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Neue Staffel "Charité": Nazi oder Menschenfreund? Ferdinand Sauerbruch und die düsteren Jahre der Charité

Nach dem großen Erfolg der ersten Staffel zeigt die ARD sechs neue Folgen der Serie "Charité". Im Mittelpunkt steht der Chirurg Ferdinand Sauerbruch. Die Serie beleuchtet seine ambivalente Rolle zur Zeit des Nationalsozialismus.

Ulrich Noethen in der zweiten Staffel Charité

Ulrich Noethen (l.) spielt den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, Jacob Matschenz (r.) den Pfleger Martin Gruber

ARD

Wenn Ferdinand Sauerbruch operiert, ist das ein Konzert. Das Skalpell schwingt er wie einen Taktstock, seine Assistenten dirigiert er mit ausladenden Armbewegungen. Alles hat Rhythmus, alles hat Eleganz bei Sauerbruch. Er weiß, dass er fachlich einer der besten Chirurgen der Welt ist, aber das genügt ihm nicht. Er will glänzen, er will den Applaus der Ärzte und Studenten, die ihm im Operationssaal zuschauen, wenn er wieder mal ein Leben rettet.

So heldenhaft seine Kunstgriffe an der Berliner Charité auch waren, so undurchsichtig blieb Sauerbruch als Mensch. Während der Zeit des Nationalsozialismus versorgte er zahlreiche Kriegsverletzte und ließ sich dafür vom Regime mit dem Ritterkreuz behängen und als "Generalarzt des Heeres" auszeichnen. Zugleich behandelte Sauerbruch Juden in seiner Klinik, als dies längst verboten war. Auch hielt er zu einer Gruppe von Männern um Claus Schenk Graf von Stauffenberg engen Kontakt, den späteren Attentätern vom 20. Juli 1944.

Chirurg Ferdinand Sauerbruch ist die Hauptfigur der zweiten Staffel "Charité"

Dieser widersprüchliche und so schwer fassbare Professor für Chirurgie ist die Hauptfigur der neuen Staffel von "Charité", die am 19. Februar startet (20.15 Uhr, Das Erste). Eine mutige Entscheidung der beiden Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann, bricht sie doch mit dem Erfolgrezept der ersten Staffel von 2017.

Gleich vier Mediziner wurden hier gefeiert, die Nobelpreisträger Robert Koch, Emil Behring, Paul Ehrlich sowie Rudolf Virchow. Obendrauf gab es noch die Liebesgeschichte einer bildhübschen Krankenpflegerin. Durchschnittlich 7,48 Millionen Zuschauer sahen die sechs Folgen im Ersten – damit ist "Charité" sogar erfolgreicher als "Babylon Berlin", der teuersten Serienproduktion in der Geschichte des deutschen Fernsehens.

Und nun Ferdinand Sauerbruch, in seinem mürrischen Pathos herrlich gespielt von Ulrich Noethen. Ein befleckter Held, an den das Publikum nicht einfach andocken kann. Wohl auch deshalb haben die Autorinnen die fiktive Figur der Anni Waldhausen (Mala Emde) erschaffen, einer jungen Medizinerin, die nach der Geburt eines behinderten Kindes zur moralischen Instanz am berühmten Berliner Krankenhaus wird.

Es wäre ein Leichtes gewesen, Anni Waldhausen als Gegenfigur aufzubauen: Hier die geradezu engelhafte Frau, dort der zwielichtige Mediziner. Doch in diese Falle tappt die Serie nicht. Im Gegenteil. Die Drehbuchschreiberinnen zeichnen ein differenziertes Bild von Sauerbruch. Sie haben eigene Recherchen angestellt und bislang unbekannte Quellen aufgetan, die Sauerbruchs Leben in neuem Licht erscheinen lassen.

Jannik Schümann und Mala Emde in der zweiten Staffel "Charité"

Mala Emde als schwangere Ärztin Anni Waldhausen, Jannik Schümann spielt ihren jüngeren Bruder Otto Marquardt

ARD

So sichteten Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann im Archiv der Berliner Staatsbibliothek den bislang unerforschten Nachlass von Sauerbruch. 20 Kisten mit Briefen, Manuskripten und Notizen. Sie besuchten auch die Nachfahren von Sauerbruchs Assistenten Adolphe Jung, einem elsässischen Chirurgen, der von den Nazis an die Charité zwangsrekrutriert wurde – und der der Résistance nahestand. Jung führte während seiner Zeit an Sauerbruchs Seite ein geheimes Tagebuch, das die Autorinnen erstmals einsehen durften.

"Halt die Klappe. In der Klinik sind viele Nazis."

Jungs Aufzeichnungen aus den Jahren 1933 bis 45 scheinen Sauerbruch vom Vorwurf zu entlasten, ein willfähriger Handlanger der Nationalsozialisten gewesen zu sein. Jung bezeugt, dass Sauerbruch Juden in der Charité genauso medizinisch versorgt habe wie andere Patienten und dies auch seinen Mitarbeitern befohlen habe. Obwohl sie sich vor Bestrafung durch die Nationalsozialisten fürchteten, hätten sie an die Anweisungen ihres Chefs gehalten. Auch habe sich Sauerbruch nicht anstecken lassen vom Kriegswahn Hitlers. "Wir werden bald geschlagen sein", habe Sauerbruch zu ihm gesagt, schreibt Jung. "Aber rede hier nicht darüber, halt die Klappe. In der Klinik sind viele Nazis."

Sauerbruchs Ruf und Stellung in der deutschen Medizingeschichte hat im zurückliegenden Jahrzehnt heftig gelitten. 2009 veröffentlichte der Historiker Geralf Gemser ein Buch, in dem er Sauerbruch die Unterstützung von Menschenversuchen während der NS-Zeit zur Last legte. In den folgenden Jahren galt Sauerbruch plötzlich als NS-Arzt, dessen Name aus dem öffentlichen Raum getilgt werden musste. So wollte sich das Ferdinand-Sauerbruch-Gymnasium in Großgörschendorf bei Dresden von seinem Namensgeber trennen, ebenso sollte in Hannover eine Straße umbenannt werden.

Auch an der Charité selbst gab es Unmut. Die Aktivisten der Studentengruppe "Kritische Mediziner*innen Berlin" überklebten Straßenschilder auf dem Klinikgelände. Zudem erschien in der Studentenzeitschrift "UnAufgefordert" eine Zeichnung, die eine von Sauerbruch gefertigte Prothese in der Position eines Hiltlergrußes zeigt.

"Wenn man die Sekundärliteratur über Sauerbruch liest, bekommt man teilweise ein zutiefst negatives Bild vermittelt", sagt Sabine Thor-Wiedemann, "das deckt sich nicht mit den Ergebnissen unserer Nachforschungen. Sauerbruch war sicherlich kein Widerstandskämpfer – aber auch nicht der fügsame Nazi-Mediziner, zu dem ihn manche abstempeln wollen."

Zu einem ähnlichen Urteil kommt der Historiker Christian Hardinghaus, der in diesen Tagen eine Biografie vorstellt ("Ferdinand Sauerbruch und die Charité", Europaverlag). Hardinghaus sagt: "Sauerbruch war ein Pragmatiker, er dachte zwar national-patriotisch, er war konservativ, aber er fühlte sich keineswegs als Nazi. Und er lehnte den Antisemitismus strikt ab. Anders als 45 Prozent der Ärzte damals war er auch nicht Mitglied der NSDAP."

"Charité" ist Bildungsfernsehen im besten Sinne

Den Machern der neuen "Charité"-Staffel ist es gelungen, die Figur des Ferdinand Sauerbruch in all ihrer Amibivalenz einem ein großes Publikum nahezubringen. "Charité" ist Bildungsfernsehen im besten Sinne: ensthaft, informativ und zugleich dramaturgisch so aufbereitet, dass ein Sog entsteht.

Regisseur Arno Saul macht aus dem Sauerbruch-Stoff in seinen stärksten Passagen ein Kriminalstück. So wird das Vorzimmer von Sauerbruch zum Raum, in dem sich – historisch verbürgt – Weltgeschichte verdichtet: Hier geht Fritz Kolbe (gespielt von Marek Harloff) ein und aus, der mit Sauerbruchs Sekretärin ein Verhältnis hat. Kolbe ist Diplomat im Auswärtigen Amt und zugleich Widerstandskämpfer und einer der wichtigsten Spione der Alliierten. Über 1600 geheime Telegramme übermittelt Kolbe an die Amerikaner, dazu Informationen über die Deportationen von Juden in den Osten und das deutsche Vergeltungswaffenprogramm. Sauerbruchs Assistent Adolphe Jung (Hans Löw) unterstützt Kolbes Mission. Er stellt sein Dienstzimmer zur Verfügung, damit Kolbe dort ungestört Kopien brisanter Akten anfertigen kann.

Sauerbruch selbst ist bei diesen Treffen nie dabei. Er steht meistens im Operationsaal, von morgens um sieben bis abends um neun; mitunter arbeitet er parallel an drei Tischen. Wenn sich die Geheime Staatspolizei (Gestapo), die vor der Station Wache schiebt, in seine Arbeit einmischen will und die Verlegung eines vermeintlich geisteskranken Patienten fordert, bekommt Sauerbruch Tobsuchtsanfälle. "Sie wagen es, einen Sauerbruch zu belehren?", brüllt er dann durch die Gänge. "Verschwinden Sie!"

Schreit sich da jemand seine Verachtung für das Hitler-Regime aus dem Leib? Will er seinen Patienten schützen vor dem Zugriff der Nationalsozialisten? Oder suchen sich da bloß verletzter Stolz und gekränkte Eitelkeit ein Ventil? Der Film lässt die Antwort offen. Sauerbruch entzieht sich einfacher Interpretationen, nie gibt es Eindeutiges bei ihm, nie Schwarz oder Weiß. Immer nur Schattierungen. 

Zum Auftakt der zweiten Staffel zeigt die ARD am 19. Februar um 20.15 Uhr die ersten beiden Folgen. Die restlichen vier Folgen laufen immer dienstags um 20.15 Uhr.