HOME

Rolando Villazón: Mein Leben übersteigt meine Träume

Er ist ein wunderbarer Tenor, ein Schauspieler und Clown: Der Mexikaner Rolando Villazón stürmt die Opernbühnen der Welt. Bei den Salzburger Festspielen ist er neben Anna Netrebko der Star in Verdis "La Traviata".

Von Christine Claussen

Als Gott Rolando Villazón schuf, da muss er in Verschwenderlaune gewesen sein. Er gab ihm ein großes Herz, eine herrliche Stimme, Feuer, Adrenalin und so viele weitere Gaben, dass unbestechliche Kritiker heute bis ans Ende der Welt fahren würden, um den Jung-Tenor singen zu hören. In London flocht man ihm Kränze: "Mexikanischer Wahnsinn!", "Der neue Domingo!" Im Münchner Herkulessaal geriet im Juni das Publikum in Ekstase, als sei es das Konzert einer Rockband und nicht der Liederabend eines gestern noch fast unbekannten Tenors.

"Gut!", sagt Rolando Villazón und lacht, "Gut! Ich liebe Fame and Glory!" Er springt auf, wirft den Kopf in den Nacken und einen Arm vor die Brust: "I love it, und ich sage Ihnen, warum: Geld vergeht, das Leben vergeht, alles vergeht. Aber Fame and Glory - das bleibt!" Wir sitzen im Garten seines Salzburger Hauses. In der Nachbarschaft kräht ein Hahn, Flugzeuge dröhnen über das Haus. Villazón hat es für sich und seine Familie - seine Frau Lucia und die beiden kleinen Söhne - gemietet, solange er in Salzburg "La Traviata" probt und aufführt.

Verdis hinreißende Schmachtoper gilt als der Knaller der diesjährigen Salzburger Festspiele: mit der russischen Superdiva Anna Netrebko als Violetta und Rolando Villazón als Alfredo. Alle wollen das neue Traumpaar sehen. Die "Traviata" ist achtmal, geradezu "hysterisch" überbucht, wie eine Zeitung schrieb. Selbst der "Jedermann" mit Veronica Ferres schaffte es bloß auf 2,4-mal. Man muss schon sehr weit zurückgehen, bis ins Jahr 1962, bis man Ähnliches findet: Damals sang Leontyne Price im "Troubadour", und Herbert von Karajan dirigierte.

Der Rolando-Hype begann,

als er vor einem guten Jahr in Covent Garden debütierte. Die reservierten Londoner ließen sich zu Standing Ovations hinreißen für den schwarzlockigen Mexikaner mit den leidenschaftlichen Augen und der schönen Stimme, der da den "Hoffmann" gab. Zur gleichen Zeit kam seine erste CD heraus. "Das war der Urknall", sagt Villazón im Salzburger Garten, "seitdem ist es dadadadadadadadada! gegangen, und - Surprise, Surprise - es ist wunderbar!" Wenn es weitergehe in diesem Tempo, sagt er und lacht sein ansteckendes Lachen, "dann bin ich im nächsten Jahr vielleicht schon im Ruhestand!"

Er spricht fünf Sprachen, darunter Deutsch. Warum spricht ein junger Mexikaner deutsch? Es hängt damit zusammen, dass er eigentlich Roth heißen müsste. Seine Urgroßmutter ("Omi") und sein Großvater Emilio Roth emigrierten während der Nazizeit aus Österreich nach Mexiko. Dort heiratete Emilio eine Mexikanerin, und Rolandos Vater wurde geboren. Die Ehe ging schief. Rolandos Großmutter heiratete in zweiter Ehe einen Señor Villazón, hatte vier Kinder mit ihm, gemeindete ihren ersten Sohn in die neue Familie ein, und der Name Roth ging verloren. Dass Rolando trotzdem deutsch spricht, das wiederum hat mit "Omi" zu tun, die wünschte, dass ihre Urenkel etwas von ihrer Kultur erfahren. Darum besuchte der kleine Rolando die einzige deutsche Schule im Land, das Colegio Alemán Alexander von Humboldt in Mexico City.

Mit dem inzwischen 33-Jährigen

ein Interview zu führen ist ungemein amüsant. Es geht ungefähr so: "Was mich wütend macht? (Hahn kräht im Hintergrund) Wenn mitten im Interview ein Brathähnchen kräht. (Lacht) Nein, ich muss nachdenken. (Lange Pause, Schweigen) ... Beep! Die Zeit ist um! Mir fällt nichts ein. (Lacht, Flugzeuglärm) Oder doch! Wenn die Leute im Konzert husten. Ich verstehe, wenn sich jemand nicht so gut fühlt und so (hustet leise) macht. Aber manchmal hat man das: (hustet sehr laut) Was soll das? Und dann kommt noch dies (schneuzt sich prustend die Nase). Man glaubt es nicht! Und es ist ansteckend! Oh, es hat einer gehustet? (Hustet) Ich auch! (Hustet) Und ich noch lauter! (Hustet sehr laut). Ein Regisseur darf sein Stück auf keinen Fall mit einer Szene anfangen, die im Wald spielt oder nachts im Freien. Den Leuten wird dann sofort kalt (hustet anhaltend, lacht)."

Wenn er nicht Sänger geworden wäre, wäre er Clown geworden. Oder Schauspieler. Sänger wollte er jedenfalls auf keinen Fall werden. Mit einer schönen Stimme bloß schöne Töne erzeugen, das kam ihm leer vor und sinnlos. Dann schon eher Tänzer. Oder vielleicht doch Karikaturenzeichner am Pariser Montmartre? Wer viele Begabungen hat, hat die Qual der Entscheidung. Aber manchmal gibt es auch diese glücklichen Konstellationen des Schicksals, die wie Zufall aussehen. Rolando war zwölf Jahre alt, als der Leiter der Akademie für darstellende Künste von Mexico City auf dem Weg zu einer Party ihn zufällig singen hörte. Er läutete und fragte Rolandos Mutter: "Wer singt da?" "Das ist mein Sohn. Er singt unter der Dusche." Ob es zu laut sei? Nein - der Direktor lud ihn zu den Aufnahmeprüfungen der Schule ein, erzählt Villazón: "Ich glaube, ich hatte "Impossible Dream" gesungen, ich singe immer unter der Dusche." Fortan besuchte er vormittags die deutsche Schule, und nachmittags hatte er Schauspiel-, Musik- und Ballettunterricht.

"Ich wollte immer Schauspieler werden", sagt er. "Als ich die Biografie von Gandhi las, habe ich mir den Kopf kahl geschoren, so eine komische Brille gekauft und ein langes Gewand. So bin ich auf die Straße gegangen, die Leute dachten wahrscheinlich: "Der hat einen Knall!" Ich hatte auch eine Huckleberry-Finn- und eine Don-Quijote-Phase." Noch heute als Tenor ist sein Credo (und seine Kunst), dass Oper Theater sein muss: "Bloß schön singen, das ist für mich nicht genug. Ich möchte Menschen darstellen, Charaktere. Für mich muss die Stimme dem Charakter dienen und nicht umgekehrt."

Nachdem er mit 18

auf einer Schulfeier zwei Arien sang, die er sich bei seinem Idol Plácido Domingo ("Ich habe nie eine schönere Stimme gehört") abgeguckt hatte, habe der Bariton Arturo Nieto ihm Gesangsunterricht gegeben und ihm eine ganz neue Welt eröffnet, sagt Rolando, eine, in der das Schauspielern und das Singen plötzlich miteinander zu vereinbaren waren.

Doch dann rief der liebe Gott. Rolando beschloss, Priester zu werden: "Ich war damals sehr idealistisch", sagt er, "Ich wollte allem entsagen und Christus folgen." Er besuchte ein Priesterseminar und verbrachte drei Sommer in Missionen in den Bergen bei den Ärmsten der Armen. Schließlich wurde ihm klar, dass für einen wie ihn nicht ein Orden, sondern die Bühne der richtige Platz war. Er sei glücklich, dass er erst so spät zur Oper gefunden habe: "Ein Sänger muss viel erlebt haben, um gut singen zu können."

Es beginnt zu regnen, wir gehen ins Haus. Auf einem Stuhl steht noch unausgepackt die schwarze Tasche, mit der er vor drei Tagen von Salzburg für einen Tag nach London geflogen war, zur letzten Aufführung von "Rigoletto". "Tut mir leid, dass ich Ihnen nichts anbieten kann", sagt er, "das Einzige, was ich habe, sind Choco Crispies." Die Küche weist keinerlei Gebrauchsspuren auf, den ganzen Tag sind Proben, abends fällt er todmüde ins Bett. Lucia, seine Frau, wird erst in einigen Tagen mit dem zweieinhalbjährigen Dario und dem einjährigen Matteo aus Paris nachkommen, wo sie wohnen. "Lucy" begleitet ihn auf fast all seinen Reisen, "damit ich keine Dummheiten mache", sagt er und lacht. Sie ist Psychologin, und sie war es auch, die Rolando vor neun Jahren vorschlug, eine Analyse zu beginnen. Noch heute telefoniert er mehrmals in der Woche mit Alejandro Radchik, seinem Analytiker in Mexico City: "Eine gute Investition! Es macht einen kreativer, man setzt das Beste in sich frei."

Er versuche so zu leben, als sei jeder Tag sein erster. Er bewahrt nichts auf, keine Fotos, keine Programme: "Ich will jetzt leben. Jeden Tag passiert so viel Aufregendes, Neues, und ich will das nicht stoppen." Dass man dafür hart arbeitet, ist klar: "Bei keinem, der es bis ganz oben geschafft hat, ist es nur Glück." Er sei ein 24-Stunden-Performer: "Ich befrage mich ständig. Ich komme nach Hause und spiele weiter den Alfredo - meine Kinder denken, ihr Vater ist verrückt."

Man bemerkt beides an ihm: die Ernsthaftigkeit und den Ehrgeiz des Künstlers und eine verspielte Freude an der Leichtigkeit des Seins. Zum Beispiel, wenn er mit Anna Netrebko den zweiten Akt der "Traviata" probt. Sie im knallroten Kleid und unglaublich flirty. Turtelt mit ihm, zieht ihm die Krawatte zurecht, sie balgen wie junge Hunde. Um im nächsten Moment, sozusagen übergangslos, mit großem Ernst tief in ihren Rollen zu sein. "Man muss das, was man tut, mit der Ernsthaftigkeit eines Kindes tun, das glaubt, dass es ein Bär ist", sagt Rolando. Anna sei sehr spontan und natürlich, "ich liebe es, mit ihr zu arbeiten. Abends sind wir müde, weil wir so viel gelacht haben."

Mittlerweile werden auf dem Schwarzmarkt 1500 Euro für eine "Traviata"-Karte geboten. "Wahnsinn!", sagt Rolando, springt auf und schmettert: "Alle wollen das Traumpaar sehen ...!" Bei ihnen funktioniere es, "weil wir okay miteinander sind und nicht konkurrieren". Bereits im Frühjahr haben sie in Los Angeles viel beachtet "Romeo und Julia" gegeben. Alle nahmen Soloapplaus, nur Anna und er gingen gemeinsam an die Rampe. Obwohl die Kritiker sie zu spalten versuchten: "Romeo and ... what's her name?" titelte die "Los Angeles Times" und schrieb drunter: "Anna Netrebkos Julia ist schön, aber Rolando Villazón ist nicht zu stoppen." Kürzlich hat Anna gesagt: "Du wirst sehr erfolgreich sein!" Und Rolando antwortete: "Vielleicht. Aber dies ist "La Traviata", und das ist deine Oper, und so muss es sein." Schließlich sei sie eine große Diva in Salzburg, er habe keinerlei Probleme damit.

Im Gegenteil: "Das Leben ist einfach wundervoll! Es übersteigt all meine Träume. Dabei habe ich die Gewohnheit, groß zu träumen. Sehr groß sogar." Sagt Rolando und lacht.

print