Musik-DVDs Virtuelle Konzerte


Wieder einmal stellt Carsten Scheibe neue Musik-DVDs vor. Diesmal Live-Konzerte von R.E.M., Kelly Osborne, Falco, sowie das große AIDS-Festival von 2003.

46664: The Event

AIDS ist eine der größten Bedrohungen für den afrikanischen Kontinent. Die Zahl der infizierten Menschen steigt mit jedem Tag weiter an. Dabei ist es ganz egal, ob sich das destruktive Virus beim ungeschützten Sex oder bei der wiederholten Verwendung von Injektionsnadeln verbreitet: Die Zahl der unversorgten AIDS-Waisen ist bereits jetzt erschreckend hoch. Um Aufklärung zu leisten und um möglichst viel Geld zu sammeln, haben sich Brian May und Roger Taylor von der Rockband Queen mit Nelson Mandela zusammengetan, um ein gewaltiges Konzert zu organisieren.

Das Konzert, das am 29. November 2003 im Green Point Stadion in Cape Town (Südafrika) stattfand und live in viele Länder übertragen wurde, trägt den Titel "46664". Das war die Sträflingsnummer, die der spätere Landesführer Nelson Mandela während seiner 18 Jahre andauernden Inhaftierung als politischer Gefangener tragen musste. Während dieser Gefangenschaft war Mandela nur eine Nummer, wie auch die vielen Millionen AIDS-Infizierten heute nur eine Nummer sind. Sie aus ihrer Anonymität zu reißen, soll die Aufgabe des Konzerts sein.

Das Konzert wurde von über 30 Künstlern bestritten, die vor 40.000 Zuschauern auftraten. Das Ereignis wurde am TV-Bildschirm von zwei Milliarden Menschen gesehen. Jetzt liegt das viereinhalbstündige Konzert auf zwei DVDs vor. Beyonce, Peter Gabriel, Bono, The Corrs, Zucchero, die Eurythmics, Ms. Dynamite, Anastacia und Queen treten auf den Silberscheiben noch einmal auf die Bühne. Viele bekannte Songs sind bei ihren Auftritten zu hören, darunter "Sweet Dreams (Are Made Of This)", "Bohemian Rhapsody", "I Want To Break Free" und "We Will Rock You". Politischer wird es beim "Redemption Song", der von Bob Geldorf gesungen wird, und beim obligatorischen "Biko" von Peter Gabriel.

Trotz des ernsten Themas lassen es die Musiker ordentlich auf der Bühne rocken. Die zeigt übrigens einen riesigen Kopf von Nelson Mandela, sodass das Motto des Abends nicht ganz aus den Augen gelassen wird. Trotzdem bleibt noch immer ausreichend Platz auf der Bühne - für die Musiker, für viele Tänzerinnen und natürlich für die vielen Instrumente.

Der Konzertmitschnitt bietet einen soliden Sound an, wie man ihn auch von einem solch aktuellen Event erwarten kann. Eine DTS-Spur fehlt leider. Bei einer Spiellänge von 4,5 Stunden hätte sie aber auch keinen Platz mehr auf den bis zum Rand gefüllten beiden DVDs mehr gefunden. Die Kameraführung ist sehr gut. Immer wieder zoomt der Regisseur nah an die Künstler heran, um dann wieder die Bühne als Ganzes zu zeigen oder ins Publikum zu schwenken. Auch Promis wie eben Nelson Mandela, die im Publikum sitzen, werden dabei in der Nahaufnahme gezeigt. Zum Glück ist das Filmmaterial scharf genug, um jedes kleine Detail gut erkennen zu können. Oft sind Konzertmitschnitte doch eher verwaschen und unscharf.

Das Konzert macht Musikfreunden viel Spaß, weil die Musiker ihre Nummern regelrecht zelebrieren, immer wieder mit dem Publikum sprechen und auf diese Weise spezielle Extended-Versionen ihrer Werke schaffen, die so noch nie zuvor veröffentlicht wurden. Richtig wild wird es, wenn sich gleich mehrere Künstler zusammentun, um gemeinsam zu singen. Die Jungs von Queen bringen etwa zusammen mit der rauchigen Rockröhre Anastacia den Song "We Are The Champions" zum Besten - ein echter Kracher. Gelungen ist auch der Auftritt von Peter Gabriel mit Youssou N’Dour und Angelique Kidjo, die zusammen "In Your Eyes" singen. Seltenheitswert hat der Song "Wild World", der gemeinsam von Peter Gabriel und Yusuf Islam gesungen wird. Richtig: Yusuf Islam ist niemand anderer als Cat Stevens, der vor über 30 Jahren zum Islam konvertiert ist und sich seitdem zu keinem Auftritt mehr überreden ließ.

Bei allem Spaß am gemeinsamen Auftritt darf natürlich auch das eigentliche Thema des Abends nicht vergessen werden. Und so nutzen unter anderem Bob Geldof und Nelson Mandela ihre Chance, um einen ausführlichen Appell an die Menschen zu richten. Das machen sie richtig gut. Ihre Rede wirkt nicht peinlich oder fehl am Platze.

Natürlich gibt es viele Extras auf der Doppel-DVD. Dazu gehören die Pressekonferenz, die passend zum Konzert gehalten wurde, eine Backstage-Dokumentation, Interviews mit den Künstlern sowie eine Fotogalerie. Der Beitrag "Fighting AIDS" beschäftigt sich dann noch ausführlicher mit dem Thema AIDS.

Warner Music, 6 Stunden, 24 Minuten, Dolby Digital 5.1, ca. 35 Euro

R.E.M.: Perfect Square

Es gibt bereits einige Video-DVDs, die Konzerte der amerikanischen Kultband R.E.M. einfangen. Die Fans sind mit ihnen nicht immer einverstanden. Die Qualität der Bilder und des Sounds sei zu schlecht. Geht es darum, die eine Live-DVD zu finden, die optisch und akustisch Referenzklasse hat, so fällt immer wieder der Name "Perfect Square".

Diese neue DVD zeichnet ein Konzert auf, das Michael Stipe und seine Kollegen Peter Buck, Mike Mills, Ken Stringfellow und Scott McCaughy am 19. Juli 2003 in Wiesbaden gegeben haben. 20 Kameras haben das Geschehen auf der Bühne und im Publikum zeitgleich aufgezeichnet. So konnte der Regisseur einen abwechslungsreichen Konzertfilm zusammenstellen, der keine spannende Szene auslässt, allerdings ein wenig zu schnell geschnitten ist. Die Bilder der DVD kommen glasklar zur Geltung und zeigen jedes noch so kleine Detail. Endlich ist es einmal möglich, seinen Stars genau ins Gesicht und auf die Finger zu schauen. Die überzeugende Klarheit des Bildes sorgt für ein starkes Live-Gefühl - fast so, als würde man sich mitten in der Menschenmenge befinden.

Auch der Ton kann sich hören lassen. Vor allem in der DTS-Spur ist Michael Stipes ungewöhnliches Organ sehr gut zu verstehen. Der Frontmann der Band hat sich dieses Mal die Augenbrauen rot gefärbt, um für optische Akzente zu sorgen. Ansonsten kommt R.E.M. bei diesem Konzert mit eher wenigen Tricks zurecht. Eine große Videoleinwand, ein paar bunte Lampen - das war es auch schon. Den Fans kommt es ja eh mehr auf die Songs an. Sie werden auch bestens bedient. Von "Losing my Religion" über "Man on the Moon" bis hin zu "It's The End Of The World As We Know It" bringen R.E.M. alle ihre Klassiker, die noch immer in den Radiostationen rauf und runter gespielt werden. Die echten Fans, die wirklich alles über R.E.M. wissen, werden aber ebenfalls überrascht. So spielt die Band auch Stücke wie etwa "Permanent Vacation", die bereits knapp 30 Jahre auf dem Buckel haben.

So absolut überzeugend das Konzert mit seinen knapp zwei Dutzend Songs ist, so schwach fallen die Extras aus. "A Stirling Performance" ist eine Dokumentation, die zeigt, wie sich R.E.M. in einem kleinen schottischen Dorf auf die Tournee vorbereitet hat. Hier lassen Spannung und Tonqualität dann doch zu wünschen übrig.

Warner Music, 105 Minuten, Dolby Digital 5.1 + DTS, ca. 25 Euro

Kelly Osbourne: Live in London

Jeder Hardrock-Fan kennt Ozzy Osbourne. Er ist der "Fucking Prince of Darkness", der mit seiner Band Black Sabbath berühmt wurde und Hits wie "Paranoid" landete. Die Reality-Show "The Osbournes" verzeichnete den größten TV-Quotenerfolg, den der Musiksender MTV jemals bejubeln konnte. Aus eben dieser TV-Sendung ist auch Ozzys Tochter Kelly einem weltweiten Publikum bekannt. Kelly ist ein pummeliges Trotzköpfchen, das spürbar Probleme damit hat, seinen eigenen Platz im Leben zu finden. Kellys Art, in einem Moment interessant, hübsch und auch sexy zu wirken, nur um in der nächsten Sekunde als hässliche Kreische und Nervensäge alle Freunde zu vergraulen, polarisiert die Zuschauer. Viele Kids finden Kelly toll, weil sie unterm Strich so herrlich rebellisch ist. Viele Erwachsene können sie nicht leiden - aus dem gleichen Grund.

Kellys größter Fehler: Sie versucht, in Papas Fußstapfen zu treten. Ihr gerockter Madonna-Coversong "Papa Don't Preach" war ja noch ganz nett. Die übrigen Songs auf ihrer Premieren-CD hatten allerdings eher den blechernen Charme einer Vorstadt-Garagenband, die mit geliehenen Instrumenten und ohne Talent einfach ein wenig Krach schlägt. Kein Wunder also, dass von einer zweiten Platte vorerst noch keine Rede ist.

Ob Kelly Osbourne wirklich zur Rockröhre taugt, zeigt ihr erster Live-Mitschnitt auf DVD, der am 25. Juni 2003 im "Electric Ballroom" in London aufgezeichnet wurde. Kelly rockt hier 53 Minuten lang mit ihrer Band und bringt zwölf Songs zum Besten. "Papa Don't Preach" hebt sich die hier weizenblonde und kurzhaarige Sängerin bis zum Schluss auf.

So muss sich der Zuschauer durch elf Songs quälen, die er noch nicht kennt. Laute Gitarrenriffs, ebenso kreischende wie störende Rückkoppelungen, heiser rausgekrächzte Vocals, dazu ein knallendes Schlagzeug: Kelly macht Krach. Sie schafft es dabei auch live auf der Bühne nicht, präsenter zu sein als jede x-beliebige austauschbare Schulband. Kelly fehlt ganz einfach die Unverwechselbarkeit im Äußeren und auch in der Stimme. Vielleicht braucht sie einfach noch ein paar Jahre, um musikalisch zu reifen. Vielleicht wird aber auch nie eine richtige Sängerin aus ihr.

Die DVD selbst bietet einen soliden Sound und einen sehr guten Schnitt. Schade ist nur, dass das Bild in den krass-bunten Farben der Bühnenbeleuchtung glatt absäuft. Gerne hätte man Kelly noch etwas genauer in Augenschein genommen. Sehr interessant sind die Extras der Scheibe - vor allem für die Kelly-Fans, die es ja anscheinend durchaus gibt. Eine Viertelstunde lang darf der Musikfreund Kelly beim Soundcheck zuhören. Das ebenso lange Interview zeigt dann auf, was Kelly zu ihrer Musik zu sagen hat. Ein absolutes Muss ist am Ende noch das Video zu "Changes", das wunderschön inszeniert ist und den Zuhörer fast zu Tränen rührt. "Changes" bringt Vater und Tochter Osbourne gemeinsam auf die Bühne, wo sie über ihre ganz spezielle und nicht immer einfache Beziehung singen. Der Song brachte Ozzy zum ersten Mal seit "Paranoid" wieder auf Platz 1 der Billboard-Charts. Sanctuary, 53 Minuten, Dolby Digital 5.1, ca. 15 Euro

Falco: L.I.V.E. Donauinsel

Der Österreicher Falco ist eine äußerst schillernde Figur. Der pomadige Sänger schaffte es, mit Liedern wie "Der Kommissar" bekannt zu werden. Songs wie "Vienna Calling" oder "Sound of Musik" stürmten die Charts und sorgten dafür, dass sich der "Falke" die Taschen mit Geld füllen konnte. Doch Falco verkraftete weder seinen Ruhm noch die Talsohle danach, als niemand ihn mehr hören mochte. Am 6. Februar 1998 starb er in der Domenikanischen Republik - bei einem schnöden Autounfall. In seinem Leben, das von ständigen Aufs und Abs geprägt war, sollen auch die Drogen immer wieder eine wichtige Rolle gespielt haben.

Zurzeit erlebt Falco fast so etwas wie ein kleines Revival. Da passt es, dass Point Music jetzt ein Konzert auf DVD veröffentlicht, das 1993 auf der Donauinsel in Wien vor 100.000 Zuschauern mitgeschnitten wurde. Schade ist allerdings, dass dieses Konzert nur im antiken 4:3-Fernsehformat aufgezeichnet wurde.

Falco-Freunde werden ihren Spaß an der DVD haben, hören sie doch hier einen soliden Zusammenschnitt aller wichtigen und bekannten Songs aus Falcos Oeuvre. Er singt "Ganz Wien", "Munich Girls" und "Rock Me Amadeus". Besonders das skandalträchtige "Jeanny" bringt die Menge wieder zum Kochen.

Falco macht allerdings - was erstaunlich ist - auf der Bühne nicht sonderlich viel her. Er singt seine Titel herunter und hält sich dabei am Mikrofon fest. Das machen andere Künstler auch, nur haben die mehr Charisma, sodass man ihnen gerne beim Performen zuschaut. Das ist bei Falko nicht unbedingt der Fall: Er wirkt wie einer, der zufällig ein paar heiße Hits gelandet hat, es zum ganz großen Star aber mangels Bühnenpräsenz nicht bringen kann. Die DVD bietet fast schon passend dazu ein müdes Bild und einen leicht blechernen Sound.

Spannend wird das Konzert erst zum Ende hin, als es richtig zu gewittern beginnt und die Fans trotz Regen und Blitzen einfach auf ihren Plätzen stehen bleiben. Jetzt wachsen Sänger, Band und Publikum plötzlich zu einer Einheit zusammen, die den Wettergewalten trotzt. Bei "Nachflug" schlägt sogar der Blitz in der Nähe der Bühne ein. Als Bonus gibt es auf der DVD noch ein weiteres Livekonzert, das 1986 in der Wiener Stadthalle aufgezeichnet wurde, aber in noch minderer Qualität vorliegt.

Point Music, 110 Minuten, Dolby Digital 5.1, ca. 20 Euro

Carsten Scheibe

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