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"Auf der Flucht" bei ZDFneo: Regt euch wieder ab!

Die Doku-Soap "Auf der Flucht" bei ZDFneo soll eine Asyldebatte anstoßen. Die Promis-Flüchtlinge haben vor allem mit Flugangst zu kämpfen - und der Sender verteidigt sich im Live-Chat.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Da gibt es diese Szene am Stacheldrahtzaun. Eine Blondine mit Kopftuch im Piraten-Look, namentlich Katrin Weiland, steht auf der einen Seite, zig dunkelhäutige Flüchtlinge auf der anderen, in Gefangenschaft. Die 30-Jährige geht möglichst dicht heran, stellt Fragen. Später werden die Flüchtlinge sagen: "Danke, dass du so nahe an den Zaun gekommen bist". Dass sich jemand überhaupt in ihre Nähe traue – sonst unvorstellbar. Würden sie doch wie Aussätzige behandelt, seit sie sich hier in Griechenland aufhalten. Doch wie berührt darf der Fernsehzuschauer von dieser Szene, der Menschlichkeit nicht abzusprechen ist, überhaupt sein? Schon wieder ist der Zwiespalt da. Weil man grundsätzlich hadert mit diesem Format, der Doku-Serie "Auf der Flucht", die seit vergangener Woche auf ZDFneo läuft.

Bereits vor seiner Erstausstrahlung gab es vor allem online heftige Proteste. Verständlich. Laut Konzept der vierteiligen Serie "Auf der Flucht" sollen Prominente – beziehungsweise solche, die es werden wollen – "am eigenen Leib erfahren, was es heißt, auf der Flucht zu sein". Die Rede ist gar von einem "außergewöhnlichen Experiment".

Klingt erstmal so, als hätte das Privatfernsehen nun nach "Dschungelcamp" wieder so ein Ding auf die Beine gestellt, bei dem die Würde des Menschen ebenso tabu ist wie Fettpölsterchen im Klumschen Model-Kosmos. Also nichts wie los und RTL oder ProSieben abwatschen? Von wegen. ZDFneo heißt der neue Ansprechpartner. Öffentlich-rechtliches Fernsehen! "Nicht mit unseren Gebühren, was fällt euch ein", wehren sich die Empörten. Es sei unmenschlich, Flüchtlingsschicksale vorzuführen, wird argumentiert. Man wolle aus dem Elend anderer ein Event machen. Aber auch die Befürworter schreiben im Netz, etwa "Die Sendung gibt den Flüchtlingen endlich ein Gesicht" oder "Ich finde das Format mutig, danke dafür."

Dramatischer Unterton wie beim "Dschungelcamp"

Eine Debatte also ist losgetreten. Und damit geht der Punkt klar an ZDFneo, denn das war freilich beabsichtigt. In dem Chat, der im Anschluss an den zweiten Teil der Serie lief, schrieb Senderchefin Simone Emmelius, man wolle beim Zuschauer die Bereitschaft auslösen, "sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen und sich gegebenenfalls aktiv für Veränderungen einzusetzen". "Auf der Flucht" basiere auf einem überaus erfolgreichen australischen Format, das dort eine breite Asyldebatte ausgelöst habe. Keine Frage, auch hierzulande würde das nicht schaden. Man kann wohl kaum behaupten, es gäbe ein Überangebot in dieser Angelegenheit. Heiligt deshalb der Zweck die Mittel? Ist "Auf der Flucht" das Übel, das man zähneknirschend hinnehmen muss, damit klar wird, dass es sich hier um ein Thema handelt, das nicht einfach unter "L" wie "Lampedusa" abgeheftet werden kann und mit einem "Ach, die Armen" erledigt ist?

Laut Schätzungen sind weltweit rund 45 Millionen Menschen auf der Flucht. Eine ungefähre Ahnung davon sollen nun die Protagonisten bekommen. "Heute seid ihr auf der Flucht. Alles Gute", verabschiedet Daniel Gerlach den sechsköpfigen Trupp. Ein "viel Spaß" hängt der Journalist und Nahost-Experte nicht auch noch dran, Glück gehabt. Mirja du Mont, Kevin Müller und Songül Cetinkaya werden in umgekehrter Richtung via Italien die Route von Flüchtlingen aus Afrika bereisen, die anderen drei, Katrin Weiland, Stephan Weidner und Johannes Clair, via Griechenland die Route von Flüchtlingen aus dem Irak. "Ohne Geld und ohne Handy", wie es in der Sendung heißt, allerdings mit diesem dramatischen Unterton, den auch die "Dschungelcamp"-Macher wählen, wenn eine Prüfung mit Känguru-Hoden angekündigt wird.

Show soll Teilnehmer "an ihre Grenzen bringen"

Immerhin: Von der Wahl eines "Flüchtlingskönigs" ist nicht die Rede. Aber die obligatorische Heulsuse fehlt trotzdem nicht. Achtung, Dokusoap-Dramaturgie: Mögen Mirjas Tränen auch echt sein, – "Mir war nicht klar, welches Leid hinter den einzelnen Menschen steckt" – sie sind ein gutes Beispiel, wie sich dort permanent etwas verschiebt. Sind die Flüchtlinge nur Staffage? Urwald-Ersatz, um die Befindlichkeiten von "Promis" zu inszenieren? Schließlich ist ja auch davon die Rede, die Teilnehmer "an ihre Grenzen zu bringen". Bei Kevin gelingt das übrigens ganz schnell. Bereits auf dem Weg nach Rom kämpft er gegen seine Flugangst und als am Zielort nur noch das Straßenpflaster als Übernachtungsmöglichkeit bleibt, verkündet er: "Ich breche ab." Und bleibt trotzdem. Aber, Moment mal, können ihn denn nicht die Zuschauer rauswählen?

Stimmt schon, Informationen fehlen nicht. Begriffe wie Drittstaatenregelungen werden erklärt, die Politikerin Rebecca Harms tritt auf und spricht über die entsprechenden EU-Gesetze, Unterschiede von Bedingungen in Nord- und Südeuropa werden erläutert. Und nicht immer läuft alles reibungslos. In Rom weigern sich Flüchtlinge plötzlich, das Kamerateam dort hereinzulassen, wo sie untergebracht sind. Und man hofft, dass sie es deshalb machen, weil sie sich sagen: "Mit uns nicht. Sucht euch andere für euer Format." Hingegen geben Flüchtlinge wie Mona aus Somalia Einblick in eine ganz andere Realität, über die immer noch zu wenige Bescheid wissen.

Und man hofft, schon wieder hin- und hergerissen, dass vielleicht doch Menschen aufgerüttelt werden, die sich bisher kaum mit Flüchtlingsschicksalen auseinander gesetzt haben. "Wir haben uns bewusst für eine neue Form entschieden, um ein neues Publikum zu erreichen", heißt es beim Sender. Und während das "neue" Publikum guckt – 60.000 beim Auftakt - könnte das "alte" Publikum prima die Zeit nutzen, um mal darüber nachzudenken, warum es, so informiert wie es ist, den Ernst der Lage, in der sich Flüchtlinge befinden, wohl immer noch nicht erkannt hat. Andernfalls hätte sich viel mehr schon getan.

  • Sylvie-Sophie Schindler