Lese- und Rechtschreibschwäche durch alle Prüfungen. Die Mädchen reißen sich nicht gerade um ihn, verhöhnen ihn als "Fatsykins" ("Fettwanst"). Als er seinen Abschluss versiebt, rät ihm ein Lehrer: "Gehen Sie zur Armee. Da können Sie noch was werden."

Charme, Witz und Talent

Doch in dem Schulversager Robert Peter Williams glüht ein hoch begabter Entertainer. Und seine ehrgeizige Mutter Jan Williams, eine Blumenverkäuferin, setzt alles daran, dass die Welt dieses Talent auch zu sehen bekommt. Der Kleine muss auf Hochzeiten Schnulzen trällern, in Kaufhäusern Kindermode vorführen und im Stadttheater in Oliver Twist auf die Bühne. Seinen Charme und Witz hat er von seinem Vater Pete mitbekommen. Der schlägt sich als Kabarettkünstler in den örtlichen Kneipen und Hotels durch, bis er 77 zu einem Fußballspiel nach London fährt und nicht mehr nach Hause kommt.

Auch der Manager Nigel Martin-Smith sieht etwas in dem Jungen. "Seine Mutter hatte ihm offenbar eingetrichtert, wie man richtig aus dem Zimmer geht, so wie man es Mädchen beim Benimmunterricht beibringt. Er hatte dieses Funkeln in den Augen, und ich dachte: 'Du gehörst in die Band'." Nur der Name stimmt noch nicht. Warum nicht Robbie? Das klingt doch witzig, frech und irgendwie wie der Name eines Clowns aus dem Kinderfernsehen. Und tatsächlich wirkt der Neue zwischen den glatt polierten und dauergrinsenden Take-That-Jungs von Anfang an wie ein Außenseiter. Aus Rob wird Robbie, und Rob hasst den Namen vom ersten Tag an.

Das Konzept geht auf

Genauso wie den Leadsänger und Songwriter Gary Barlow, der Take That mit überzuckerten Teenie-Balladen versorgt. Über das erste Treffen sagt Williams: "Da saß so ein Kerl und hatte eine blöde lederne Aktentasche mit Notenblättern dabei, auf denen lauter beschissene Schnulzensongs standen."

Doch das Konzept geht auf. Während die Jungs mit 150 Pfund Taschengeld pro Woche abgespeist werden, entwickelt sich das Unternehmen Take That schnell zu einer Gelddruckmaschine. Ende 1994 sind es bereits 80 Millionen Pfund, die fünf Jungs werden als "die heißesten Teenie-Idole der Welt" ('Rolling Stone') gefeiert. Nur Williams wird immer unglücklicher in seiner Rolle als tanzender Band-Clown im Hintergrund. In Interviews verdonnert man ihn oft zum Schweigen; seine Versuche, eigene Songs unterzubringen, werden abgewiesen. Als er Gary Barlow einmal ein Gedicht am Telefon vorliest, sagt dieser: "Ist ja in Ordnung, Junge" und legt auf.

Kokain, Wodka und Guinness

Als Take That auf ihre erste Stadiontour gehen, beginnt Williams heimlich Kokain zu schnupfen. Bald braucht er es täglich, nach ein paar Wochen ist er abhängig. Die Depressionen, die der weiße Stoff mit sich bringt, spült er mit Wodka und Guinness hinunter. Es ist der Beginn der Robbie-Williams-Geschichte, die sein Publikum bis heute fasziniert. Eine Geschichte, die von Abstürzen und Aufstiegen erzählt, von Sucht und Entzug, von der Suche nach Liebe und der Unfähigkeit, sie zu finden. Seine besten Lieder wie 'Angels', 'Feel', 'Supreme*' oder 'Come Undone' haben alle dieses Thema. Robbie Williams, der tragische Held in den einsamen Höhen des Ruhms, der seine Fans miterleben lässt, wie es ist, gleichzeitig auserwählter Star und verlorener Sohn zu sein. Der Beginn seiner Drogensucht ist auch der Moment, in dem es zur Spaltung zwischen dem Privatmenschen und der Medienfigur kommt. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Rob, so sagen Freunde, ist still und hat Angst, mit Fremden zu sprechen. Robbie hingegen ist überheblich, lebt von der Droge der Schmeichelei, vom Kreischen der Fans und dem Sex mit Groupies.

Das Leiden wird zum Gesamtkunstwerk

Natürlich wimmelt es in der Popgeschichte von jungen Helden, die die Kluft zwischen öffentlicher Bewunderung und dem morgendlichen Blick in den Spiegel mit Alkohol und Kokain zu schließen versuchten. Doch was Williams von Jim Morrison, Jimi Hendrix oder Kurt Cobain unterscheidet, ist, dass er seine Leidensgeschichte schon zu Lebzeiten zu seinem eigenen Gesamtkunstwerk gemacht hat.

Als Williams am 13. Juli 1995 aufgrund seiner Sucht aus der gut geschmierten Teenie-Maschine Take That fliegt, wird die Öffentlichkeit zum Beichtstuhl seiner Drogeneskapaden. Und er lässt sie teilhaben an seinen seelischen Verletzungen. Er hat vor seinem Publikum Geständnisse abgegeben, die man sonst nur auf einem Treffen der Anonymen Alkoholiker erwartet. Der britischen Musikzeitschrift 'Q' offenbarte er: "Ich trinke nicht aus Geselligkeit. Ich trinke, um betrunken zu werden. Wenn ich trinken will, ziehe ich alleine los, weil ich in diesem Zustand sowieso mit keinem reden kann. Da kommt mir nichts Spontanes über die Lippen außer: Hast du Kokain für mich?"

Ein ruhiges Leben am Mulholland Drive

Inzwischen mag er die Rolle des Pop-Tragöden nicht mehr spielen. In seiner neuen Heimat Los Angeles lebt er alles andere als ein wildes Partyleben. Sein Wohnviertel am Mulholland Drive in Beverly Hills ist ein bewachtes Reservat der Hollywood-Prominenz. Es gibt dort drei, vier Privatstraßen mit Rasenflächen dazwischen, die aussehen, als wären sie mit der Nagelschere geschnitten. Dort fährt Williams, der wegen seiner Kurzsichtigkeit immer noch keinen Führerschein gemacht hat, manchmal seinen Ferrari im Ruckeltempo spazieren. Neulich hat ihm sein Nachbar, der "Beach Boy" Brian Wilson, einen Zettel unter der Tür durchgeschoben, ob er nicht mal Lust hätte, einen Song aufzunehmen. "Aber der ist wahrscheinlich so stark auf Medikamenten, dass er gar nicht weiß, wer ich bin", befürchtet Robbie Williams.

Er will seine "bessere Hälfte" finden

Gegenüber wohnen Tom Jones und Robert DeNiro, aber oft bekommen sie ihren Nachbarn nicht zu sehen, weil der nur ab und zu im Deli-Restaurant um die Ecke einen Café latte trinkt oder morgens kurz seine drei Hunde ausführt. Robbie Williams kämpft immer noch gegen seine Kokainsucht und Depressionen. Täglich schluckt er das starke Antidepressivum 'Effexor'. Als er die Pille vor ein paar Wochen einmal vergaß, sagt er, habe er sich so elend gefühlt wie bei einem Drogenentzug. Er will jetzt seine "bessere Hälfte" finden und "Kinder in die Welt setzen". Manchmal treibt er sich in den Singlebars auf dem Sunset-Boulevard herum, "aber ich bin vorsichtig geworden, denn mit seelenlosen Sex kommt auch der Selbsthass. Ich könnte hier eine Menge Sex haben, aber ich suche eine Frau."

Robbie Williams hatte in seinem Leben noch nie eine richtige Beziehung. Alle seine viel bestaunten Affären, vom Ex-Spice-Girl Geri Halliwell über die Schauspielerin Nicole Kidman bis zu seiner letzten Verflossenen Rachel Hunter, waren am Ende nichts weiter als gut inszeniertes Klatschfutter für die Boulevardpresse. Der Sexgott Williams gab derweil das klägliche Bekenntnis ab, dass er eigentlich nur betrunken mit Frauen schlafen könnte.

Kein Glück in Amerika

Seinen oft angekündigten Eroberungsfeldzug in Amerika hat er längst aufgeben. Der britische Humor, für den er in Europa verehrt wird, stößt bei den Amerikanern eher auf Entsetzen - bei einem Konzert in Atlanta kam er aus Spaß nackt auf die Bühne, doch das Publikum erkannte ihn nicht und glaubte, es handle sich um einen entflohenen Irren. 30 Millionen Platten hat Williams in Europa verkauft, in den USA brachte er es mit 'Escapology' gerade mal auf 500.000 Stück. Das liegt auch daran, dass die Amerikaner ihren eigenen Pop-Gott feiern: Justin Timberlake, sieben Jahre jünger als Williams, dabei wie jener Überlebender einer Boygroup-Hysterie ('NSYNC). Doch während Timberlake eine Show daraus macht, perfekt zu sein, ist Williams perfekt darin, eine Show aus sich selbst zu machen.

Zum Abschluss seiner Welttour in Australien verkündete er kürzlich: "Egal, was ich als Nächstes mache, es wird etwas anderes sein. Es wird das Ende von Robbie Williams als Singer-Songwriter und Entertainer sein." Sieht so aus, als hätte sich Robert Peter Williams vom Popstar Robbie verabschiedet. Aber abgeschüttelt hat er ihn erst, wenn die Stimmen in der Nacht schweigen.

Hannes Ross print

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