Streisand in Berlin Trotz Macken "wunderbar"


Sie liest vom Teleprompter ab, macht schon nach 20 Minuten Pause und ihre Gags sind einstudiert: Trotzdem wurde Barbra Streisand in Berlin bei ihrem ersten Deutschlandkonzert frenetisch gefeiert.
Von Jens Maier, Berlin

Die schockierende Nachricht gleich vorweg: Die Streisand liest vom Teleprompter ab. Egal ob Songtexte oder die meisten ihrer Gags fürs Publikum: Alles, aber auch wirklich alles, wird auf einer kinoleinwandgroßen Anzeigetafel gegenüber der Bühne angezeigt. "Ich bin so glücklich hier in Berlin zu sein" - abgelesen, "I love Currywurst, Buletten und Pfannkuchen" - ist schon ehe sie's sagt zu sehen. Und ja, wie bei einer Karaoke-Maschine wird auch ihr erster Song "Starting now" Strophe für Strophe auf der Leinwand abgespult. Obwohl sie nur mit dem Orchester auf der Bühne, steht da auch vorsichtshalber noch mal in rosa Lettern wer singt: "Barbra". Sieht so perfekt durchgeplantes amerikanisches Entertainment aus? Oder sind das einfach nur die Macken einer Diva?

Zum ersten Mal in ihrer 47-jährigen Karriere stand Barbra Streisand am Samstagabend auf einer deutschen Konzertbühne. Kurz nach 20 Uhr betrat sie die mit 18.000 Zuschauern fast ausverkaufte Berliner Waldbühne. Bis zu 555 Euro mussten ihre Fans für eine Karte ausgeben, was im Vorfeld für Kritik gesorgt hatte. Doch das Publikum, das so lange auf das "Funny Girl" warten musste, schien ihr das nicht übel zu nehmen. Mit La-Ola-Wellen, bei denen sogar das Orchester mitmachte, und Standing Ovations wurde die Streisand vom Berliner Publikum mit offenen Armen empfangen. Und obwohl die Begeisterung in Zürich, Wien und Paris sicher nicht geringer war, schien die Streisand sichtlich gerührt zu sein. "It's like Woodstock", sagte sie über die Atmosphäre in der ins Abendlicht getauchten Freilichtarena, "wunderbar". Und das stand sogar mal nicht auf dem Teleprompter.

Wowi und Babsi in der VIP-Loge

Angefangen mit "Starting Now" ließ die Streisand die größten Hits ihrer Karriere Revue passieren: Balladen und Jazz und natürlich ihre großen Broadway- und Musical-Erfolge. Stimmlich lieferte die Streisand eines ihrer besten Konzerte überhaupt ab. Selbst die VIP-Loge - mit Marius Müller-Westernhagen, Klaus Wowereit, Barbara Becker, Judy Winter und Thomas Fritsch - klatschte ihr immer wieder stehend Beifall. Der Chef des 58-köpfigen Orchesters, Bill Ross, deutete ihr mehrmals, dass es aufgrund des Jubels noch keinen Sinn mache, das nächste Lied anzustimmen. Als dann die Melodie aus dem Musical "Funny Girl" anklang, für dessen Verfilmung Streisand 1968 einen Oscar als Beste Schauspielerin erhalten hatte, bedankte sich das Publikum mit "We love you Barbra"-Rufen.

Ihr schauspielerisches Talent kommt ihr auch auf der Konzertbühne zu Gute. Keinen Moment ließ sie die Zuschauer merken, dass wirklich jeder Gag Teil der Show und einstudiert ist. Ihre Frotzeleien mit den Broadway-Stars Peter, Sean, Michael und Hugh, die als Gast-Stars zusammen mit ihr "Music Of The Night" sangen, und sich darüber lustig machten, dass junge Zuhörer sie wohl nur aus dem Film "Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich" kennen würden, wirkten so spontan, als hätten sie die Witze eben nicht schon zum x-ten Mal wiederholt. Dabei waren genau die gleichen Gags bereits im Oktober 2006 im Madison Square Garden in New York zu hören.

Schuh-Probleme eines Weltstars

Die Diva leistete sich noch mehr Marotten, die sich nur ein Star vom Format der Streisand erlauben darf. Bereits nach 20 Minuten entschwand sie für eine viertel Stunde von der Bühne - überließ ihren Gast-Stars vom Broadway die Show. "Ich muss mich umziehen und raus aus den Schuhen" begründete die Streisand ihre Abstinenz, die zu ihrer eleganten schwarzen Robe Plateu-Schuhe trug. Zurück kam sie nicht im auffälligen Glitzer-Fummel, sondern - wie es sich für eine Diva gehört - wieder im eleganten Schwarzen. Und weil sie auch ihre neuen Schuhe alsbald wieder plagten, stand sie schließlich barfuß vorm Berliner Publikum.

In der ersten Hälfte ihres Konzerts gab es ansonsten wenig Überraschungen im Vergleich zu den vorangegangenen Konzerten. Ganz Profi spulte die Streisand ihr Programm ab, ohne aber dabei lustlos zu wirken. Von ihrem Lampenfieber, das sie nach eigenen Angaben vor jedem Auftritt plagt, ließ sie die Zuschauer nichts spüren. Doch ihre Angst zu versagen, plötzlich einen Blackout zu haben, scheint groß zu sein. Anders lässt sich nicht erklären, dass jeder Satz am Teleprompter abzulesen, die gesamte Show bis ins Detail durchgeplant ist. Dabei würde ihr Publikum sie selbst bei einem Fehler auf Händen tragen.

Kein Date bei "Starbucks"

Und das zu Recht. Denn dass sie im Spiel mit dem Publikum unschlagbar ist, bewies sie nach der Pause. Streisand agierte spontaner und ließ sich auf ihre Zuschauer ein. Der Teleprompter kam nur noch bei ihren Songs zum Einsatz. Sie kokettierte gekonnt mit ihrem Alter, kramte immer wieder ihre Brille hervor und verlas Zettel mit Wünschen, die ihr Fans vorab geschrieben hatten. Ein Date bei "Starbucks" lehnte sie zwar ab, doch Thorsten, der Geburtstag hatte, bekam ein "Happy Birthday" gehaucht und auch die Bitte "Bring Me Flowers" zu singen lehnte sie nicht ab. Der Song gehörte in den Konzerten davor nicht zum Repertoire und stand auch nicht auf dem Teleprompter. Relaxt ging sie auch immer wieder auf Zurufe aus dem Publikum ein und nach einem "Barbra, du bist wunderbar" fragte sie sich selbst, warum sie all die Jahre nie nach Deutschland gekommen war.

Im Vorfeld war zu hören, sie als Jüdin meide wegen des Holocaust deutschen Boden. Die Begründung scheint herbeigeredet. Denn erstens war sie in der Vergangenheit immer wieder in Deutschland, unter anderem 1984 um für ihren Film "Yentl" Werbung zu machen, zweitens trat sie - bis auf Großbritannien - in Europa noch nie auf irgendeiner Bühne auf und drittens, warum sollte sie dann ausgerechnet die von Hitler für die Olympischen Spiele 1936 gebaute Waldbühne als Ort für ihr Deutschland-Konzert auswählen? Der Grund dürfte vielmehr ihre generelle Abneigung für Bühnenauftritte sein, seitdem sie Ende der 60er Jahre Morddrohungen beim berühmten Konzert im Central Park wegen ihrer pro-israelischen Haltung erhalten hatte. Streisand wohnt auch nicht - wie ihre Entourage - im Berliner Hotel "The Regent", sondern hat sich nach unbestätigten Informationen im Inter-Continental eingemietet - neben dem Adlon das einzige Berliner Hotel, das über eine Suite mit allerhöchsten Sicherheitsstandards verfügt.

Zum Schluss des Konzerts gab es für Streisand noch eine Überraschung. Ihr Ehemann James Brolin, der neben Streisands Sohn aus erster Ehe, Jason Gould, mit nach Berlin gekommen war, gratulierte seiner Frau mit einem riesigen Wackelpudding zum neunten Hochzeitstag. Am 1. Juli 1998 trat Streisand mit Brolin vor den Traualtar. Und als die Diva dann schon unter tosendem Beifall in den Katakomben der Waldbühne verschwunden und die Lichter in den Zuschauerrängen bereits an waren, kehrte die Streisand noch einmal zurück. "Für ein ganz besonderes Publikum, das ich niemals vergessen werde" sang sie eine Zugabe. Und nein, der Satz stand nicht auf ihrem Teleprompter.


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