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"Promi Big Brother": Jenny Elvers - Siegerin der Schmerzen

Selten tut Fernsehen so weh: Jenny Elvers gewinnt "Promi Big Brother", bezahlt dafür aber einen hohen Preis. Marijke Amado versagt der Kreislauf. Den überforderten Moderatoren versagt noch viel mehr.

Von Simone Deckner

Es ist geschafft, endlich. Zwei Wochen versendete Sat.1 Langeweile, Belanglosigkeiten und Beleidigungen unter dem Etikett "Promi Big Brother". Eine Mogelpackung. Die wahren Promis verdünnisierten sich schnell (David Hasselhoff) oder ließen sich ihren Aufenthalt im TV-Knast mit reichlich Schmerzensgeld entlohnen (Pamela Anderson), Sonderkonditionen inklusive. Die C-Promis und die völlig Unbekannten taten das, was man von ihnen erwartete: Sie beschimpften sich, streckten ihre Tattoos und plastisch verstärkten Körperteile in die Kameras und zeigten große Emotionen. Oder was sie dafür hielten. Wir haben die schmerzlichen Höhepunkte der Finalshow zusammengefasst.

War wenigstens das Finale spannend?

Ja gut, äh ... Ungefähr genau so spannend wie die "intimen Details" aus dem Leben von Boris Becker, mit denen er seit Tagen die Umwelt verpestet. Wo es bei Bum-Bum-Boris sinngemäß heißt: Alle doof außer ich, heißt es bei "Promi Big Brother": Alle doof. Irgendein Senderverantwortlicher hatte aus unerklärlichen Gründen dann aber doch Erbarmen und setzte die Sendezeit auf "nur" drei Stunden an. Die fühlten sich allerdings an wie die längste "Schlag den Raab"-Sendung aller Zeiten nur ohne spannenden Spiele, fiese Neckereien und Spaß. Oder um es anders zu formulieren: Drei Stunden Lebenszeit, mal eben einfach weggespült.

Wer hat gewonnen?

Die Jenny. Mit 71,48 Prozent der Stimmen. Erdrutschsieg. Jetzt hat sie es also "allen bewiesen", wie sie beim Einzug zu Protokoll gab. Kurz vor Schluss sagt sie zur später Zweitplatzierten Natalia: "Und ich dachte, ich hätte schon alles mitgemacht." Es geht immer noch schlimmer.

Dass nur sie gewinnen konnte, war spätestens nach ihrer ausführlichen Alkoholbeichte im Container klar. Es befreit, sich seinem Schmerz zu stellen. Warum das jedoch ausgerechnet vor 70 Kameras und Leuten passieren muss, die alle geil auf eben den Medienhype sind, der einen selbst fast auffraß, verstehe wer will. Ja, Jenny war unter all den Bekloppten noch am sympathischten. Keiner nominierte sie je. Alle nahmen sie in Schutz.

Es darf trotzdem bezweifelt werden, dass sie sich künftig in Hotels stolz als Siegerin bei Promi-Big Brother anmeldet. Auch die hässliche Trophäe wird sie nicht im Koffer herumtragen. Sollte sie wider Erwarten doch irgendetwas Positives aus dieser gänzlich überflüssigen Veranstaltung ziehen: Gut für Jenny.

Wie waren die Moderatoren?

Wie an dieser Stelle bereits berichtet: mehr als enttäuschend. Cindy aus Marzahn und Olli Pocher, das passt so gut zusammen wie Horst Seehofer und Sahra Wagenknecht. Uninspiriert, schlecht vorbereitet und - die Todsünde für Menschen, die andere aus Berufsgründen unterhalten - schlichtweg langweilig. Zur Belohnung für ihre unterirdische Darbietung darf das Dreamteam aus der Hölle nun den Deutschen Fernsehpreis moderieren. Wie so was sein kann? Die Verleihung wird in diesem Jahr von Sat.1 ausgestrahlt.

Und der berühmte Pamela-Anderson-Effekt?

Nun ja. Die "Baywatch"-Sirene wurde von Sat.1 durchaus überraschend aus der Kiste gezaubert. Und sorgte tatsächlich für mehr Aufmerksamkeit, kurzzeitig. Am Tag ihres Einzugs bäumte sich die zuvor am Boden dümpelnde Einschaltquote noch mal auf und knackte die Zwei-Millionen-Grenze.

Die 46-Jährige selbst drapierte sich die meiste Zeit ihres ohnehin begrenzten Aufenthalts im Haus gekonnt verführerisch auf Sitzmöbeln oder fummelte sich erotisch in den Haaren herum. Die Übersetzungs- und Anbaggerversuche von Martin Semmelrogge ertrug sie mit stoischer Geduld. Für ein gemunkeltes Schmerzensgeld von 300.000 Euro kann man das aber auch mal machen.

Zum Finale hatte sich sexy Pam extra etwas Dünnes mit viel Ausschnitt angezogen. Pocher reagierte darauf wie ein 15-Jähriger beim Anblick eines Schmuddelheftes. Seine ohnehin fahrige Moderation wurde noch peinlicher. Mehrmals spielte er auf den von ihm freudig erwareten Nippelalarm an.

Schönster Martin-Semmelrogge-Moment

Nachdem er als "fünfter Sieger" das Haus frühzeitig verlass muss, setzt der Schauspieler zu einer seiner gefürchteten ellenlangen Monologe an. Er besinnt sich dann aber eines Besseren und ruft entzückt "Danke Deutschland, danke Mecklenburg-Vorpommern!"

Verlogenster Satz der nervtötenden Erzähler-Stimme

"Hier im Haus seid ihr eine Gemeinschaft auf Augenhöhe gewesen."

Wem hat die Teilnahme genützt, wem geschadet?

Wie gesagt: Pamela Anderson machte Kasse. Hasselhoff auch, wenn auch weniger. Es steht zu vermuten, dass die ehemals nur Hardcore-Trash-TV-Guckern bekannte Natalia Osada aus "Catch The Millionaire" uns nun häufiger begegnen wird . Ein Wiedersehen bei "Promi Shopping Queen", "Das perfekte Promi Dinner", "The Bachelorette" und als Nackerte im "Playboy" ist zu befürchten. Zu Jenny Elvers: siehe oben. Allen anderen hat es geschadet. Oder kann man Marijke Amado jetzt noch als die nette Tante aus der Mini-Playback-Show ansehen? Bei der Schwulst-Rede à la Fliege? "Ihr seid alle Kämpfer. Ich bin stolz, dass ich hier mitgemacht habe, blablabla."

Bei ihrer erste und einzigen Challenge auf dem Laufband kippte die Holländerin dann atemlos kurz aus den Latschen ("totaler Kreislaufkollaps!"), war aber binnen Sekunden wieder so penetrant gut gelaunt wie zuvor. Da musste selbst Obermacho Jan Leyk kapitulieren. Er streifte sich ein Oranje-Shirt über und entschuldigte sich für seine vorherigen Hasstiraden im Haus.

Brauchen wir eine weitere Staffel?

Das Schlimme ist: Man wird ja nicht gefragt. Glaubt man der Ankündigung der Moderatoren, steht die Fortsetzung 2014 bereits fest. Was ist da schief gelaufen? Sollte nach diesem Kessel Blasses wirklich noch irgendjemand im Besitz eines ordnungsgemäß funktionierenden Gehirns "Zugabe" gebrüllt haben? Gut, an Personal mangelt es nicht. Es läuft ja demnächst wieder eine neue Staffel "The Voice Of Germany" und "Das Supertalent" an. Sträflich vernachlässigt hat man bisher auch die "Stars" von "Schwiegertochter gesucht". Beate, bitte melden! Und was macht FR David eigentlich heut'? Ernsthaft: Noch eine weitere Staffel brauchen wir ungefähr so dringend wie Fußfesseln für Parksünder.

Wahrhaftigster Satz über die Show

Kommt von Oliver Kalkofe. Via Facebook verkündet der Satiriker seine finalen Worte zur "Hackfressen-Hütte". Und die sind wie gewohnt alles andere als zimperlich. Aber die Wahrheit tut nun mal oft weh: "Eine Sendung, die einem beim Schauen die Lebensfreude aus dem Körper zieht, quasi die gesendete Vorstufe vom Burnout."

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