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The Corrs: Eine schrecklich nette Familie

The Corrs aus Irland sind mit fröhlichem Schunkel-Pop weiter auf Erfolgskurs. Jetzt erscheint ihr neues Album. Ein Gespräch mit Andrea und Sharon Corr über den Zauber des Bravseins und das Geheimnis ihres Familienfriedens.

Andrea, Sie und Ihre Geschwister Sharon, Caroline und Jim Corr gelten als eine der nettesten Popbands. Die Londoner Tageszeitung "Guardian" bezeichnet Sie gar als "niedlich". Sehnen Sie sich nicht manchmal danach, auch mal betrunken über die Bühne zu torkeln?

Andrea: Nie! Ich würde mich abscheulich fühlen. Wer so was tut, respektiert nicht, wie glücklich er sich schätzen sollte, auftreten zu können. Die Leute haben schließlich Geld für ihre Karten bezahlt.

Dabei hätten Sie doch mit 16 Millionen verkauften Alben allen Grund für Starallüren. Glauben Sie, ein netter Popstar zu sein ist das bessere Erfolgsrezept?

Andrea: Das weiß ich nicht. Uns fehlt nichts, wenn wir uns keine Schlägereien auf der Straße liefern.

Sie schaffen es sogar, untereinander gut auszukommen - was selten ist für eine Familienband. The Jackson Five, Oasis oder The Beach Boys sollen schmerzhafte Familienfehden angezettelt haben im Kampf um die Frage, wer der Star in der Combo sein darf.

Andrea: Wir sind sehr vertraut miteinander und immer loyal. Ich vermute, das ist sehr irisch. The Corrs gibt es schon seit 14 Jahren.

Sie sagten einmal, Sie hätten hart daran gearbeitet, der Band die Familie auszutreiben. War das wirklich so wichtig?

Sharon: Ja, die meisten Familien begehen einen wirklich großen Fehler: Sie glauben, einander zu kennen. Sie behandeln sich, als wäre ihr Gegenüber noch immer der Familienclown, der er mit sechs Jahren war. Wir haben uns entschieden, das nicht zu tun. Wir ziehen jetzt Grenzen im Umgang miteinander. Um in dieser Band zu bleiben, brauchen wir Respekt und Abstand und keine Familienliebe.

Sie haben sich 1990 zusammengetan, als Sie alle vier zu einem Casting für den Musikfilm "The Commitments" gingen. Sie, Sharon, waren damals 20, schon zu Hause ausgezogen und betrieben einen Plattenladen. Hat die Band Sie nicht Ihrer Freiheit beraubt?

Sharon: Ja, mir ist es extrem schwer gefallen, in den Familienverbund zurückzukehren. Die Tatsache, dass du als 20- oder 30-Jährige jeden Tag mit deinen Geschwistern verbringst, ist nicht normal. Aber bei dem Casting haben wir unseren jetzigen Manager kennen gelernt, und er war so von uns angetan, dass das den Ausschlag gegeben hat, gemeinsam eine Band zu gründen.

Gehen The Corrs ab und zu noch gemeinsam in einen Pub, oder haben Sie schon genug voneinander?

Sharon: Normalerweise sehen wir uns, um zu arbeiten. Wir haben ja alle unsere eigenen Leben, ich bin verheiratet, Caroline ist auch verheiratet, hat ein Kind und ist jetzt wieder schwanger. Aber natürlich, wir gehen abends mal gemeinsam essen oder besuchen uns zu den Geburtstagen.

Haben Sie schon zu Schulzeiten zusammen mit Ihren Eltern Musik gemacht?

Sharon: Nein, wir haben nie um irgendeinen Küchentisch gesessen und Hausmusik gemacht. Das ist so ein irisches Klischee. Auch wenn wir heute Elemente irischer Folklore in unsere Songs einflechten. Jim und ich haben früher abends in Bars gespielt, um Geld zu verdienen.

Ihre verstorbene Mutter war Hausfrau, Ihr Vater Buchhalter. Haben die Sie denn nie inspiriert, Musik zu machen?

Sharon: Doch, natürlich. Meine Eltern sind sogar selbst als Amateure in Bars aufgetreten. Das prägt.

Sie sind in dem irischen Hafenstädtchen Dundalk groß geworden, das elf Meilen südlich der Grenze zum britischen Nordirland liegt. Diese Gegend gilt als gefährlich. Eigentlich können Sie gar keine so unbeschwerte Kindheit gehabt haben.

Andrea: Doch. Wir haben nichts vom Terror mitbekommen. Die Einwohner von Dundalk hatten nicht mit den Schwierigkeiten zu kämpfen wie die Menschen in Nordirland, beispielsweise in Belfast. Es gab zwar manchmal Bombendrohungen, und 1996 flohen viele Katholiken aus dem Norden in unsere Stadt, weil ihre Häuser angezündet worden waren. Das machte Dundalk ein wenig republikanisch, und natürlich war die IRA in der Stadt. Aber das hatte keine Wirkung auf uns.

Haben sich Ihre Eltern politisch engagiert? Haben sie beispielsweise die irische Flagge im Garten gehisst?

Sharon: Nein! In Nordirland ist so was verbreitet, dort werden auch Bordsteinkanten entsprechend bemalt. Aber in der Republik Irland ist das nicht üblich. Unsere Eltern haben Kinder großgezogen und ihre Jobs erledigt.

Andrea, vor einigen Jahren wurden Sie per Umfrage zur schönsten Frau der Welt gewählt. Auf der neuen Platte "Borrowed Heaven" singen Sie davon, dass alle Schönheit vergehe. Beklagen Sie das Älterwerden?

Andrea: O nein. Der Song handelt vielmehr davon, dass alle Gefühle vergehen, Schmerzen und Freuden. Dass sie geliehene Zeit sind, so wie das Leben. Übrigens fühle ich mich nicht als schönste Frau der Welt. Ich habe einen Schnupfen und bin vor kurzem 30 geworden.

Das klingt melancholisch, so wie viele Ihrer Stücke. Auf der neuen Platte singen Sie sogar von Versagensängsten. Gibt es zwei Versionen von Ihnen? Die verletzliche Andrea und den sexy Vamp, den die Männer verehren?

Andrea: Ach, ich weiß nicht. Es stimmt, der Song über die Versagensängste ist autobiografisch. Ich befinde mich ein wenig in einer Hassliebe-Beziehung mit dem, was ich tue. Ich bin nicht selbstgefällig. Aber ich halte es für normal, dass man als Songtexter über Dinge schreibt, die einen tief bewegt haben.

Interview:Christine Koischwitz / print