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TV-Chaot als Musiker: Die ernste Seite von Klaas - ganz ohne Joko

Melancholie statt Quatsch: Moderator Klaas Heufer-Umlauf macht ganz ernsthaft Musik. Und das auch noch richtig gut. Gloria heißt seine Band, mit der er derzeit auf Tournee ist.

Von Simone Deckner

Er hat sich einen Bagel aus Gel unter die Stirn spritzen lassen. Er ist auf dem Rand eines aktiven Vulkans herumgekraxelt. Nachdem er in eine Chili gebissen hat, musste er sich neulich fast vor laufenden Kameras übergeben. In Neuseeland hat man ihn von einer Klippe gestürzt. Klass Heufer-Umlauf hatte dabei eine Tonne auf dem Kopf und war an einem Plastikstuhl gefesselt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Joko Winterscheid testet der 30-jährige Fernsehmoderator in Sendungen wie "Circus Halligalli" und "Das Duell um die Welt" (beide laufen auf ProSieben) persönliche Schmerzgrenzen aus. Manche sagen auch: die Grenzen des guten Geschmacks.

Aber Schubladendenker müssen nun ganz tapfer sein. Denn Klaas singt jetzt auch. Ohne Quatsch und gänzlich ironiefrei. Gloria heißt die Band, Heufer-Umlauf nennt sie zärtlich "meine kleine Band". Dass der Mann eine starke Stimme hat, konnten aufmerksame Zuschauer schon länger ahnen. Bislang versteckte er sein Talent aber bei Gaga-Auftritten: Erst kürzlich trat er mit Ross Antony (Ex-Brosis) in einem gruselig-modernen Einkaufszentren auf. Er trug ein lilafarbenes Glitzerjackett und einen maximal gequälten Gesichtsausdruck, weil er den Schlager "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben" singen musste.

Mit Gloria ist es Klaas ernst

Doch das mit Gloria ist es eine andere Geschichte. Eine gute Geschichte. "Alles andere war ja nur Quatsch, aber das ist ernst", sagt Heufer-Umlauf. Seit fünf Jahren schon macht er mit seinem guten Freund Mark Tavassol Musik. Der Bassist von Wir sind Helden und der Moderator haben sich über gemeinsame Freunde kennen gelernt. Irgendwann offenbarte Heufer-Umlauf dem Profi, dass er "früher auch mal nebenbei Musik gemacht hat". Tavassol war mäßig beeindruckt. Aber als er merkte, wie interessiert sein Kumpel am Musikmachen war, trafen sie sich immer öfter.

Niemand dachte damals allerdings daran, eine Band zu gründen. Keine Zeit, keine Notwendigkeit. Erst vor anderthalb Jahren entschieden die Freunde, "mal was aufzunehmen." Mit einer Demo-EP stellten sie sich bei Plattenfirmen vor. "Wir wollten nicht sagen: Guck mal, das ist Klaas und weil der im Fernsehen ist, kriegen wir einen Plattenvertrag", so Tavassol. Den unterschrieben sie schließlich bei Herbert Grönemeyers Label "Grönland." Die erste Begegnung in Grönemeyers Restaurant "Ö" in Berlin hat beide nachhaltig beeindruckt. Auf dem Tisch: selbst gemachte Hühnersuppe. Vor dem Tisch: launige Anekdoten von Grönemeyer. Der ließ Gloria freie Hand. Das Debüt produzierte Tavassol in seinem eigenen Hamburger Studio.

Ende September ist es erschienen, schlicht "Gloria" betitelt. Darauf: zehn Songs in deutscher Sprache, manche rockig, die meisten aber ruhiger. Kein Quatsch, nirgends. Dafür singt Klaas mit tiefer Stimme, mal gebrochen, mal im Sprechgesang von Dingen, die denkbar schlecht zum Mitgrölen geeignet sind. Es geht um Zweifel, Ungewissheiten, Ängste und Freundschaft. Die Texte: melancholisch.

Viele Texte entstehen während der Zugfahrt

Für Gloria ist Melancholie ein durchaus positiv besetzter Begriff. Heufer-Umlauf: "Ich erwarte mir von Songs, dass ein Gedanke bis in den letzten Winkel durchdacht worden ist. Da ist es oft so unvollständig, wenn man die Melancholie außer Acht lässt." Viele Text-Ideen entstanden auf Zugfahrten von Berlin, wo der Moderator wohnt, nach Hamburg, der Wahl-Heimat von Mark Tavassol. Gemeinsam schrieben sie die Texte: "Meistens hatten wir eine kleine Textzeile am Anfang, die einer von uns mitbringt. Oft geht es um Gefühle und bestimmte Erfahrungen. Darüber haben wir stundenlang geredet, mitunter auch gestritten, immer mit dem Ziel, daraus einen Liedtext zu entwickeln", sagt Tavassol. "Wenn du längst schon denkst, du schaffst das nicht allein, weil du gar nichts mehr fühlst. Dann komm ich, nehme dir die Luft, nehme dir das Glück zum Atmen, lasse dich im Stich, lasse dich im Stich. Zu lange warten, warten …" heißt es in der ersten Single "Warten".

Videopremiere von Gloria: Klaas kann auch singen

So sehr er sich über seine neue Rolle als Sänger freut, so schüchtern wirkt Heufer-Umlauf, wenn er über seine neue Aufgabe spricht. "Ich frage mich immer, ob da überhaupt Leute zu den Live-Auftritten kommen", sagt er mit entwaffnender Unsicherheit. Eine unbegründete Sorge. Die ersten Auftritte in Berlin und Hamburg im September waren bestens besucht. Die Kritiken: positiv. Bei einer Party zum 20. Geburtstag des Hamburger Straßenmagazins "Hinz&Kunzt" stehen Gloria am Mittwochabend als Special Guest auf der Bühne - die Generalprobe für den Tourauftakt. Als die Gitarre kurzzeitig versagt, scherzt Klaas: "Ich rufe schnelle Joko Winterscheid an und wir nähen ihm den Mund zu." Wie neulich im Fernsehen. Sein Bandkollege Mark lacht. Weil er schon länger weiß, was jetzt auch ein größere Publikum mitbekommt: Klaas kann auch anders.