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Yusuf Islam: "Am Ende spreche ich mit Gott"

Als Cat Stevens erlangte er Weltruhm. Dann änderte er radikal sein Leben, wurde Muslim und gab sich einen neuen Namen. Zum ersten Mal seit fast 30 Jahren bringt Yusuf Islam nun ein neues Popalbum heraus.

Die wundersame Wandlung des Popstars Cat Stevens zum unermüdlichen Weltverbesserer Yusuf Islam begann an einem sonnigen Tag im Sommer 1975: Cat Stevens, mit Songs wie "Morning Has Broken" oder "Father And Son" zum millionenschweren Weltstar des Pop geworden, ging am Strand von Malibu schwimmen. Die Strömung zog ihn aufs Meer hinaus, der Strand rückte immer weiter weg, und Stevens verlor zunehmend die Kraft in seinen Beinen und Armen. Den Tod vor den Augen stieß er ein Stoßgebet gen Himmel: "Wenn du mich rettest, Gott, werde ich für dich arbeiten!" Die rettende Welle kam und trug ihn zum Strand zurück. Stevens begann, im Koran zu lesen, trat 1977 zum Islam über und gab sich einen neuen Namen: Yusuf Islam. Drei Jahre später verkaufte der gläubige Muslim seine Gitarren und goldenen Schallplatten bei einem Londoner Auktionshaus. Den Erlös spendete er einer Hilfsorganisation. Den Popstar Cat Stevens gab es nicht mehr. Yusuf Islam sieht sich seither als prominen-ter Brückenbauer zwischen den Kulturen. Sein Comeback als Musiker ist jetzt überraschend gut gelungen - ein Leben als Popmusiker kann sich der heute 58-Jährige, der mit Frau und fünf Kindern zurückgezogen in London lebt, allerdings nicht mehr vorstellen.

Herr Yusuf, werden Sie wieder auf Tour gehen?

Nein, ich will dem Musikbusiness nicht zu nahe kommen. Außerdem glaube ich, dass Musik am besten persönlich ist, mit wenig Tamtam. Dann können die Leute tatsächlich hören, was ich sage.

War es schwierig, nach fast 30 Jahren wieder wie Cat Stevens zu singen?

Nein, seltsamerweise war meine Stimme von Anfang an wieder da. Viel schwieriger war es, erneut in diese kreative Stimmung zu kommen und mit anderen Musikern zu improvisieren. Das hat etwas gedauert.

Warum war vor zwei Jahren für Sie die Zeit gekommen, wieder ins Studio zu gehen?

Mein erster Lehrer, der Vorsteher meiner Moschee, hatte mir nach meiner Konvertierung schon gesagt, dass es kein Problem sei, wenn ich weiter musizierte. Aber dann hörte ich andere Stimmen, die sagten, es sei verboten.

Wer sagt das?

Das sind Konflikte innerhalb der muslimischen Glaubensgemeinschaft. Als ich das merkte, entschied ich mich, diesem Konflikt aus dem Weg zu gehen und erst mal eine Pause zu machen. Aber da war immer dieser Zweifel in mir, und in den vergangenen Jahren hatte ich endlich Zeit, diese Frage genau zu studieren. Und jetzt glaube ich, dass nichts dagegen spricht, das Leben auf der Erde durch Musik zu bereichern.

Sie haben in den vergangenen Jahren einige Platten mit Koran-Rezitationen aufgenommen und nur Ihre Stimme und Trommeln benutzt. Jetzt spielen Sie wieder Gitarre.

O ja, dieses Instrument war für lange Zeit solch ein wichtiger Teil von mir. Wenn ich Gitarre spiele, fühle ich die Musik ganz anders. Leider wird gerade die Gitarre von einigen als gefährliches Instrument angesehen. Aber ich habe herausgefunden, dass sie über das islamische Spanien nach Europa gebracht wurde. Sie kam aus Bagdad, das damals das Zentrum der Zivilisation war. Und dort wurde sie ständig gespielt! Auf meiner Platte erwähne ich den islamischen Musiker Ziryab, der damals mit seiner Gitarre nach Andalusien kam. Ziryab heißt übersetzt "blackbird", also Amsel. In "Morning Has Broken" singe ich die Zeile "And blackbird has spoken". Kann das nur ein Zufall sein?

Richten sich Ihre Lieder heute an Gläubige?

Ich glaube, ich überlasse es den Hörern, sie für sich selbst zu entdecken. Ich versuche, nicht dogmatisch zu sein. Dennoch gibt es ein Lied, "In The End", in dem ich den Schluss ziehe: Wenn du im Leben Unrechtes getan hast, musst du die Konsequenzen tragen. Das scheint einige aufzuregen, die wohl nicht daran glauben, dass wir uns nach dem Tod verantworten müssen.

Warum haben Sie Gott im Islam gefunden?

In allen anderen Religionen schien es immer nötig, über einen Vermittler mit dem einen Gott zu sprechen. Als ich den Koran las, ganz allein, fand ich diese offene Tür, durch die ich nur hindurchzugehen brauchte, um bei Gott zu sein. Aber das ist kein einseitiger Schritt. Du kannst nicht nur zu Gott gehen, wenn du etwas brauchst. Du musst dein Leben vorbereiten, du musst bestimmten Regeln folgen in deinem Alltag, damit Gott bei dir ist. Und das tue ich seitdem.

Ist es schwierig, die Vermittlerrolle zwischen dem Islam und dem Westen zu spielen?

Daran bin ich gewöhnt, ich habe bereits als Kind zwischen meinem zypriotischen Vater und meiner schwedischen Mutter vermittelt. Brücken zu bauen ist für mich deshalb nichts Neues.

Sie leben in London. Inwiefern hat sich die Stadt verändert seit den Anschlägen am 7. Juli vergangenen Jahres?

Die Schlagzeilen scheinen sich jetzt nur noch auf das Problem der Radikalisierung einer kleinen Zahl muslimischer Jugendlicher zu konzentrieren. Aber das Problem liegt tiefer, es werden in kaum einer Schule die wahren Prinzipien islamischen Denkens gelehrt. So glauben die meisten, Islam habe irgendetwas mit Gewalt zu tun. Der Lehrplan gibt keinen Raum für Spiritualität, und ohne Wissen bleibt für die meisten Menschen nur Schwarz und Weiß. Dabei hat die Seele gar keine Farbe.

Sie selbst haben drei islamische Schulen in London gegründet, die vom britischen Staat gefördert werden und sich auch an britische Lehrpläne anlehnen. Es mehrt sich allerdings die Kritik, dass solche Religionsschulen Integration verhindern.

Es gibt kein Problem mit diesen Einrichtungen. Keiner der Attentäter, die diese fürchterlichen Anschläge verübt haben, war auf einer muslimischen Schule in Großbritannien. Hätten sie die wahre Spiritualität gelernt, wären sie nie zu so etwas fähig gewesen. Ich erhielt meine moralischen Grundlagen in einer römisch-katholischen Schule, und ohne diese wäre ich nicht der Mensch geworden, der ich heute bin.

Im Moment wird in Europa sehr viel über die richtige Balance zwischen Meinungs- und Religionsfreiheit diskutiert.

Jetzt begeben wir uns auf ein Themengebiet, zu dem ich mich ungern öffentlich äußere.

Trotzdem: Die dänischen Mohammed-Karikaturen haben ja zu großer Aufregung in der islamischen Welt geführt.

Alle Menschen sollten die Freiheit haben, ihren Glauben auszudrücken. Natürlich steht dies unter dem universalen Grundsatz, dass niemand einem anderen etwas antun sollte, was er nicht selber für sich wünschen würde. Das ist selbstverständlich. Aber viele der heutigen Beschränkungen und Konflikte hindern gerade Muslime daran, ihre Glaubensfreiheit auszuüben.

Auf Ihrem Album covern Sie den Klassiker "Don't Let Me Be Misunderstood". Fühlen Sie sich oft missverstanden?

Mit dem Lied versuche ich, meine Frustration darüber zu zeigen, wie schwierig der Dialog heute geworden ist. Aber am Ende spreche ich mit Gott, nicht mit den Menschen. Ich sage: O, Herr, bitte, du bist es, der vermitteln kann. Ich nicht.

Warum haben Sie dem Papst nach seinen umstrittenen Äußerungen über den Islam Ihr Buch "Das Leben des Propheten" geschickt?

Das sollte eine positive Reaktion sein, statt den Kommentar des Papstes einfach zu verurteilen. Ich wollte festhalten, dass der Prophet Mohammed die ersten 13 Jahre seiner Mission ein Pazifist war. Erst als seine Gemeinde in Medina angegriffen wurde, bekam sie die Erlaubnis zur Selbstverteidigung. Das ist wichtig. Das Schwert ist nicht Teil des islamischen Glaubens.

Sie haben mit Peter Gabriel auf einem Wohltätigkeitskonzert von Nelson Mandela in Südafrika gespielt und mit Paul McCartney in Deutschland. Haben Sie noch regelmäßigen Kontakt zum Rock-Establishment?

Es war großartig, Paul wiederzutreffen: Wir haben darüber gesprochen, wie wir damals im Taxi am Restaurant meines Vaters in Soho vorbeifuhren und über griechische Kultur sprachen. Es gab eine Zeit, in der ich zu sehr Eremit war, um mich mit meinesgleichen zu treffen. Das ist heute ganz anders.

Was denken Sie, wenn Sie Bands wie die Rolling Stones sehen, die immer noch touren nach all den Jahrzehnten?

Die Stones repräsentierten für mich die Jugend in den 60er Jahren. Wir wollten damals die Welt verändern. Die Stones waren diese Revolution. Leider machen sie heute eine Megatour nach der anderen, und das ist alles andere als revolutionär. Mick Jagger ist immer noch ein unglaublich energetischer Sänger. Aber das ist alles nichts Neues. In meinem Leben habe ich dagegen einige kulturelle Schranken durchbrochen - das ist vielleicht eine größere Veränderung.

Ihr Lied "Maybe There's A World" erinnert sehr an "Imagine". Ist John Lennon für Sie eine wichtige Inspiration?

Ja, er stand für die Veränderungen, die wir alle wollten. Er stand für Frieden und hatte keine Angst, neue Dinge auszuprobieren. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen uns: Er wurde daran gehindert, in die Vereinigten Staaten einzureisen, und auch er wurde einmal ausgewiesen. All das passierte während eines umstrittenen Krieges und kurz vor einer Wahl. Das alles ist ja auch mir passiert.

Planen Sie denn, mit Ihrem neuen Album wieder in die USA zu reisen?

Ja, das scheint gar kein Problem mehr zu sein. Mein Visum ist gerade heute erneuert worden, die Behörden haben also das Okay gegeben.

Hat sich eigentlich jemand bei Ihnen dafür entschuldigt, dass Sie vor zwei Jahren in den USA offenbar grundlos aus dem Flugzeug heraus verhaftet und abgeschoben wurden? Nein, ich sehe das Visum als indirekte Entschuldigung. Ich glaube nicht, dass ich jemals mehr erwarten kann.

Cornelia Fuchs Mitarbeit: Hannes Ross / print