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Indie-Musiker: Enthüllungen der "New York Times": Ryan Adams wird psychischer Missbrauch vorgeworfen

Er galt als Mädchenschwarm, als sensibler Musiker, der sich nie scheute, in den sozialen Medien auf Augenhöhe mit seinen Fans zu kommunizieren. In einem großen Enthüllungsartikel in der "New York Times" wird allerdings ein erschreckend anderes Bild von Ryan Adams gezeichnet.

Hat Indie-Musiker Ryan Adams Frauen manipuliert, missbraucht und ausgenutzt?

Hat Indie-Musiker Ryan Adams Frauen manipuliert, missbraucht und ausgenutzt?

Picture Alliance

Die Chance, dass Sie Ryan Adams nicht kennen, ist relativ groß. Der New Yorker bewegt sich selten in den normalen Charts, aber in der Indie-Szene ist er ein Star. Auch seine Deutschland-Konzerte sind meist blitzschnell ausverkauft. 2001 eroberte er mit der Single "New York, New York" die Herzen der Indie-Fans und schob seither immer neues Material nach. Unter anderem das emotionale Doppelalbum "Cold Roses" oder die Cover-Platte "1989", auf der er witzigerweise Taylor-Swift-Songs coverte. So weit, so gut. Doch was man in der Nacht zu Donnerstag über den Musiker erfuhr, rückt ihn in ein gänzlich anderes Licht.

Eine ganze Gruppe junger Frauen erhebt in der "New York Times" drastische Vorwürfe gegen den 44-Jährigen. Darunter die inzwischen selbst erfolgreiche Indie-Musikerin Phoebe Bridgers, mehrere andere aufstrebende Künstlerinnen und auch Adams' Ex-Frau Mandy Moore, die einst selbst ein veritabler Popstar war und inzwischen extrem erfolgreiche Schauspielerin ("This Is Us") ist. Besonders erschreckend: Adams flirtete angeblich fast drei Jahre lang online mit einem Mädchen, das zu Beginn der "Beziehung" gerade erst 14 Jahre alt war.

Er wollte die damals 14-Jährige groß rausbringen

Die heute 20-jährige junge Frau, die die Autoren des "New York Times"-Artikels zu ihrem eigenen Schutz nur Ava nennen, lebte in einer Kleinstadt und gibt an, dass sie sich damals sehr einsam fühlte. Sie wurde von ihren Eltern zuhause unterrichtet, da sie zuvor in der Schule gemobbt wurde. Da sie ein großes Talent fürs Bassspielen hatte, fuhren ihre Eltern sie oft zu Auftritten in Kneipen und kleinen Clubs. Durch ein Video von einem solchen Gig wurde Ryan Adams auf Ava aufmerksam und schrieb sie offenbar via Twitter an. "Er war wirklich nett und cool", so Ava. Adams lobte ihr Talent und machte ihr Hoffnungen, dass er eine Band, in der Ava mitspielen solle, groß rausbringen wolle. Doch angeblich wurde der wurde der freundschaftlich-professionelle Nachrichtenaustausch schnell sexuell.

Den Reportern der "New York Times" liegen offenbar allein aus einem Zeitraum von neun Monaten, als Ava 15 und 16 Jahre alt war, ganze 3217 Nachrichten vor, die die beiden sich schrieben. Viele davon sollen eindeutig sexuell sein. Ryan Adams soll Ava auch Nacktfotos geschickt haben. Auch von ihr forderte er solche ein – und bekam sie. Gelegentlich fragte er sie nach ihrem Alter, woraufhin das Mädchen ausweichend antwortete, aber dem Musiker muss klar gewesen sein, dass sie nicht 18 war. Das machen Nachrichten wie "Ich würde Ärger bekommen, wenn jemand wüsste, dass wir so miteinander reden" oder "Wenn die Leute das wüssten, würden sie sagen, ich sei wie R. Kelly, LOL" deutlich.

Adams habe von Avas Alter nichts gewusst, sagt er

Dennoch streitet Adams inzwischen vehement ab, von Avas Minderjährigkeit gewusst zu haben. "Ich würde nie einen unangemessenen Kontakt zu jemandem haben, von dem ich glaubte, er sei minderjährig. Punkt", schreibt er auf Twitter. Sein Anwalt Andrew B. Brettler kommentiert: "Mr. Adams bestreitet unmissverständlich, dass er jemals unangemessene sexuelle Onlinekommunikationen mit jemandem betrieben hat, von dem er wusste, dass er minderjährig ist."

Der Fall Ava ist aber nicht der einzige, in dem Adams sich verteidigen muss. Laut der "New York Times" werfen ihm auch verschiedene andere - volljährige - Musikerinnen vor, dass er sie mit dem Angebot, sie in ihrer Karriere zu unterstützen oder Songs mit ihnen zu produzieren, gelockt habe. Wenn sie dann seine sexuellen Avancen abgewiesen hätten, wäre auch aus der musikalischen Unterstützung nichts mehr geworden.

Die Musikerin Phoebe Bridgers, die damals 20 Jahre alt war, hatte sich auf eine kurze Beziehung mit Ryan Adams eingelassen. Auch sie hatte er angeblich mit dem Angebot gelockt, ihre Musik zu produzieren. “Da bestand ein Mythos um ihn", sagte sie der "New York Times". "Es schien, als hätte er die Macht, Menschen nach vorne zu bringen." Doch schon nach ein paar Wochen begann er, sie mit Textnachrichten zu bombardieren. Er wollte angeblich ständig wissen, wo sie sei und forderte sie wiederholt auf, Treffen mit Freunden oder Partys zu verlassen, um mit ihm Telefonsex zu haben. Wenn sie nicht sofort antwortete, habe sie Selbstmorddrohungen von ihm bekommen, so Bridgers. Als sie die Beziehung deshalb beendete, erlosch auch Adams' Enthusiasmus, ihre Songs zu veröffentlichen. Zwei weitere junge Musikerinnen erlebten ein ähnliches Verhalten, wollten aber keine Affäre mit Adams eingehen.

Sexuelle statt professionelle Beziehungen

Und auch Adams' Ex-Frau Mandy Moore bestätigt dieses Verhalten. Die heute 34-Jährige, die durch ihre Rolle in der Serie "This Is Us" gerade einen Karrierehöhepunkt erlebt, berichtet von psychologischer Gewalt durch den Indierocker. Er habe sie zu Anfang der Beziehung gedrängt, Kontakte zu anderen Managern und Produzenten abzubrechen und versprach ihr, von nun an ihre Musik zu produzieren. Doch obwohl beide zahlreiche Songs zusammen schrieben, passierte das nie. Stattdessen warf er ihr angbelich an den Kopf, keine echte Musikerin zu sein. Er sei kontrollierend und herabwürdigend gewesen. Das sagt auch Adams' ehemalige Verlobte Megan Butterworth, die sich nicht nur isoliert und kontrolliert, sondern auch körperlich bedroht gefühlt habe.

Ryan Adams entschuldigte sich auf Twitter bei den betroffenen Frauen: "Ich bin kein perfekter Mensch und ich habe viele Fehler gemacht. Bei jedem den ich jemals verletzt habe, egal wie unbeabsichtigt, möchte ich mich von Herzen und bedingungslos entschuldigen." Es ist allerdings zu vermuten, dass die warmen Worte zumindest im Fall Ava nicht ausreichen werden.

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wt