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Podcast "Hell and Gone" Tod im Canyon: Der rätselhafte Mord an Mitrice Richardson

Das Plakat, mit dem nach Mitrice Richardson gesucht wurde
Das Plakat, mit dem nach Mitrice Richardson gesucht wurde
© Privat
Der Tod einer jungen, schwarzen Psychologiestudentin im Jahr 2009 zeigt, dass schon damals Rassismus ein Problem bei der amerikanischen Polizei war. Wie unsensibel mit ihrem Verschwinden umgegangen wurde, beschreibt nun ein Podcast auf schmerzliche Weise.

Wer gern Dokumentationen über ungelöste Verbechen sieht oder nicht ohne True-Crime-Podcast einschlafen kann, der hat dabei sicher schon häufiger dieses Gefühl von Wut im Bauch gespürt, wenn offensichtliche Fehler der Ermittler die Aufklärung eines Verbrechens erschweren. Bei den Göhrde-Morden etwa, die erst Jahrzehnte später und nur durch die Hartnäckigkeit eines Mannes enträtselt werden konnten. Dieses Gefühl allerdings wird fast überwältigend, wenn man vom Tod der 24-jährigen Mitrice Richardson hört.

In ihrem Podcast "Hell And Gone" widmete sich die amerikanische Autorin und Privatermittlerin Catherine Townsend dem rätselhaften Mord an der jungen, schwarzen Psychologiestudentin. Mitrice Richardson lebte mit Mutter, Stiefvater und Großmutter in Malibu, arbeitete als Werkstudentin bei einer forensischen Psychologin und verdiente sich an den Wochenenden als Go-Go-Tänzerin in einer LGBT-Bar etwas Geld dazu. Sie lebte offen lesbisch und hatte seit zwei Jahren eine feste Freundin. Am 16. September 2009 wurde sie das letzte Mal lebend gesehen.

Eine junge Frau hat einen psychischen Zusammenbruch

Der letzte Tag im Leben von Mitrice, über den man wirklich etwas weiß, war ein seltsamer. Die junge Frau, die außer leichten Depressionen bisher keine psychischen Probleme hatte, begann sich ungewöhnlich zu verhalten. Sie verließ vorzeitig und ohne Ankündigung ihren Arbeitsplatz, was überhaupt nicht die Art der pflichtbewussten 24-Jährigen war. Sie besuchte eine ihrer Uni-Professorinnen in der Sprechstunde und fiel dort als fahrig und hypernervös auf, zudem redete sie wirr. Dann fuhr Mitrice aus unbekannten Gründen zu einem Restaurant in Malibu, wo sie erst eine Kellnerin in ein wirres Gespräch über Michael Jackson verwickelte und sich dann ungefragt zu einer Gruppe anderer Gäste an den Tisch setzte.

In "Hell and Gone" erzählt Katherine Townsend detailliert, was Mitrice an diesem Tag erlebte – und wie andere auf das ungewöhnliche Verhalten der jungen Frau reagierten, die ganz offensichtlich gerade einen psychischen Zusammenbruch hatte. Die Kellnerin beschreibt Mitrice als freundlich, aber nervös und fahrig. Ihr Chef trug ihr deshalb auf, den auffälligen Gast im Auge zu behalten. Und tatsächlich stellte sich später heraus, dass Mitrice kein Geld bei sich hatte, um ihr Essen zu bezahlen. Sie schien aber in ihrem Zustand auch nicht zu verstehen, dass das ein Problem war.

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Haft für ein nicht bezahltes Essen

Die Kellnerin fragte Mitrice nach einer Kontaktnummer und erreichte bei ihr zu Hause ihre Großmutter, die sofort versprach, die offene Summe zu begleichen, allerdings zu diesem Zeitpunkt kein Auto hatte. So rief die Kellnerin auf Drängen des Restaurantleiters die Polizei dazu. Die Beamten machten einen Alkoholtest bei der Psychologiestudentin, der negativ ausfiel. Allerdings entdeckten sie in ihrem Auto einen kleinen Krümel Marihuana. Das und die unbezahlte Rechnung schienen Grund genug zu sein, sie mitzunehmen.

Von hier an wird offensichtlich, dass Mitrice Richardson anders behandelt wird, als es einer weißen junge Frau passiert wäre. Ihr psychischer Zustand wird von keinem Arzt überprüft. Die Polizisten nehmen sie mit in die Lost Hills Sherrif's Station und stecken sie in eine Arrestzelle. Die Geografie des Polizeireviers spielt im weiteren Verlauf eine entscheidende Rolle. Im Podcast "Hell & Gone" verbringt Catherine Townsend geraume Zeit damit, durch die kalifornischen Berge und Canyons zu wandern und zu klettern, und sie berichtet: Der Name des Reviers ist Programm. Es liegt einsam mitten in den Bergen, westlich von Los Angeles. Direkt am Malibu Creek State Park. Außer einer kleinen Wohnsiedlung ist hier nichts. Und der Weg zurück in die Zivilisation beträgt gut 18 Kilometer.

Allein in der Nacht, im Nirgendwo

Als Mitrices Eltern abends von der Verhaftung erfahren, ruft ihre Mutter sofort die Polizisten an und bittet sie, die 24-Jährige bis zum Morgen dazubehalten, dann könne sie sie abholen. Die Beamten versprechen es. Und vergessen das Versprechen sofort wieder. Nachts um kurz vor ein Uhr beschließen sie, die ganz offensichtlich psychisch angeschlagene junge Frau, deren Auto beschlagnahmt worden war und die kein Handy bei sich trug, einfach so in die Dunkelheit zu entlassen. "Sie zeigte keine Anzeichen einer psychsichen Erkrankung und war nicht betrunken. Sie war okay. Sie ist erwachsen", rechtfertigte Polizeisprecher Steve Whitmore diesen Vorgang später.

Zu dieser Zeit gibt es rund um die Polizeiwache keine Busse oder Taxen. Nur eine Straße führt sicher ins Tal, viele andere sind trügerisch und winden sich in Serpentinen weiter in die Berge. Mitrice wandert zu Fuß los – und kommt niemals zu Hause an.

Nach Monaten, in denen die Familie verzweifelt nach ihr sucht – weitaus verzweifelter als die Polizei, macht es den Eindruck – wird ihre Leiche zufällig von Park-Rangern an einer schwer zugänglichen Stelle im Malibu Canyon entdeckt. Jetzt muss die Polizei ermitteln. Allerdings macht sie auch hier schwer erträgliche Fehler: Die größtenteils skelettierten Überreste der Toten werden vom Fundort weggebracht, bevor ein Tatort-Forensiker die Stelle in Augenschein nehmen konnte. Entscheidende Hinweise zur Todesursache gehen so unwiederbringlich verloren. Und als Mitrices Mutter zwei Jahre später mit Rangern die Stelle besucht, um sich selbst ein Bild zu machen, findet sie dort einen Fingerknochen. Den, und wie sich später herausstellt, auch sieben weitere Knochen, haben die Polizisten übersehen.

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Woran starb Mitrice Richardson?

Über die Todesursache können somit nur Vermutungen aufgestellt werden. Klar ist: Kein Knochen ist gebrochen, Mitrice ist also nicht in den Canyon gestürzt oder gesprungen (die Polizei hielt Selbstmord bis dahin für die wahrscheinlichste Option). Außerdem lag fast all ihre Kleidung mehrere Meter entfernt von der Leiche – sie hatte sie also entweder vor ihrem Tod selbst ausgezogen, oder jemand anders hatte es getan. Als Mitrice Richardsons Familie die Überreste ihrer toten Tochter später zur Bestattung übergeben bekommt, findet sie neben den Knochen überraschend den Beutel mit ihrer Kleidung. Die war nicht auf mögliche Spuren des Täters untersucht worden.

Das Verhalten der zuständigen Polizisten und des jeweiligen Sheriffs von L.A. County lassen einen als Zuhörer des Podcasts fassungslos zurück. Die Ermittler machen grobe Fehler, ermitteln offensichtlich mehr als lustlos, wehren Nachfragen der Familie rigoros ab und fallen immer wieder durch unsensibles Verhalten auf. Bis heute haben sie der Familie nicht das Überwachungsvideo ausgehändigt, das Mitrice in jener Nacht in der Arrestzelle und im Foyer des Reviers zeigt. Dass dieses Video überhaupt existiert, wurde nur durch Zufall bekannt – zuvor hatte der Sheriff vehement bestritten, dass es Videomaterial gebe.

Frustriert über das Verhalten der Ermittler

Definitiv aufklären kann Catherine Townsend den Fall in ihrem Podcast nicht. Dazu gibt es durch die schlampige Polizeiarbeit zu wenige Anhaltspunkte. Aber durch hartnäckige Nachfragen, die Zusammenarbeit mit Mitrices noch immer engagiert nach Antworten suchenden Angehörigen und Freunden und viele waghalsige Wanderungen durch die Canyons kann sie mehrere bis dahin populäre Theorien ausschließen. Doch am Ende, daraus macht sie keinen Hehl, ist auch Townsend entsetzt und frustriert vom Verhalten der Polizei, der das Leben und der Tod einer jungen schwarzen Frau nicht wichtig gewesen zu sein scheint.

Der englischsprachige Podcast "Hell and Gone, Staffel 3" ist kostenlos bei iTunes, Spotify oder unter diesem Link zu hören.


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