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"Markus Lanz" Sind wir im "Endspiel der Pandemie" angelangt? "Werden nicht die Intensivstationen voll haben"

Markus Lanz (l.) mit seinen Gästen Marco Buschmann, Kristina Dunz, Zarifa Ghafari und Alexander Kekulé
Markus Lanz (l.) mit seinen Gästen Marco Buschmann, Kristina Dunz, Zarifa Ghafari und Alexander Kekulé
© Screenshot ZDF
Die "Akte Afghanistan" lässt sich nicht so einfach schließen. Kekulé sagt, Geimpfte sind nicht unverwundbar und die Herdenimmunität falsch – von Anfang an. Und die FDP will nach den Wahlen mitregieren mit Lindner als Finanzminister.
Sylvie-Sophie Schindler

Tränen über Tränen liefen über ihr zartes Gesicht, während sie erzählte: Zarifa Ghafari gehört zu denen, die der Terror-Hölle Afghanistans entkommen konnten. Unter Lebensgefahr gelang es ihr, in Kabul in ein Flugzeug zu steigen; sie kam in der vergangenen Woche in Nordrhein-Westfalen an. Ohne Heimat zu sein, so plötzlich, was bedeutet das?

"Nicht mal Tiere möchten noch dort bleiben"

"Als ich mein Land verlassen habe, da hat sich das angefühlt, als hätte ich mich selbst dort zurückgelassen und nur meinen Körper mitgenommen", schilderte die 29-Jährige am Donnerstagabend bei "Markus Lanz". Es sei so, als würde man seine kranke Mutter zurücklassen. "Der Schmerz ist zu groß, er ist größer als alle Worte." Sie stehe mit nichts weiter da als "mit ein bisschen Sand in der Hand". Die jüngste afghanische Bürgermeisterin und Frauenrechtlerin will sich aber von ihrem Schmerz nicht begraben lassen. "Wir sind stärker als dieser Krieg, ich bin stärker, denn ich lebe noch."

Die Talkgäste in alphabetischer Reihenfolge:

  • Marco Buschmann, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion
  • Kristina Dunz, Journalistin
  • Zarifa Ghafari, Frauenrechtlerin
  • Alexander Kekulé, Epidemiologe

Der bewegende Auftritt einer starken Frau. Die zwanzig Minuten, in denen Ghafari über ihr Schicksal sprach und damit über das Schicksal von Millionen Menschen in Afghanistan, sind solche, die man nicht so schnell vergessen wird. Durch die Begegnung, durch das Erzählte wird der sonst so abstrakte "Afghanistan-Einsatz" und "Afghanistan-Abzug" greifbar – und begreifbarer in seiner ganzen Grausamkeit. Denn: haben wir wirklich eine Ahnung? Ghafari hat Recht, indem sie sagt: "Die westlichen Länder wissen nicht, wie die Realität in Afghanistan aussieht." Wie viele Menschen hat auch sie in den vergangenen 20 Jahren zig Freunde und Familienmitglieder verloren – ihr Vater wurde ermordet, um sie einzuschüchtern, auch auf sie selbst wurde drei Mal ein Mordanschlag verübt.

"Das war die Zerstörung eines Landes, die Zerstörung von Träumen, nicht mal Tiere oder Vögel möchten noch dort bleiben", schilderte sie mit bebender Stimme. "Wir sind zurückgefallen, wir sind nun in 1997." Ihre Generation habe nie etwas mit diesem Krieg zu tun gehabt, aber müsse nun den Preis zahlen. "Wir wollten ein friedliches Leben, es ist nicht unsere Schuld." Sie sei hierhergekommen, um weiterzukämpfen. Sie habe sich immer engagiert als "Stimme für 50 Prozent der Bevölkerung, die sich nicht offen äußern konnten". Und das wolle sie weiterhin tun. "Ich will für meine Generation sprechen." US-Präsident Joe Biden erklärte am späten Dienstagabend in einer Fernsehansprache: "Meine lieben Landsleute, der Krieg in Afghanistan ist nun vorbei." Eine Beruhigungsmaßnahme für das eigene Volk. Allein: Man muss nur Ghafari zuhören, um zu verstehen, die "Akte Afghanistan" lässt sich nicht so einfach schließen.

Geimpfte halten sich für unverwundbar – das ist gefährlich

Eine andere Akte, die sich nicht so schnell schließen lässt, ist die "Akte Corona". Und sie wirft immer mehr Fragen auf. Alexander Kekulé sprach von einer "unsichtbaren Welle der Geimpften." Denn viele Geimpfte wähnten sich in einer falschen Sicherheit, verhielten sich dadurch riskanter, ließen sich nicht mehr testen, obwohl sie ebenso Virusüberträger sein können: "Der Schutz vor Infektiosität liegt bei Geimpften zwischen 50 bis 70 Prozent, das heißt 3 bis 5 von zehn können das Virus weitergeben." Daher warne er auch vor der 2G-Regelung, wo Menschen bedenkenlos in 2G-Discos abfeiern

Dass das Verwaltungsgericht Berlin entschieden habe, dass das "Verbot von Tanzlustbarkeiten" für Geimpfte und Genesene nicht mehr aufrechtzuerhalten sei, basiere auf einer Aussage auf der Webseite des RKI. Dort sei zu lesen, dass Geimpfte und Genese keinen wesentlichen Beitrag zur Epidemie mehr leisten würden. "Das ist eine komplette Falschaussage", stellte Kekulé klar. Er frage sich, warum steht so was im Internet, obwohl jeder Fachmann die Studien kenne – und man fragt sich das mit ihm. Es sei, so Kekulé weiter, "wohl so eine kleine Motivation, sich impfen zu lassen."

Sind wir im Endspiel der Pandemie angekommen?

Für zahlreiche Bundesbürger dürfte auch eine Motivation gewesen sein, durch die Impfung zur Herdenimmunität beizutragen. Allerdings wird inzwischen kaum mehr davon gesprochen, und auch der Epidemiologe wischte die Theorie flugs vom Tisch. Dass man mit Impfung eine Herdenimmunität erreichen könne, sei "von Anfang an eine Falschaussage gewesen".

Große Sorgen habe er hingegen an anderer Stelle: "Es gibt eine stille Durchseuchung der Kinder und keiner redet darüber." Alleine in Nordrhein-Westfalen seien 30.000 Kinder in Quarantäne. "Das ist doch das Bundesland, aus dem einer der Kanzlerkandidaten kommt", stichelte Kekulé. Unter 18-Jährige würden zwar selten schwer krank – die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf sei 1 zu 100.000 – trotzdem stünden die Jungen "im Sturm": "Die kriegen die sekundären Kollateralschäden ab." Über Long Covid wisse man nicht mal, ob es existiere. Die Symptome, die die Kinder zeigten, könnten auch auf die Coronamaßnahmen zurückzuführen sein. Schulschließungen dürfe es auf gar keinen Fall mehr geben.

FDP will mitregieren – und Lindner soll Finanzminister werden

Zur Innenpolitik. Und zu Marco Buschmann. Der schon zu wissen scheint, wie die Bundestagswahl am 26. September ausgehen wird. Er ist sich nämlich sicher: Die FDP wird mitregieren. Denn: "Man wird auf uns zukommen müssen, wenn man keine Radikalen in der Regierung haben möchte wie die AfD und die Linkspartei." Und wer mit den Liberalen koalieren wolle, müsse dann auch ein konkretes Angebot machen: "Wir wollen den Finanzminister stellen." In Persona: Christian Lindner.

"Die Leute können sich ja überlegen, ob sie Habeck oder Lindner als Finanzminister wollen." Habeck tingele schließlich derzeit durch die Banken und Versicherungen der Republik: "Das macht der nicht, um Klimaschutzminister zu werden." Buschmann machte zudem deutlich: "Mit der FDP wird es keine Steuererhöhungen geben." Man dürfe den Menschen nicht noch mehr Last aufbürden. Er sprach sich auch gegen die Wiedereinführung der Vermögenssteuer und gegen eine höhere Erbschaftssteuer aus.

Christian Lindner im ntv-Frühstart

Auch in Sachen Klima sieht sich die FDP wesentlich besser aufgestellt als die Grünen. Maßgeblich sei, einen "harten CO2-Deckel" festzusetzen. Damit soll erreicht werden, dass Unternehmen bei der Produktion jedes Jahr weniger CO2 freisetzen. Die im RTL-Kanzlerkandidaten-Triell genannten Maßnahmen wie ein Verbot des Verbrennungsmotors und eine Solardachpflicht seien "Symbolthemen". "So kriegen wir keine Energiewende hin", kritisierte Buschmann.

cl

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