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stern-Gespräch: Roland Kaiser über das Versagen der Politik und wie Reiche helfen könnten

Roland Kaiser macht sich Sorgen um den sozialen Zusammenhalt in Deutschland. Der Sänger fordert eine Vermögensteuer und würde lieber mehr Steuern zahlen, um gute Schulen, Krankenhäuser und Feuerwehren zu haben.

Von Arno Luik

Roland Kaiser äußert sich im stern-Gespräch äußerst politisch.

Roland Kaiser äußert sich im stern-Gespräch äußerst politisch.

Seit über vier Jahrzehnten ist Roland Kaiser als Musiker bekannt, der vor allem die Liebe besingt ("Santa Maria", "Warum hast du nicht nein gesagt?"). Er wolle bei seinen Konzerten "keine Geschichtsstunden auf der Bühne" machen, sagte Kaiser in einem Gespräch mit dem stern, er wolle einfach unterhalten: "Für die Dauer eines Konzerts spielt die Welt draußen keine Rolle."

Kaiser, der in den 50er und 60er Jahren in Berlin-Wedding als Findelkind in Armut aufgewachsen ist, hat trotz seines Erfolgs (fast 100 Millionen verkaufte Platten) seine Herkunft nicht vergessen: "Einmal in der Woche hat man mich gebadet, in einer Wanne, in der vorher Wäsche gewaschen wurde", erzählte er dem stern, "einmal in der Woche gab es statt Brot ein Brötchen – das war Luxus." Es ist diese Vergangenheit, sagte der heute 64-Jährige, die ihn geprägt habe: "Ich bin ein großer Freund der Sozialen Marktwirtschaft – so wie es die Gründerväter der Bundesrepublik wollten: sozial also groß geschrieben." Es bedrücke ihn, "wie heute die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht". Kaiser: "Da versagt die Politik."

Roland Kaiser - "auf der Sonnenseite des Lebens"

Er jedenfalls mache sich große Sorgen, dass die zunehmende soziale Spaltung das Land gefährdet. Und es ärgere ihn, dass die Politik dagegen ernsthaft nicht handele. So verstehe er nicht, weshalb es in Deutschland keine Vermögensteuer gebe, schließlich gebe es die überall, "bei uns aber nicht, da macht man darum ein Mordsgewese". Er selbst, so Kaiser, sei heute "auf der Sonnenseite des Lebens" – und deshalb auch bereit, mehr Steuern zu bezahlen – "um gute Schule zu haben, gute Krankenhäuser, funktionierende Feuerwehren". Denn "mit Steuern kann man steuern, was für eine Gesellschaft man bekommt, ob es gerecht oder ungerecht zugeht."

 Roland Kaiser, der unter anderem auch Schirmherr der Cottbuser Tafel ist, findet "es erschreckend", was er dort erlebt: "Da kommen Menschen, die Jobs haben, aber trotzdem nicht genügend verdienen. Da sind Rentner, die nicht über die Runden kommen, da kommen junge Menschen, die perspektivlos sind. Sie alle müssen ihre Scham überwinden, zur Tafel zu kommen, das verletzt ihren Stolz, ihr Selbstwertgefühl, das beschädigt ihre Würde." 

Solche Erfahrungen erklären für Kaiser auch, warum die Volksparteien Wähler verlieren: "Wenn die etablierten Parteien auf diesen sozialen Zerfall keine Antwort finden, wenn sie die Abgehängten, die immer mehr werden, abgehängt lassen – dann kriegen Parteien Zulauf, die Scheinlösungen bieten, die einem nicht gefallen können, die gefährlich sind."