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Soziologe erklärt das Phänomen: So entstehen Verschwörungstheorien

Aliens, die Islamisierung Europas und die jüdische Weltverschwörung machen das Leben so schön einfach. Jedenfalls für Verschwörungstheoretiker. Ein Soziologe klärt auf.

Verschwörungstheoretiker behaupten gern, dass die Anschläge vom 11. September 2001 von Amerika selbst verübt wurden

Verschwörungstheoretiker behaupten gern, dass die Anschläge vom 11. September 2001 von Amerika selbst verübt wurden

Das Internet ist das Beste, was Anhängern von Verschwörungstheorien passieren konnte. Was man sich früher mittels Mund- und Zettelpropaganda mühsam zusammensuchen musste, findet man nun gebündelt, konzentriert und von Gesinnungsgenossen mehr oder weniger hübsch aufbereitet im Netz. Das ist aber auch schon das einzig Neue an Verschwörungstheorien. Die gibt es nämlich schon jahrhundertelang, sagt der Soziologe Armin Pfahl-Traughber im Gespräch mit dem Magazin "Neon": "Solche Theorien entstehen nach jedem öffentlichen Schockerlebnis". Sei es die Französische Revolution oder der Angriff auf "Charlie Hebdo".

So kommt es wohl, dass Xavier Naidoo behauptet, dass wir alle die wahren Drahtzieher von 9/11 nicht erkennen, dass der Autor Udo Ulfkotte mit Verschwörungstheorien über Geheimdienste, Hochfinanz und Medien viel Geld verdient und dass es Pegida gibt.

Verschwörungstheorien seien "falsche Ideologien", sagt Pfahl-Traughber. Und die seien ungemein beruhigend. "Sie geben der Welt eine Ordnung. Die Anhänger haben das Gefühl, dass sie auf der Seite des Guten stehen." Es gehe darum, hochkomplexe Zusammenhänge zu vereinfachen. Denn Menschen suchen nach "Kausalitäten, Stringenz und einer verantwortlichen Partei" für alles, was passiert. Hat man Letzteres gefunden, heißt es dann Sündenbock. Und für den hat die Fantasie freie Bahn.

Bildung hilft auch nicht

"Anhänger einer Verschwörungsauffassung meinen immer, dass sie hinter den Schleier der Weltpolitik blicken könnten, dass sie schlauer sind als die Masse, die sich durch den Schein täuschen lässt. Dadurch wertet man sich natürlich selbst massiv auf", so der Soziologe im Gespräch mit "Neon". Die Annahme, dass vor allem ungebildete Menschen anfällig für Verschwörungstheorien seien, lässt Pfahl-Traughber allerdings nicht gelten. "Nur weil man eine hohe Bildung hat, ist man nicht automatisch in der Lage, gesellschaftliche Entwicklungen differenziert zu betrachten."

Manchmal stecke sogar hinter einer Verschwörungstheorie tatsächlich eine Verschwörung, so der Soziologe weiter. "Ein historisch bedeutsames Beispiel sind die 'Protokolle der Weisen von Zion'. Dieser Text sollte als Beweis einer 'jüdischen Weltverschwörung' dienen, wurde aber nachweislich vom Geheimdienst des russischen Zaren hergestellt. Der wollte die antisemitische Stimmung in Russland anheizen, um seine Herrschaft zu festigen und liberale Reformen zu verhindern. Indem man die Juden als Weltverschwörer anprangerte, machte man jede Änderung der Herrschaftsverhältnisse verdächtig."

Alles Lüge!

Und, können Fakten Verschwörungstheoretiker eines Besseren belehren? Kaum, meint der Experte. Denn Verschwörungstheorien basierten in der Regel auf einem Zirkelschluss. Man sucht überall nach Informationen, die das eigene Weltbild bestätigen. Alles andere sei eine Lüge.

Wenn Sie wissen wollen, was Pegida, Reptilienmenschen und der Mord an JFK gemeinsam haben, lesen Sie hier das ganze Interview von Alard von Kittlitz mit Armin Pfahl-Traughber in der "Neon".

Und hier finden Sie ein paar besonders verrückte Verschwörungsvideos.

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