HOME

"Menschen bei Maischberger": Epidemie statt Aufklärung

Wenn der Blacky mit dem Moik: Zwei Alt-Promis reden bei Sandra Maischberger über ihre Volkskrankheiten, zwei Talkshow-Professoren geben schlaue Ratschläge dazu und eine Betroffene liefert Anrührendes und Würde - nur das Wichtigste fehlte.

Von Jan Zier

Ein bisschen reißerisch musste es schon sein. Ein wenig Panikmache. Sie wissen schon, der Quote wegen. Und damit es nicht zu sehr nach inhaltsschwerer Aufklärung aussieht. "Volkskrankheiten" alleine hatte Sandra Maischberger also als Schlagwort nicht genügt, nein, es musste ihr "Triumph" sein, den es per Talkshow in der ARD zu beklagen gilt. Und dann noch mit einer steilen These: "Sind wir selbst schuld?" Also an allem, irgendwie.

Zum Beispiel: Thomas, der Sohn von Alt-Schauspieler Blacky Fuchsberger, der 30 Jahre Diabetiker war, mit 53 an den Folgen von Diabetes starb. Obwohl er "nicht mehr teilgenommen hat am Selbstmord mit Messer und Gabel", wie Vater Joachim, 84, es formuliert. Jeden Tag auf der Waage stand, ein Buch und ein halbes über den Zucker schrieb. Schauspieler gehen immer in Talkshows. Die können zu fast allem was sagen. Und charmanter, eindringlicher von Krankheiten reden.

Panik vor der "Volkskrankheit"

"Es kann jeden treffen", sagt Karl Lauterbach dann über die Diabetes. Da, ist sie wieder, die latente Panik. Der Mann mit der Fliege hat den Vorteil, dass er dank Harvardstudium und Professorentitel als seriös gilt - obwohl er seit Langem SPD-Politiker ist. Deswegen wird er ungefähr ebenso oft in Talkshows eingeladen wie Dietrich Grönemeyer der Professor neben ihm, dem Diabetes als "Epidemie des 21. Jahrhundert" gilt: Sieben Millionen Deutsche, 130 Millionen Asiaten. Immer wieder fliegen die Zahlen hin und her. 20 Millionen, die Bluthochdruck haben. Vier Millionen, die depressiv sind. Und so weiter.

Nur Krebs ist heute ausnahmsweise kein Thema. Dafür Alzheimer: Ein Ehepaar, er früher Lehrer, sie Erzieherin, beide seit über 30 Jahren verheiratet, berichten anrührend davon, wie es ist, damit zu leben. Sie hat ihren dementen Mann mitgebracht, aufs TV-Sofa, die Familie ist anderenorts in der ARD auch in einer eigenen Doku zu sehen. Immerhin gelingt ihr der Spagat, den Kranken vorzuführen und doch überzeugend von "Würde" zu sprechen. Das ist gut. Nur mit Maischbergers Frage nach der Schuld hat das wenig zu tun.

"Volkskrankheit" – da schwingt doch immer so ein Hauch von Epidemie mit, um nicht zu sagen: von Seuche. Auf jeden Fall etwas unkontrolliert sich – womöglich gar im "Volkskörper" - vermehrendes, wucherndes. Angeblich wurde der Begriff im Jahre 1832 von dem Medizinhistoriker Justus Friedrich Karl Hecker eingeführt, zumindest hat der seinerzeit ein Buch verfasst: "Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit im Mittelalter". Auch der Kinderkreuzzug soll ihm als eine solche gegolten haben. Aber um Politik geht es hier nicht.

Zwei Talkshow-Professoren und ihre Mission

Statt dessen werden Krankheitsgeschichten ausgebreitet. Also darf Karl Moik – ja, das war der vom "Musikantenstadl" - erzählen, wie das war, damals mit seinem Herzinfarkt, nach dem Kölner Karneval, dass er seine Diabetes vorher "überhaupt nicht ernst genommen", dass er "Angst vorm Doktor" hat. Selbst schuld? Manchmal kann die Antwort doch einfach sein. Aber er sieht das anders. "Kein Arzt habe ihm gesagt, wie gefährlich dass alles sei." Na dann.

Zwei Ärzte, zwei Meinungen? Hier nicht. Dafür kennen sich Gesundheitsökonom Lauterbach und Radiologe Grönemeyer viel zu gut. Sie haben eine Mission, spielen sich gegenseitig die Bälle zu, sind viel gefragt. Sie kennen ihre Statistiken, sagen Sätze wie "Der Arzt ist wichtig", runzeln wichtig die Stirn, heben dazu bedeutungsvoll den Zeigefinger. Und empfehlen am Ende, was wäre man nur ohne sie: Bewegung! Gesunde Ernährung! Lebensfreude! Damit, sagen die Herren Professoren, wären 60 Prozent der Demenzkrankheiten vermeidbar. Bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollen es übrigens sogar 90 Prozent sein, sagt der Lauterbach. Von Krankheitsrisiko Armut sagen sie dabei nichts, die beiden Herren.

Es ist nicht gar nicht so lange her, da gab es in der ARD eine immerhin vierteilige Reihe "Die großen Volkskrankheiten". Die FAZ pries sie mit den Worten: "Das ist wirklich Aufklärung". Das zeigt immerhin, dass sie es doch können, bei der ARD.