Singende Mönche Mit Youtube zur Stille


Wunder gibt es immer wieder. Und manchmal auch in einem Kloster: Die Brüder vom Stift Heiligenkreuz erobern zurzeit mit ihren gregorianischen Gesängen die Charts. Ausgelöst hat das Ganze ein Video im Internet. Ein Besuch bei der berühmtesten katholischen Boygroup.
Von Hannes Ross

Milchiger Nebel steigt aus den Hügeln des Wienerwaldes, als sich in der Klosterkirche rund 20 Mönche zur Frühmesse versammeln. Es ist kurz vor sechs Uhr morgens; die Männer, gekleidet in weiße knielange Gewändern, sitzen im hölzernen Chorgestühl. Ihre Blicke ruhen auf den gewaltigen Gesangbüchern, die vor ihnen liegen. Einer der Mönche unterdrückt ein Gähnen, ein anderer schielt kurz rüber zu den Besucherbänken. Nur sechs Zuhörer.

Die Frühmesse ist ein eher schlechtbesuchter Auftritt der Stars vom Stift Heiligenkreuz, einem Kloster, 20 Minuten von Wien entfernt. Die aktuelle CD "Chant - for Paradise" hört hingegen ein Millionenpublikum. Mit ihren gregorianischen Gesängen lassen die Mönche sogar Popstars wie Amy Winehouse und Madonna hinter sich. Mehr als 300.000 Mal hat sich die CD verkauft.

Als der Abt des Klosters, Gregor Henckel-Donnersmarck, mit einem Finger auf sein Pult klopft, sammeln sich die Mönche kurz und beginnen dann zu singen. Hohe Männerstimmen erheben sich und schweben durch das Kirchenschiff. Getragen und schnörkellos, hynotische Melodien in lateinischer Sprache. Ohne Anfang, ohne Ende. Man hört nur kurz hin und ist völlig fasziniert. Fünf Mal am Tag kommen die Zisterziensermönche zusammen, um singend zu beten. Und so geht das schon seit der Klostergründung im Jahre 1133.

Auf den letzten Drücker zum Plattenvertrag

"Chant - for Paradise" ist keinesfalls die erste CD der Mönche, seit Jahren produzieren sie eigenständig Alben - doch in den Charts waren sie bislang nie gelandet. Um einmal Geld zu sparen, beteiligten sich die Mönche Anfang 2008 an einem Wettbewerb für Kirchengesänge. Ausgeschrieben hatte ihn die Plattenfirma Universal, bei der Stars wie Eminem oder Rammstein unter Vertrag sind. Am letzten Tag der Bewerbungsfrist schickte Pater Karl per Internet einen selbstgedrehten Videoclip. Die Musikmanager waren begeistert. Ein paar Wochen später kamen fünf Tontechniker aus London und nahmen die Mönche live beim Singen in der Kirche auf.

Wenn man Pater Karl Wallner danach fragt, warum sich ausgerechnet jetzt alle Welt für jahrhundertealte lateinische Gesänge begeistert, liefert er zur Antwort gleich eine Dosis Gesellschaftskritik mit. "Es ist eine zutiefst gesunde Musik, die Menschen mit dem Übernatürlichem verbindet und dabei auch aus dem platten, dumpfen Materialismus unserer Zeit befreit", sagt Wallner. Er ist ein großer Mann mit breiten Schultern und sanfter Stimme. Als er 18 war, trat er dem Kloster bei, weil er sich, so sagt er, in der Schule in Gott verliebte. Inzwischen ist er 45 Jahre alt und nicht nur Professor der angeschlossenen päpstlichen Hochschule, sondern auch so etwas wie der Bandmanager der singenden Heiligenkreuz-Mönche. Wallner war bereits in London und gab Interviews zum überirdischen Erfolg seiner Brüder.

Pater Wallner betet für Amy Winehouse

Auch Amy Winehouse profitiert davon. Jedenfalls was den geistlichen Beistand betrifft. Als neulich die Meldung kam, dass die Mönche Winehouse in den Charts überholt hatten, wollte sich Wallner im Internet über die ihm unbekannte Sängerin schlau machen. "Seitdem ist sie mir ein festes Gebetsanliegen. Sie hat einen Lebensstil, der sehr bedenklich ist. Ihre Musik klingt dabei gar nicht aggressiv und selbstzerstörerisch."

Fast alle Mönche nutzen das Internet, es gibt ein Basketball- und ein Fußballteam, und natürlich, so sagt ein junger Mönch, habe man gemeinsam die Fußball-EM im Fernsehen geschaut. Viele Aussteiger aus der Wirtschaft und akademischen Berufen, darunter auch ein Mediziner, haben sich hier zusammengefunden. Wie Heiligenkreuz Tradition und Moderne verbindet, wird einem spätestens dann klar, wenn sich das kleine silberne Handy von Pater Karl meldet. Es singt "Veni Creator Spritus". "Mein Handy betet, bevor ich rangehe", sagt Pater Karl. Und grinst breit. Pater Karl ist ein Comedy-Fan. Heute abend will er ins Kino. "Da läuft irgendeine James-Bond-Verarsche. So etwas liebe ich!"

Hier entstand "Das Leben der Anderen"

Im vergangenen September besuchte Papst Benedikt das Kloster auf seiner Pastoralreise durch Österreich. Einen Monat später kam Florian Henckel von Donnersmarck vorbei, der Neffe des Abtes, um gemeinsam mit den Mönchen den Oscar für seinen Film "Das Leben der Anderen" zu feiern. Donnersmarck hatte sich vor ein paar Jahren ins Kloster zurückgezogen und innerhalb von fünf Wochen das Drehbuch geschrieben.

"Von meinem Fenster aus konnte ich Florian abends immer beim Schreiben in seiner Zelle beobachten", sagt Abt Donnersmarck, "aber ich hatte wirklich keine Ahnung, worüber er da schreibt. Er schaute damals viele Action-Filme. Ich war dann wirklich erleichtert, dass er einen so guten und bedeutsamen Film gemacht hat." Abt Donnersmarck ist ein Spätberufener. Erst mit 34 trat der studierte Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Geschäftsführer einer Spedition dem Kloster bei. Jetzt wacht er sorgsam darüber, dass seine Mönche nicht abheben. "Wir sollten auf das Gebet stolz sein, nicht auf den Plattenerfolg." Aber natürlich profitiert das Kloster davon. 50 Cent pro CD, so heißt es, fließen in die Priesterausbildung. Den Rest kassiert die Plattenfirma.

Bei Pater Wallner laufen täglich Dutzende von Konzertanfragen auf. Gemeinden, Kirchenverbände, aber auch große Firmen würden die Mönche gern auf einer Bühne sehen. Abt Donnersmarck lehnt das kategorisch ab. "Unser Gesang ist Gebet, keine Show." Eine Ausnahme würde er allerdings machen. "Wenn Papst Benedikt uns einlädt, würden wir singen."


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