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ARD-Serie: Die Wahrheit über die berühmten Ärzte an der Charité

In dem Sechsteiler "Charité" erzählt die ARD ein spannendes Stück deutscher Medizingeschichte. Im Mittelpunkt: vier geniale Wissenschaftler. Die hat es wirklich gegeben.

Von Christian Ewers

Charité

Selbstversuch: Der Bakteriologe Robert Koch (gespielt von Justus von Dohnány) lässt sich von seinem Assistenten Paul Ehrlich (Christoph Bach) das neu entwickelte Medikament Tuberkulin spritzen

Es fehlte nicht viel, ein falsches Wort noch, und Bismarck hätte womöglich einen seiner besten Ärzte erschossen, einen Forscher von Weltruf, den Begründer der modernen Pathologie.

Dieser Rudolf Virchow plagte Bismarck. Nie gab er Ruhe. Statt im Leichenhaus der Charité seine Arbeit zu verrichten, erhob der Mediziner auch als Politiker seine Stimme: wetterte gegen die hohen Militärausgaben des Preußischen Königreichs, kämpfte für bessere Lebensbedingungen der Arbeiterklasse, drängte auf den Bau einer neuen Kanalisation in Berlin, um Seuchen endlich einzudämmen.

Am 2. Juni 1865, nach einer hitzigen Debatte im Landtag, reichte es Otto von Bismarck. Diese ständigen Ehrverletzungen wollte er nicht länger hinnehmen. Bismarck, Ministerpräsident Preußens, forderte Virchow zum Duell mit der Pistole. Virchow zögerte – und lehnte ab. Ein Waffenduell sei "keine zeitgemäße Art der Diskussion", belehrte der Professor seinen Widersacher kühl.

Die größten Mediziner forschten in der Charité

Virchow war der mutigste Kopf einer Gruppe von deutschen Medizinern, die Ende des 19. Jahrhunderts für Aufsehen sorgten. Und das weit über die Landesgrenzen hinaus. Robert Koch, Emil Behring, Paul Ehrlich und Rudolf Virchow, sie alle forschten in jener Zeit an der Charité, dem größten Krankenhaus Berlins. Ihre Entdeckungen revolutionierten die Wissenschaft vom menschlichen Körper. Sie untersuchten Zellen, Seren und Bakterien, und ihre Erkenntnisse eröffneten völlig neue Möglichkeiten in der Behandlung von Krankheiten. Die Ärzte entwickelten wichtige Heilmittel, etwa gegen Diphtherie und Syphilis, sie wurden gefeiert und vielfach ausgezeichnet, drei von ihnen sogar mit dem Nobelpreis.

Vier Männer, die Großes leisteten – und einander vor allem durch Neid und Missgunst verbunden waren. Sie lästerten, sie spotteten, sie belauerten sich, trieben und hintertrieben einander. Ein jeder wollte den anderen überstrahlen.

Von diesem spannungsreichen Verhältnis erzählt die Fernsehserie "Charité", die seit Dienstag ausgestrahlt wird (Das Erste, 20.15 Uhr). Sönke Wortmann führte Regie bei dem Sechsteiler, einer Produktion der Ufa, die wie der stern zu Bertelsmann gehört. Wortmann schildert in ruhigen, unaufgeregten Bildern das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen den Ärzten.

"Charité" ist keine typische Krankenhausserie, auch wenn man Geltungsdrang und außereheliche Affären von Medizinern schon aus anderen Fernsehfilmen zur Genüge zu kennen meint. Wortmann weitet den Blick, er entwirft ein Panorama der damaligen Zeit. Die Charité wird bei ihm zum Mikrokosmos, in dem sich die Zerrissenheit des Preußischen Königreichs Ende des 19. Jahrhunderts abbildet, der soziale Unfriede, der aufkeimende Antisemitismus, die Industrialisierung mit ihren wenigen Profiteuren und zahllosen Opfern.

Die Beharrungskräfte waren gewaltig

Es waren Wendejahre. Das Land stand wirtschaftlich und technologisch an der Schwelle zur Moderne, doch die medizinische Forschung hatte mit Widerständen zu kämpfen. Die Beharrungskräfte an der Charité waren gewaltig. In der Krankenpflege galt es noch immer, auf die Barmherzigkeit Gottes zu vertrauen. "Allmächtiger, wir danken dir, dass du uns Krankheiten schickst als Prüfungen, die uns läutern sollen", so beginnt das tägliche Morgengebet der Oberschwester Martha, gespielt von Ramona Kunze-Libnow.

Gerade junge Ärzte wie Emil Behring und Paul Ehrlich haben große Mühe, sich Freiräume für ihre Experimente zu erstreiten. Behring (Matthias Koeberlin), später der Erfinder von Medikamenten gegen Diphtherie und Wundstarrkrampf, droht fast daran zu zerbrechen. Tagsüber arbeitet er in der Klinik, nachts steht er im Labor, schläft kaum, und wenn er mal wieder am Ende seiner Kräfte ist, schleppt er sich zum Medizinschrank und schluckt Opium.
Die Figur des Behring mag überzeichnet wirken, doch Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann bewegen sich mit ihrem Drehbuch ziemlich nah an den historischen Personen. Acht Jahre haben die beiden Autorinnen vor allem in den Archiven der Charité recherchiert. Unterstützt vom Leiter des Medizinhistorischen Museums Thomas Schnalke, erstellten sie Psychogramme der vier Ärzte und beschrieben auch, unter welch starkem politischem Druck die Forscher im Kaiserreich standen.

Der 47-jährige Mediziner und seine 17 Jahre alte Geliebte

Da ist Robert Koch, Bakteriologe. 1882 entdeckt er den Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis, eine wissenschaftliche Sensation damals, doch von Koch wird sogleich das nächste Heldenstück erwartet. Pünktlich zum "Zehnten Internationalen Medizinischen Kongress" 1890 in Berlin fordert Kaiser Wilhelm II. von Koch die Entwicklung eines Heilmittels für die Lungenkrankheit. Man wolle den "Erbfeind" Frankreich wenigstens auf dem Feld der Wissenschaft schlagen, lässt der Kaiser wissen.

Doch Koch kann nicht liefern. Er hat etwas zusammengemixt in seinem Labor, das er Tuberkulin nennt, aber seriös getestet hat er das vermeintliche Medikament nicht. Der 47-jährige Mediziner selbst und seine 17 Jahre alte Geliebte Hedwig sind die einzigen Versuchspersonen.

Trotzdem präsentiert Koch dem Kongress das Tuberkulin. Der Saal stimmt Lobesgesänge an, "Heil dir, Bakterienvater Koch!", schallt es ihm entgegen. Auf Händen wird Koch aus dem umgebauten Circus Renz getragen, der Tagungsstätte der Mediziner.

ARD-Serie: Ärzte, Kaiser, Krankenschwestern - darum geht's in "Charité"
Charité

Die ARD-Sechsteiler "Charité" verschränkt mehrere Genres in einem: Bei der Produktion handelt es sich um eine historische Krankenhausserie, in der berühmte Ärzte wie Robert Koch, Emil Behring und Paul Ehrlich vorkommen. Zum anderen zeichnet der Mehrteiler ein tiefgreifendes Sittenbild von der deutschen Gesellschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Auch die politische Entwicklung jener Jahre findet hier seinen Widerhall. Damit das Ganze nicht zu akademisch wird, haben die Autoren (Dorothee Schön, Sabine Thor-Wiedemann) die Handlung mit einigen Liebes- und Emanzipationsgeschichten gewürzt.

Auch ihn hat es wirklich gegeben: Der berühmte Pathologen Prof. Rudolf Virchow (Ernst Stötzner, l.) schneidet während seiner Vorlesung eine Leiche auf.

Der öffentliche Erfolg Kochs ist für einen Konkurrenten besonders schwer zu ertragen: Rudolf Virchow. Er beginnt, auf seinem Obduktionstisch zahlreiche Tote zu untersuchen, die mit Tuberkulin behandelt worden sind - und weist mit Skalpell und Mikroskop nach, dass Tuberkulin Krankheitsverläufe nicht nur nicht lindert, sondern sogar verschlimmert. Der Hoffnungsträger des Kaisers ist blamiert. Kochs Scheitern wird zu Virchows Triumph.

Virchow (Ernst Stötzner) und Koch (Justus von Dohnány) sind die beiden großen Antipoden der Serie. Zwei stolze, wortmächtige Männer, die einander in der Deutung von Krankheiten widersprechen: Virchow glaubt, dass gestörte Zellen Krankheiten auslösen; die Ursache liege im Menschen selbst. Koch hingegen behauptet, äußere Einflüsse seien entscheidend, Bakterien und ihre Gifte, die auf den Menschen einwirkten. Virchow tut das als kühne, unbewiesene These ab.

1901 erhält Emil Behrin den Nobelpreis 

Dass beide Erklärungsmodelle zutreffen, sich eben nicht ausschließen, wird erst Jahre später bewiesen. Zu spät für Koch. Seine wissenschaftliche Reputation ist nach dem Tuberkulin-Debakel angekratzt, zudem muss er mit ansehen, wie er von seinen beiden jüngeren Assistenten Emil Behring und Paul Ehrlich überholt wird.

Behring ist ein Ehrgeizling, der Kollegen mobbt, wo es nur geht. Im Jahr 1901 erhält er den Nobelpreis für seine Forschungen zu Antitoxinen. Diese werden als Wirkstoffe gegen Infektionskrankheiten eingesetzt. Paul Ehrlich, der maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der Antitoxine besitzt, wird von Behring aus dem Projekt gedrängt. Vom wirtschaftlichen Erfolg der Präparate gegen Diphtherie, hergestellt in den Farbwerken Hoechst, profitiert hauptsächlich Behring. Es vergehen Jahre, bis endlich auch Koch (1905) und Ehrlich (1908) den "Nobelpreis für Physiologie oder Medizin" erhalten.

Paul Ehrlich ist noch der mildeste Charakter in diesem Quartett der Egomanen. Er führt eine moderne, gleichberechtigte Ehe - zumindest für damalige Verhältnisse. Und er besitzt einen feinen Humor, auch Selbstironie, was den manischen Behring immer wieder tief verstört. Paul Ehrlich ist Jude, dies gilt auch an der Genieschmiede Charité als Makel; selbst Untergebene, Pflegeschwestern lassen abfällige Bemerkungen fallen. Dennoch geht Ehrlich unbeirrt seinen Weg: Er spezialisiert sich auf das menschliche Immunsystem und begründet ein neues, bahnbrechendes Heilverfahren, die antibiotische Chemotherapie.
Heldengeschichten in der Medizin werden zur Zeit der Jahrhundertwende ausschließlich von Männern geschrieben. Frauen sind in Deutschland vom Medizinstudium ausgeschlossen.

Erst ab 1908 dürfen Frauen Medizin studieren

Um eine weibliche Perspektive zu schaffen und die Dominanz der rauschebärtigen, nickelbrilligen Männer zu brechen, haben die Drehbuchautorinnen ihrer Serie eine fiktive Figur hinzugefügt: Ida Lenze, Hilfsschwester an der Charité und Tochter eines Arztes. Lenze (Alicia von Rittberg) lässt sich von den großen Namen der Forscher nicht abschrecken. Sie sucht das Gespräch, hockt sich in ihre Vorlesungen, versucht ihnen bei Operationen zu assistieren. Sie fühlt sich gegängelt und kleingehalten. "Die Oberschwester behandelt uns wie unmündige Kinder", klagt sie.

Als sie ihren Kolleginnen zuruft, sie wolle selbst Ärztin werden!, lachen die sie aus. Welch absurde Idee! Ida Lenze ist eine einsame Kämpferin auf dem Klinikgelände, eine frei erfundene zwar, aber die Verkrustung des wilhelminischen Zeitalters, das Patriarchat, das Frauen in allen Bereichen gesellschaftliche Teilhabe verweigert, entspringt nicht der Fantasie der Drehbuchschreiberinnen. Das ist deutsche Geschichte.

Erst 1908, als eines der letzten Länder in Europa, lässt das Kaiserreich Frauen zum Medizinstudium zu.