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"Ku'damm 63" Vier Frauen tanzen aus der Reihe

"Ku'damm 63"
Die Schöllacks bitten zum Tanz: Mutter Caterina (Claudia Michelsen, l.) und ihre Töchter Helga (Maria Ehrich), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle)
© Michael Schreitel / ZDF
Mit "Ku'damm 63" geht die erfolgreiche ZDF-Serie in die dritte Runde. Eine Musical-Version kommt im Herbst in Berlin auf die Bühne.

Der Bechdel-Test ist mittlerweile vielen ein Begriff. Er ist ein Mittel, um den Stereotypisierungsgrad von Frauen in Filmen zu messen und orientiert sich an drei einfachen Fragen: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen mit Namen? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?

Es ist erschreckend, wie selten alle drei Fragen mit Ja beantwortet werden können. Weniger als die Hälfte aller Filme, die den Oscar als bester Film gewonnen haben, würde diesen Test bestehen. Bei Fernsehproduktionen sieht es insgesamt auch nicht viel besser aus. Allein deshalb schon sticht die "Ku'damm"-Reihe vom ZDF aus der Masse an Event-Verfilmungen deutscher Geschichte hervor.

Mit der Familie Schöllack stehen hier gleich vier Frauen im Fokus, dank Mutter Caterina (Claudia Michelsen) sogar eine Frau über 50. Das ist eine Seltenheit, das muss so klar benannt werden. Weibliche Hauptfiguren sind im deutschen TV und Film stark unterrepräsentiert, auf eine Frau kommen in der Regel zwei Männer. Dass es auch anders geht, beweist die " Ku'damm"-Serie: Bis zu sechs Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer schalteten 2016 ein, als die Schöllacks im ersten Dreiteiler "Ku'damm 56" mit den gesellschaftlichen Zwängen der Nachkriegszeit in Berlin kämpften. Es folgte eine Grimmepreis-Nominierung, der Deutsche Fernsehpreis für Monika-Darstellerin Sonja Gerhardt, und jetzt wird das Ganze sogar zum Musical.

"Ku'damm"-Autorin Annette Hess hat gemeinsam mit den Songschreibern Peter Plate und Ulf Leo Sommer die Bühnenversion verfasst, die am 28. November ihre Weltpremiere in Berlin erleben soll. Vorher erscheint aber die dritte Staffel, die Schöllacks und ihre Tanzschule "Galant" sind darin im Jahr 1963 angekommen. Mittlerweile umschließt eine Mauer West-Berlin, der Besuch von John F. Kennedy steht an, und alle drei Schöllack-Töchter sind verheiratet. Glücklich ist jedoch keine von ihnen.

Gute und relevante Unterhaltung

Die Professorengattin Eva (Emilia Schüle) hat es bis zur eigenen Kunstgalerie geschafft, wirft sich mit blondiertem Sixties-Haarschnitt in die moderne Szene. Dass sie dafür ihren Ehemann (Heino Ferch) erpresst, der sie ins Koma prügelte, ahnt niemand. Es ist ein Konstrukt, das gut für sie funktioniert – bis ihr mal wieder die gestrenge Mutter dazwischenkommt, deren scheinheilige Moralvorstellungen nicht mit den Hochzeiten der Töchter endeten. "Kleiner Streit? Kann ich vielleicht vermitteln?", so ist sie immer dann zur Stelle, wenn Einmischung am wenigsten angebracht ist.

Caterina Schöllack hat Sorge, denn selbst die sonst so getreu ihrer Mutter nacheifernde Helga (Maria Ehrich) begehrt auf und stellt heimlich einen argentinischen Lehrer für lateinamerikanische Tänze ein. "Ihr macht aus Galant eine Bummsbude!", empört sich Mama. Natürlich ist es schon zu spät, und Helga stürzt sich in eine Affäre, um die unglückliche Ehe mit dem homosexuellen Staatsanwalt Wolfgang (August Wittgenstein) zu vergessen. Ihre Schwester Monika muss unterdessen gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Joachim Franck (Sabin Tambrea) eine Fehlgeburt verarbeiten. Sie lenkt sich durch das Komponieren eines Songs für den Grand Prix Eurovision de la Chanson ab, will als Liedermacherin erfolgreich werden. Und fühlt sich immer noch zu ihrem jüdischen Kumpel Freddy (Trystan Pütter) hingezogen, dem Vater ihrer unehelichen Tochter. Der hat mittlerweile eine eigene Bar eröffnet, und hier wirft manchmal das Musical seine Schatten voraus: "Grease" lässt grüßen, wenn er und Monika beim Abwasch Schlager anstimmen.

Das Schöne an "Ku'damm 63" sind erneut die Alltagsdetails, die die urdeutsche Spießigkeit und Beklemmung der damaligen Zeit einfangen. "Weihnachten ist erst, wenn das Glöckchen klingelt", zischt Helga kurz vorm Nervenzusammenbruch an Heiligabend, das Gläschen Frauengold immer in Reichweite. Monikas Blues-Song für Peter Alexander wird mit Unverständnis abgewiesen: "So etwas will in Deutschland keiner hören!“, zu Hause hinter verschlossenen Türen rollen die Pillendöschen regelmäßig von der Couch.

Über alldem steht wie in den Staffeln zuvor das große Thema Selbstbestimmung. Den drei Frauen dabei zuzusehen, wie sie sich mühsam Stück für Stück weiter vorankratzen, jede auf ihre Weise, vorbei an Moralvorstellungen und Abhängigkeiten, ist gute – und relevante – Unterhaltung. Denn es ist eben nicht nur für die 60er Jahre bemerkenswert, dass die drei Schöllack-Schwestern einen Namen haben, einem Beruf nachgehen und miteinander über ihre Ziele und Sorgen sprechen, sondern auch für Fernsehfilme im Jahr 2021.

Tanzschulleiterin Ruby Doo zeigt einem Teilnehmer die Schritte für ihren erfundenen Tanz, den "Lindy Reep".

Und wie würde ein "Ku'damm 2021" aussehen? Eva hätte vielleicht mit einem #MeToo-Fall in der Kunstszene zu kämpfen, Monika würde sich mit Gegnern der Frauenquote anlegen. Und Helga? Die stünde wahrscheinlich als Corona-Mutter zwischen Homeschooling und Videocall immer noch kurz vorm Nervenzusammenbruch. Das alles aber ohne Frauengold und Pillendöschen.

"Ku’damm 63", ab 20. März in der ZDF-Mediathek, die einzelnen Folgen werden am 21., 22., und 24. März jeweils um 20.15 Uhr im ZDF gezeigt.


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