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Top Ten des politischen deutschen Rap: Dissen ist Macht

Sozialkritische Inhalte haben im deutschen HipHop eine lange Geschichte - kluge Manifeste und melancholische Anklagen sind darunter. Zehn Beispiele für außerparlamentarische Rap-Positionen auf stern.de, zum Anhören.

Von Burkhard Zimmermann

Ob Weltfrieden, Gleichberechtigung der Geschlechter, hirnlose Konsumfreudigkeit, geldgiereige Konzerne, unfähige Gesetzgeber oder Präsident Bushs Politik. Es gibt kaum ein Thema, das der HipHop noch nicht verarbeitet hat. Klicken Sie sich durch die zehn besten Songs des politischen deutschen Rap.

Samy Deluxe: "Weck Mich Auf"

Hölle, so wusste schon Sartre, das sind die anderen. Als da wären: Skinheads und Pädophile, Bürokraten und Koksnasen, untätige Gesetzeshüter und unfähige Gesetzgeber, ausbeuterische Konzerne und geschwätzige Medien. Falls Sie im nächsten Quartal öfter als einmal täglich das Bedürfnis haben, dieses Lied sehr laut zu hören, dann wird es Zeit, über eine Gesprächstherapie nachzudenken. Oder über eine Auswanderung.
(Aus "Samy Deluxe", EMI, 2001)

Unter Wortverdacht: "Hoffen"

Cassandra Steen, Sängerin der Band Glashaus, nimmt mit ihrer engelsgleichen Stimme gleich eine ganz freundliche Hip-Hop-Crew unter ihre Fittiche - ein wahres Labsal in einem Genre, in dem viel zu viele hasserfüllte Delinquenten in Militärhosen versuchen, nach der Integrität minderjähriger Hörer zu greifen.
(Aus "Aufstand der Aufrechten", 3p, 2006)

Freundeskreis mit Udo Lindenberg: "Nebelschwadenbilder"

Über psychedelischem Keyboardgeschmurgel träumt Udo mit dem Kombinat Freundeskreis von Weltfrieden, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, ausrangierten Atommeilern und allem anderen, wofür die Hippies damals mit entblößten Zeugungsorganen durch die Innenstädte tanzten - der idealistische Soundtrack zur Kräuterzigarette, und wir reden hier nicht von Rosmarin.
(Aus "Esperanto", Four Music, 1999)

The Rythm Club: "Banken aus Marmor"

Geld essen Seele auf: Die Erfurter Formation beklagt das Phlegma des Einzelnen, die hirnlose Konsumbereitschaft der Massen und die Dickfelligkeit einer entfremdeten Berufspolitik. Geistreicher Rap mit herrlich weichem Bass-Groove, schwermütigem Kommmentar der Gitarre und einer Messerspitze Funk.
(Aus "Willkommen im Club", Four Music, 2006)

Beginner: "Wunderschön"

Mit der flachen Hand schlagen die Beginner all jenen arglosen Dumpfbacken ins Gesicht, die kritiklos alles wunderschön finden, während der Mensch sich selbst und seinen Planeten in den ökologischen Ruin wirtschaftet: Brillianter Zynismus von den drei coolsten Umweltengeln der Republik.
(Aus "Blast Action Heroes", Buback, 2003)

Ferris MC: "Zur Erinnerung"

Ein rührender Abgesang auf eine Freundschaft, die alle Härten einer Kindheit überstanden hat und dann mit dem Freitod eines 19-Jährigen endet; eine Anklage gegen eine Gesellschaft, die ihre jüngsten Mitglieder aufgibt, eine Gesellschaft, in welcher die Familie als Spenderin des Urvertrauens versagt. Für gewöhnlich als Raubein gefürchtet, lässt der Hamburger Ferris MC in diesem Lied mitfühlen, was Sozialpädagogen nur mitteilen können: Unter der Wut liegt der Schmerz.
(Aus "Audiobiographie", Four Music, 2003)

Blumentopf: Danke, Bush

"Danke Mr Bush für Ihre bestechende Logik/mit der es heißt, der Irak sei so schrecklich bedrohlich/dass man ihn angreifen muss, was wiederum kein Problem ist/weil er militärisch so schwach ist, dass man ihn leicht erledigt": Es war schon vor vier Jahren en vogue, gegen den Präsidenten der USA zu sein, aber kaum jemand im deutschen Rap hat den Irrwitz im Weißen Haus so scharfzüngig analysiert wie diese fünf Münchner. Respekt!
(Aus "Gern geschehen", Four Music, 2003)

Curse: "Gangsta Rap"

Das wurde auch Zeit: Endlich prangert ein Rapper an, wie der Gangster-Rap an seiner Kommerzialisierung und seinen eigenen Klischees erstickt. Drogen? Schusswechsel? Stretchlimousinen? Böse Gerüchte behaupten, dass selbst Ganoven wie Sido und Bushido abends hinter zugezogenen Vorhängen ihre Handfeuerwaffen in die Schublade legen, um endlich mal in Ruhe ihre Quittungen für den Steuerberater zu sortieren oder mit der grünen Seite vom Putzschwamm und einem Schuss Scheuermilch durch die Spüle zu gehen. Wild!
(Aus "Sinnflut", SonyBMG, 2005)

Chima: "Mein Nächster"

Coole Turnschuhe und lässige Hosen entbinden nicht von der Möglichkeit, sich auf alte Werte zu besinnen: Mit seinem Plädoyer für Nächstenliebe und Friedfertigkeit hat Chima seit erscheinen des Albums vielleicht mehr Teenager erreicht als die gesamte Diözese seiner Heimatstadt Frankfurt.
(Aus "Im Rahmen der Möglichkeiten", 3p, 2005)

Fettes Brot mit Finkenauer: "An Tagen wie diesen"

Ständig sind Zeitungen und Nachrichtensendungen voll mit Bildern von zerbombten Häusern, explodierten Bussen und ausgezehrten Leibern: An Tagen wie diesen, die für uns Alltag sind, ist zur selben Zeit in vielen Ländern der Mensch dem Menschen ein Wolf. Bitterster Weltschmerz in Versform, unterlegt mit den Akkordbewegungen aus Falcos "Jeanny".
(Aus "Am Wasser gebaut", Indigo, 2005)