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"Dallas" auf RTL: Öko-Zwerge im Schatten des fiesen Riesen

Die Neuauflage von "Dallas" transportiert die 80er-Jahre-Serie in die Ära von Ökobewusstsein und sauberer Energie. Doch neben Giganten wie J.R. und Bobby schrumpfen ihre Söhne zu Zwergen.

Von Carsten Heidböhmer

Der größte Fiesling der Fernsehgeschichte ist zurück - und befindet sich in denkbar schlechter Verfassung. J.R. (Larry Hagman) ist in eine tiefe Depression versunken. Reglos hockt er auf seinem Sessel und starrt ins Nichts. Wie er so dasitzt, wirkt er fast wie die mumifizierte Mutter von Norman Bates aus "Psycho". Auch die gut gemeinten Besuche seines Bruders Bobby (Patrick Duffy) können ihn nicht aus der Agonie befreien.

Dann erwacht er doch noch zum Leben. Wie es sich für einen Erzbösewicht gehört, ist es negative Energie, die ihn zurückholt: Sein Sohn John Ross hat auf der Southfork-Ranch nach Öl gebort - und ist fündig geworden. Doch Bobby, so berichtet der Sohn dem reglosen Vater, will ihm die Förderung verbieten. Dabei schlummern unter dem Boden Millionen Dollar. Das ist eine Sprache, die J.R. versteht - der Intrigant wird plötzlich hellwach und ist sogleich in seinem Element. Er schmidet Pläne, wie er Bobby die Ranch abluchst und so an das Öl kommt.

Willkommen im Intrigantenstadl von "Dallas". RTL sendet die Neuauflage des TV-Klassikers ab diesem Dienstag (22.15 Uhr). Es gibt ein Wiedersehen mit den alten Recken von damals: J.R., Bobby, Sue Ellen, Cliff Barnes sowie ihren Sprösslingen. In den 80er Jahren war die Reihe ein Straßenfeger, dies- wie jenseits des Atlantiks. Doch lässt sich der Erfolg von einst wiederholen - und wie bekommt der Serie der Sprung in die Gegenwart?

Da gibt es zwei Probleme. Zunächst inhaltlich: Wie erzählt man eine Geschichte aus dem Ölbusiness in Zeiten von Klimawandel, Ökobewusstsein und sauberen Energien? Formal stellt sich die Frage, ob sich die auf einer schematischen Gut-Böse-Konstellation beruhende Story überhaupt mit den Mitteln des modernen Fernsehens erzählen lässt - oder ob dadurch der Stoff als hoffnungslos veraltet enttarnt wird.

Die Serie als Roman der Gegenwart

Das serielle Erzählen hat sich um die Jahrtausendwende stark weiterentwickelt. Seit Ende der 90er Jahre ist die Fernsehserie das Leitmedium für Gegenwartserklärung geworden. "The Wire", "Homeland" oder "Mad Men" ermöglichen es, Geschichten langfristig anzulegen, in weit ausholenden Bögen zu erzählen. Dadurch können sie vielschichtige Charaktere anlegen, die der Komplexität der Gegenwart weit mehr entspricht als die alten Serien, die in 45 Minuten eine abgeschlossene Geschichte erzählen mussten. Nicht ohne Grund formulierte der Literaturkritiker Richard Kämmerlings vor ein paar Jahren in der "FAZ" unter der Überschrift "Ein Balzac für unsere Zeit": "Der Roman der Gegenwart ist eine DVD-Box."

Bei der Neuauflage von "Dallas" macht der Zuschauer nun eine interessante Erfahrung: Optisch befindet sich die Serie ganz auf der Höhe der Zeit. Die Bilder bedienen eine cleane Hochglanz-Ästhetik, die viele aktuelle Produktionen aufweisen, die Schauspieler entsprechen mit ihrem Aussehen - hübsch, aber langweilig - ganz dem zeitgenössischen Hollywood-Aufgebot. Gleichzeitig sind die Figuren aber eindimensional angelegt, ganz ohne Charakterentwicklung, wie das eben in vielen 80er-Jahre-Serien noch üblich war. Hier sind die Bösen noch böse, die Guten ausschließlich gut.

Das mag man als Zuschauer noch akzeptieren, wenn es um die alten Figuren J.R. und Bobby geht. Doch die Serie vertritt hier ein primitives Menschenbild, demzufolge Bobbys Adoptivsohn für das Gute - also die Öko-Sache - kämpft, J.R.s Sohn John Ross hingegen ausschließlich an Geld interessiert ist. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Die Wiederkehr des Altbekannten

So geht es hier vornehmlich darum, dass die alten Kämpfe in einer neuen Generation noch einmal nachgespielt werden. Die Wiederkehr des Altbekannten. Nur mit neuen Gesichtern. Hier offenbart sich aber die größte Schwäche der Neuauflage: Schauspieler wie Larry Hagman sind Charismatiker, weil sie etwas Eigenes haben, echte Typen sind. Die Schauspielerinnen und Schauspieler der neuen Generation wirken dagegen glatt und austauschbar. Der Glanz der alten Geschichten um Bobby, J.R., Sue Ellen und Co. strahlt so hell, dass in der Serie ständig auf die Vergangenheit verwiesen wird. Fast jeder Konflikt hat seinen Ursprung in irgendeiner Begebenheit aus den alten Folgen.

Noch schlimmer ist, wie plump der ökologisch-korrekte Zeitgeist Einzug gehalten hat. Aus den einstigen Ölbaronen sind lauter grüne Engel geworden: Bobby möchte seine Ranch an eine Naturschutzorganisation verkaufen. Christopher erforscht "saubere" Energien. Und als John Ross auf der Southfork-Ranch nach Öl bohrt, gilt er als Schwarzes Schaf und bekommt einen Vortrag über die Gefahren des Frackings verpasst. Wohlgemerkt: Er ist ein Ewing, Spross der Familie, die im Ölgeschäft ein sagenhaftes Vermögen verdient hat.

Diese Serie ist in jeder Hinsicht traurig. "Dallas" hat seine guten Zeiten gehabt, man hätte sie nicht exhumieren, sondern das Andenken in Ehren halten sollen. Es gibt einen einzigen Grund, dennoch einzuschalten: um Larry Hagman das letzte Mal in der Rolle seines Lebens zu sehen.