VG-Wort Pixel

ZDF-Dreiteiler Rückkehr der verlorenen Tochter: Was Marlene Dietrich mit "Ku'damm 63" zu tun hat

Links: Marlene Dietrich während einer Pressekonferenz im Mai 1960 in Berlin. Rechts: Helen Schneider als emigrierte Sängerin Hannelore Lay.
Links: Marlene Dietrich während einer Pressekonferenz im Mai 1960 in Berlin. Rechts: Helen Schneider als emigrierte Sängerin Hannelore Lay.
© picture-alliance, akg-images / Boris Laewen, ZDF
"Ku'damm 63" erzählt auch die Geschichte von Marlene Dietrich, die bei ihrer Rückkehr nach Deutschland von vielen als "Vaterlandsverräterin" gebrandmarkt - und noch nach ihrem Tod angefeindet wurde.

Kennedy-Besuch und Grand Prix Eurovision de la Chanson - auch "Ku'damm 63" arbeitet wieder allerhand reale Ereignisse in die fiktive Geschichte der Familie Schöllack ein, die in Berlin eine Tanzschule betreibt. Ein Handlungsstrang dreht sich um Tochter Monika (Sonja Gerhardt), die für die aus den USA zurückgekehrte Sängerin Hannelore Lay (Helen Schneider) einen Song schreiben soll, mit dem diese beim deutschen Vorentscheid für den Grand Prix antreten will.

In der zweiten Folge des Dreiteilers kommt es dann zum Aufeinandertreffen der in den 30er Jahren emigrierten Künstlerin mit Mutter Schöllack (Claudia Michelsen). Die biestige Tanzschulbesitzerin lädt die bekannte Sängerin zum Essen ein. Nicht ohne Hintergedanken: Sie plant, mit der Sängerin abzurechnen, die auf der Flucht vor den Nazis nach Los Angeles ausgewandert ist. "Die kalifornische Sonne. Das verstehe ich: Dem deutschen Winter entfliehen" - mit dieser Stichelei bringt sie das Gespräch auf Lays Rolle während der dunklen Jahre. Immer wieder unterbrochen durch die Frage, wer zum Dessert Pfirsich Melba mit Schlagsahne haben möchte, entspinnt sich der folgende Dialog:

Lay: "Ich bin nicht wegen des Wetters aus Deutschland weggegangen."
Schöllack: "Sehr viele sind ja damals gegangen."
Lay: "Oder sie wurden verschleppt."
Schöllack: "Verschleppt wurden Sie ja gottseidank nicht. Das war sicher auch ein Karrieresprung. Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten."
Lay: "Ich wollte nicht für Goebbels singen."
Schöllack: "Nein. Sie haben lieber für die Alliierten gesungen."
Lay: "Wer Anstand hatte, konnte nicht in Deutschland bleiben."
Schöllack: "Das sagt sich so leicht und lustig dahin, ohne Verantwortung, ohne Kinder.  Einfach gehen, wohin der Wind einen weht. Und dann mit gutem Gewissen in der Sonne braten."
Lay: "In der Sonne liegen nennen Sie das, wenn man seine Heimat verlassen muss?"
Schöllack: "Ich kann Ihnen versichern, dass die Heimat damals sehr ungemütlich war."
Lay: "Manchmal muss man die Suppe auch auslöffeln, die man sich eingebrockt hat."
Schöllack: "Ich habe diese Suppe nicht gekocht. Wissen Sie wie es damals in Berlin aussah? Sie waren hier - ich erinnere mich: Sie sind in einem offenen, amerikanischen Jeep durch Berlin kutschiert, während wir die Trümmer beiseite geschafft haben. Und jetzt kommen Sie hierher und erwarten, dass das Land Ihnen zujubelt."

"Ku'damm 63"
Szene aus "Ku'damm 63": Die berühmte Sängerin Hannelore Lay (Helen Schneider) ist zu Gast bei den Schöllacks.
© ZDF/Boris Laewen

Ein brillanter Dialog, der das undistanzierte Verhältnis gut auf den Punkt bringt, das zu der Zeit viele Deutsche gegenüber der NS-Zeit an den Tag gelegt haben - und das sich vielfach in Form von Anfeindungen gegen Emigranten manifestierte. Das wohl berühmteste Beispiel hat für den obigen Dialog Pate gestanden: Die Reaktionen, die Marlene Dietrich 1960 bei ihrer Rückkehr nach Berlin erleben musste.

Marlene Dietrich lehnte ein Angebot von Goebbels ab

Die gebürtige Berlinerin war bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die USA übergesiedelt, wo sie Filme drehte. 1936 schlug sie ein Angebot von Propagandaminister Joseph Goebbels aus, wieder in ihrer Heimat zu arbeiten. Stattdessen nahm sie 1939 die US-Staatsbürgerschaft an.

Im Zweiten Weltkrieg unterstützte die Dietrich die amerikanischen Truppen in Afrika und Europa. 1948 wirkte sie in Billy Wilders "Eine auswärtige Affäre" mit, der zwischen Trümmern im zerstörten Berlin spielt - worauf Schöllacks Vorwurf an Lay anspielt, sie sei "im amerikanischen Jeep durch Berlin kutschiert".

Als Marlene Dietrich 1960 erstmals nach Kriegsende wieder in Deutschland auftrat, wurde sie in Berlin mit "Marlene go Home"-Rufen empfangen. Heute unvorstellbar, galt sie damals vielen als "Vaterlandsverräterin", weil sie die Amerikaner unterstützt hatte.

Marlene Dietrich sang Bob Dylan

Die Tiraden von Caterina Schöllack enthalten viel von den damaligen Vorwürfen gegen die berühmte Filmdiva: Zudem weisen zahlreiche Anspielungen auf die Dietrich hin. Neben der direkten Goebbels-Erwähnung ist es auch Schöllacks Aussage "einfach gehen, wohin der Wind einen weht". Marlene Dietrich nahm 1963 eine deutschsprachige Version von Bob Dylans "Blowin' in the Wind" auf - "Die Antwort weiß ganz allein der Wind."

Bei "Ku'damm 63" verzichtet die Sängerin Hannelore Lay dankend auf den Pfirsich Melba und verlässt die Tafel noch vor der Nachspeise. "Ich habe gehofft, die Deutschen hätten sich geändert. Aber das ist nicht so."

Tanzschulleiterin Ruby Doo zeigt einem Teilnehmer die Schritte für ihren erfundenen Tanz, den "Lindy Reep".

Eine so deprimierende wie - für das Jahr 1963 wohl realistische Einschätzung. Auch Marlene Dietrich sollte sich bis zu ihrem Tod nicht mehr mit ihrer Heimat versöhnen. Sie starb 1992 in Paris, doch noch zu ihrer Beisetzung in Berlin durfte die Sängerin Evelyn Künneke in der "B.Z." pesten, sie möge es nicht, wenn jemand sein Vaterland verleumde.

Erst 2001 - anlässlich ihres 100. Geburtstag - entschuldigte sich die Stadt Berlin bei ihrer berühmten Tochter. Ein Vertreter des Senats legte einen Kranz an Dietrichs Grab nieder und bekundete, sie habe den steinigen Weg der Emigration gewählt. "Das wahre Deutschland hat sie nicht verraten." Da war der Zweite Weltkrieg seit 56 Jahren vorbei.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker