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ARD-Serie: Charité – so war es damals wirklich im Krankenhaus

Die sechsteilige ARD-Serie Charité war ein Quotenhit. Nun ist eine zweite Staffel geplant. Der stern sprach mit dem Berater der Serie, dem Medizin-Historiker Prof. Dr. Thomas Schnalke über Wahrheit und Fiktion in der Serie.

Charité in Berlin

Die Charité in Berlin: Die ARD-Serie erzählt die Geschichte des Klinikums und des Wissenschaftlers Robert Kochs.

Ernste Männer mit Rauschebärten, strenge Oberschwestern und altmodische Anstandsregeln – das klingt ja erst Mal nicht so spannend. Hat Sie der Erfolg der Fernsehserie Charité, bei der über acht Millionen Zuschauer eingeschaltet haben, überrascht?
Medizin ist immer ein Thema, egal in welcher Zeit. Denn Medizin bedeutet Rätsellösung, der Arzt ist ein Spurenleser. Die Menschen lieben es, hinter die Kulissen zu schauen und mit zu fiebern. Für die Charité-Serie heißt das: Die hygienischen Zustände, die gezeigt werden, waren tatsächlich so schlimm. Es muss übel gerochen haben! Überfüllte Bettensäle, zu wenig Abtritte für die vielen Patienten – Toiletten, wie wir sie kennen, gab es ja noch nicht für alle – und dazu die fehlende Elektrizität führten 1893 dazu, dass die SPD, die Krankenkassen und die Gewerkschaften zum Boykott der Charité aufriefen und das Krankenhaus ab 1896 neu gebaut wurde.
Die Hauben der Schwestern wirken immer frisch gestärkt. Wie realistisch ist die damalige Zeit abgebildet?
Die Schwestern- und Diakonissentrachten wurden exakt nachgeschneidert. Eine Kostümbildnerin fragte mich, welche Leinensorte damals verwendet wurde. Im realen Leben war die Kleidung sicher ab-getragener, aber sie war sauber! Darauf achteten Schwestern und Ärz-te damals durchaus.

Prof. Dr. Thomas Schnalke, Medizinhistoriker

Prof. Dr. Thomas Schnalke leitet das Berliner Medizinhistorische Museum (BMM) – mit Exponaten aus der Sammlung von Robert Virchow, der 1899 das Pathologische Museum eröffnete. In seiner Dauerausstellung "Dem Leben auf der Spur" auf dem Gelände der Charité bietet das Museum einen Gang durch 300 Jahren Medizingeschichte. Infos, Öffnungszeiten und Eintrittspreise unter: www.bmm-charite.de


Was ist so faszinierend am Ende des neunzehnten Jahrhunderts?
Zu dieser Zeit passierte in der Medizin in Berlin unglaublich viel. Da wurden nicht nur Weltbilder, sondern auch das Bild vom Körper des Menschen neu entwickelt – die moderne naturwissenschaftliche Medizin entstand. Nach der Theorie von Rudolf Virchow ist der Mensch ein "Zellenstaat". Allein die Zellen bestimmen über Gesundheit oder Krankheit. Sein Gegenspieler war Robert Koch, eine Generation jünger als er. Koch sagte: Es gibt Erreger, die von außen in den Körper eindringen und Krankheiten auslösen – egal, was die Zellen sagen. Hinzu kamen Emil von Behring und Paul Ehrlich. Sie erforschten das körpereigene Blutserum und entdeckten Wirkkräfte, die therapeutisch genutzt werden können.

1888 sind Koch, Virchow, Behring und Ehrlich die Popstars in der Medizin.
Die vier Männer sind keine Heroen, die eben mal eine geniale Idee hatten, sondern Kinder ihrer Zeit. Schon vor Koch hat es Entdeckungen von Bakterien gegeben. Aber Robert Koch war der erste, der den Zusammenhang von Keim und Krankheit wissenschaftlich sauber nachwies. Auch die Immunologie kam nicht aus dem Niemandsland. Aber Emil von Behring und Paul Ehrlich entwickelten ein effektives Medikament zur Heilung von Diphtherie. Der Erfolg war gigantisch, die Säuglings- und Kleinkindsterblichkeit sanken dramatisch. Deshalb bekam von Behring 1901 als erster den Medizin-Nobelpreis verliehen und nicht Robert Koch, bei dem alle therapeutischen Versuche mit Tuberkulin scheiterten. Für Koch der Super-Gau.

ARD-Serie: Ärzte, Kaiser, Krankenschwestern - darum geht's in "Charité"
Charité

Die ARD-Sechsteiler "Charité" verschränkt mehrere Genres in einem: Bei der Produktion handelt es sich um eine historische Krankenhausserie, in der berühmte Ärzte wie Robert Koch, Emil Behring und Paul Ehrlich vorkommen. Zum anderen zeichnet der Mehrteiler ein tiefgreifendes Sittenbild von der deutschen Gesellschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Auch die politische Entwicklung jener Jahre findet hier seinen Widerhall. Damit das Ganze nicht zu akademisch wird, haben die Autoren (Dorothee Schön, Sabine Thor-Wiedemann) die Handlung mit einigen Liebes- und Emanzipationsgeschichten gewürzt.

Auch ihn hat es wirklich gegeben: Der berühmte Pathologen Prof. Rudolf Virchow (Ernst Stötzner, l.) schneidet während seiner Vorlesung eine Leiche auf.


Als "Bakterienjäger" hat Robert Koch hohe wissenschaftliche Standards gesetzt. Wieso ließ er diese beim Einsatz seines Medikamentes "Tuberkulin" völlig außer Acht? Koch hat Roulette gespielt: Er hielt die Zusammensetzung seines Medikamentes Tuberkulin geheim, probierte es an sich selbst aus und wurde dann von den Ereignissen überrollt. Er wollte wohl auch die Chance nutzen, sein Medikament zu vermarkten. Als dann die Patienten schwer erkrankten und sogar starben, war das Entsetzen groß. Sicher stand Koch auch unter Druck: Nachdem er am 24. März 1882 der Welt erklärt hatte, der Tuberkel-Erreger verursache Schwindsucht, wurde er spätestens ab dem nächsten Tag gefragt: Was ist das Mittel dagegen? Der Kaiser persönlich forderte einen Erfolg von ihm! Heute ist das nicht anders – denken Sie an die Entdeckung des HI-Virus. Sofort hieß es: Jetzt brauchen wir einen Impfstoff!
Koch und Behring: Zwei eitle und ehrgeizige Männer mit extremen Charakteren.
Emil von Behring litt unter schweren Depressionen und wurde 1907 bis 1910 in München in einem Sanatorium mit starken Schmerzmitteln behandelt – möglicherweise wurde er davon abhängig. Ob diese Sucht schon vorher bestand, ist unklar. Belegt ist, dass Robert Koch 1890 die 30 Jahre jüngere Hedwig Freiberg kennen lernte und sich von seiner Ehefrau scheiden ließ. Ein unglaublicher Skandal! Vor dem Ruin rettete ihn nur, dass ihm der preußische Staat in der ganzen Euphorie um das Tuberkulin ein eigenes Institut stiftete: das Robert-Koch-Institut, das 1912 nach ihm benannt wurde.


Für die vier Männer in der Serie gibt es reale Vorbilder. Wie ist es mit Ida Lenze?

Diese Figur ist frei erfunden, aber damals gab es durchaus Frauen, die Medizin studieren wollten und dafür in die Schweiz gehen mussten. In Preußen wurden Frauen erst 1908 zum Studium zugelassen.

Hätte Ida Lenze nach dem Studium in Zürich eine Praxis in Berlin führen können?
Ja, es gab bereits einige Frauen, die sich als Ärztin niederließen. In Berlin herrschte Armut, die Lebenserwartung lag bei 40 Jahren, jeder Vierte starb an Tuberkulose – da wurde jeder Arzt gebraucht. Die Gesellschaft war in der Hinsicht weiter als der Berufsstand der Mediziner. Interessanter Weise hat sich daran bis heute wenig geändert: Zwar sind zwei Drittel der Studienanfänger weiblich, aber lediglich elf Prozent werden Professorinnen oder gehen in die Klinikleitung. Und das in einem Beruf, der sich dem Fortschritt und dem Wohle der Menschheit verschrieben hat.
In der Serie wird Ida Lenze nicht nur von den Männern ausgebremst, sondern auch von den Frauen, den Diakonissen und Schwestern für ihren Wunsch Ärztin zu werden, verlacht.

Eine Frau, die in der damaligen Zeit Ärztin werden wollte, hatte alle gegen sich. Im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert kämpften die Krankenschwestern um ihre Professionalisierung. Durch die Erfolge der Medizin – die Chirurgen konnten plötzlich alles operieren und die Internisten bekamen wirksame Medikamente an die Hand – standen die Pflegekräfte unter Druck. Das gesamte zwanzigste Jahrhundert kämpften Schwestern und Pfleger darum, als eigene Profession anerkannt zu werden und nicht nur den Ärzten zu dienen. Das ist bis heute nicht ausgestanden.

Mit der industriellen Revolution in Deutschland setzte ein gewaltiger technischer Sprung ein – auch in der Medizin. Welche bahnbrechenden Entdeckungen bestimmen heute die Forschung?
Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde die Struktur des menschlichen Erbguts entschlüsselt – die Entdeckung der Doppelhelix war der Startschuss für die Genforschung. Am Genom und seinen Codes versuchen wir die biologische Grundausstattung des Menschen abzulesen. Dabei denken wir uns immer noch von der Zelle her – die Virchow als kleinste Einheit des Lebens erkannte. Forscher wollen für Patienten heute möglichst individuelle Therapien entwickeln und so etwa bei speziellen Krankheiten den mutierten Genabschnitt herausschneiden oder blockieren. Aber trotz des großen Fortschritts gibt es Themen, die uns bis heute verfolgen: die Hygiene! 1850 wuschen sich die Ärzte die Hände mit Chlorkalk, Karbolsäure wurde ab den 1860er Jahren als Desinfektionsmittel auf Patienten und Kleidung gesprüht; Mundschutz und Handschuhe kamen erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts im OP-Saal in Gebrauch. Immer noch müssen Ärzte und Schwestern regelmäßig mit Kampagnen zum Händewaschen aufgefordert werden. Sauberkeit ist keinesfalls selbstverständlich. Auch die Bedrohung durch Bakterien haben wir noch nicht im Griff: Multiresistente Keime in Kliniken sind eine große Gefahr und die Tuberkulose kehrt zurück – auch in Deutschland.
Welchen spannenden Fernsehstoff bietet die Charité für die nächste Staffel?
Die Medizin und ihre Verfehlungen während der Nazizeit sind ein ernstes und großes Thema.

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Von:

und Anika Geisler