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"Promi Big Brother": Wie Cindy aus Marzahn sich selbst zerstört

Mit der Moderation von "Promi Big Brother" tut sich Ilka Bessin als Kunstfigur "Cindy aus Marzahn" sichtlich keinen Gefallen. Der geplante Karrieregipfel entpuppt sich als Tiefpunkt.

Von Bernd Gäbler

Wer es in die "New York Times" geschafft hat, der schafft es überall. Oder doch nicht? Dem Berlinkorrespondenten des ehrwürdigen Blatts, Nicholas Kulish, war "Cindy aus Marzahn" im Dezember 2012 eine große Geschichte wert. Ob er sie heute noch einmal schreiben würde? Wohl kaum. Das Faszinosum ist abgestürzt. Was als Karierrehöhepunkt am Ende eines außergewöhnlichen Aufstiegs am Comedy-Himmel geplant war, die Moderation der Sat.1-Unterhaltungsshow "Promi Big Brother", entpuppt sich als Rohrkrepierer.

Schon aus marktwirtschaftlichen Gründen mutet die Idee des Senders Sat.1 eigenartig an, dem Marktführer zu Leibe rücken zu wollen, indem man ihn kopiert. Wenn die Kopie dann noch schlecht ist, kann der Plan nicht aufgehen. Die Unterschiede zwischen "Promi Big Brother" und "Dschungelcamp" sind manifest. Schon bei der Zusammensetzung der Belegschaft fehlt jede redaktionelle Idee. Es gelingt nicht interessante Geschichten zu erzählen. Und wie arm ist es, am Ende als Notnagel zur Quotenrettung ein ehemaliges "Busenwunder" (Pamela Anderson) halbtags zu implantieren? Die größte Enttäuschung aber ist das Moderatoren-Duo Oliver Pocher und "Cindy aus Marzahn". Statt sprachlich zu brillieren, bissig zu sein, die Insassen verbal zu piesaken oder sich ironisch von ihnen abzusetzen, haspeln sie geist- und beziehungslos ihre unambitionierten Texte herunter.

Das Problem: Bühnenfigur und echte Biografie

"Cindy aus Marzahn" füllt mit ihrem Bühnenprogramm große Hallen. Es gab eigene Shows auf RTL. Markus Lanz, der nach allem schielt, was irgendwie populär ist, machte "Cindy aus Marzahn" zu seiner "Wetten, dass ..?"-Assistentin. Immerhin war diese große ZDF-Samstagsshow bis vor Kurzem noch der Inbegriff des deutschen TV-Lagerfeuers. Das alles hat Ilka Bessin aufgegeben, um bei Sat.1 zu reüssieren. Sie hat sich verkalkuliert. Es scheint so, als habe sie ihre eigene Figur nicht richtig verstanden.

Warum konnte "Cindy aus Marzahn" einen solchen Aufstieg erleben? Armutskarikaturen im Trainingsanzug gab es schon früher. Viele haben das von Trash-Sendern geprägt Bild des Hartz-IV-Prekariats persifliert. Bereits 1995 spielte Gaby Köster als Blondine Nicole eine ähnliche Rolle. Sie wendete ihre Persiflage noch gegen linksintellektuelle Überheblichkeit ("Ihr wolltet doch immer die Herrschaft des Proletariats. Bitte schön, da sind wir!"), Bastian Pastewkas Figur Ottmar Zittlau kultivierte vor allem das Phlegma, während Atze Schröder einen wendig-gerissenen Ruhrgebiets-Macho zeigt, der sich stets zu helfen weiß.

Bei "Cindy aus Marzahn" ist der Trainingsanzug pink, im blonden Lockenhaar erinnert ein Diadem an vergangene Prinzessinnenträume. Sie bespielt ihre Leibesfülle durch permanentes Reden über sexuelle Attraktivität. Sie zeigt auf der großen Bühne etwas, was da eigentlich nicht hingehört: Klamotten aus dem 1-Euro-Shop und tollpatschige Hilflosigkeit. Man könnte Mitleid haben, aber genau das lässt sie nicht zu. "Cindy aus Marzahn" arrangiert sich mit ihrem unförmigen Körper und den widrigen sozialen Umständen: mal fatalistisch, mal trotzig. So ist diese Figur eine Manifestation der Selbstbehauptung geworden.

Eine Rolle kann auch ein enges Korsett sein

Angeblich begann alles so, dass Ilka Bessin beim "Quatsch Comedy Club" angerufen hat, um sich als Kellnerin zu bewerben, aber den für die Talentsuche Zuständigen erwischte. Egal, ob das stimmt oder nur gut erfunden ist, sicher ist, dass Ilka Bessin bis dahin in Großküchen, Diskotheken und auf einem Kreuzfahrtschiff geschuftet hatte, aber auch vier Jahre lang arbeitslos war. Das war das Faszinierende: Leben und Rolle verschränkten sich. Die Rolle der "Cindy aus Marzahn" wurde durch die reale soziale Erfahrung der Ilka Bessin beglaubigt. Man gönnte ihr die Comedy-Karriere als endlichen sozialen Aufstieg.

Auch wenn sie mittlerweile schon TV-Routine gewonnen und bereits mehrere Bühnen-Programme im Repertoire hatte, war das Erscheinen bei "Wetten, dass ..?" doch ein Höhepunkt. Hier nämlich kam sie als doppelte Karikatur zum Zug. Die Frau aus dem Hartz-IV-Milieu ersetzt zugleich persiflierend die bisherige Assistentin Michelle Hunziker. Dass sie auch Lanz gegenüber nicht anschmiegsam, sondern herrisch auftrat, erhöhte die Autorität.

Aber es ist die Autorität einer Figur. Das scheint Ilka Bessin entgangen zu sein. Es ist ungeheuer schwer, in Moderationen einer festgelegten Rolle gerecht zu werden. Die Rolle ist ein enges Korsett. Sie kann sich ja einmal bei Atze Schröder oder Kaja Yanar erkundigen. Es verwundert nicht, dass Hape Kerkeling zwar liebend gern in allerlei Rollen schlüpft, aber nie auf die Idee käme, etwa als "Horst Schlämmer" eine komplette Bambi-Verleihung zu moderieren. Es gibt aber gar keine öffentliche Ilka Bessin, immer nur Cindy.

Wie aber soll diese Cindy mit den realen Menschen, mit Martin Semmelrogge oder Jenny Elvers umgehen? Dazu ist Ilka Bessin nichts rollenadäquates eingefallen, außer dass sie sich immerzu freundlich mit ihnen solidarisiert. "Der Martin Semmelrogge hat das super gemacht" sagt sie, oder: "Der Simon rückt auf die Seite von Natalia, was ich ganz toll finde." Oder kürzer: "Toller Mann" (Hasselhoff, Fancy), "tolle Frau" (Jenny Elvers, Natalia Osada), "tolles Match", "toller Song" oder auch: "Es ist echt spannend im Haus". So lauten ihre monotonen Kommentare.

"Uns trifft keine Schuld" - Doch!

Nun könnte auch dieses wohlige Gesäusel sogar noch funktionieren, wenn es eine elanvolle "good cop - bad cop"-Dramaturgie geben würde und "Cindy" einem schneidig-mutigen Pocher in die Parade fahren würde. Aber auch der ist lahm. Auch "Cindy aus Marzahn" sitzt weitgehend lethargisch herum und klammert sich an ihren Karteikarten fest. Zwischen den beiden gibt es weder eine echte, noch eine raffiniert inszenierte Binnendynamik. Nur eins gibt es inzwischen häufiger: eine gemeinsame Distanzierung von der eigenen Sendung. "Ich hab' mir das nicht ausgedacht", sagt dann Pocher, "Wir können nichts dafür", ergänzt Cindy oder beide sind sich einig: "Uns trifft keine Schuld".

Doch! Uninspirierte Texte und mangelndes Teamwork sind einfach schlechtes Handwerk. Dies gilt auch für die Vertonung der Einspielfime. "Cindy" liest da stets wie ein Schulkind die ihr offenbar fremden Texte mit falscher Intonation vor.

Wenn die Sendung schon ein Desaster ist, darf es die Moderation nicht auch sein. Es wirkt aber so als habe sich vorab keiner Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet, dass da ein realer Oliver Pocher an der Seite einer populären Bühnenfigur durch "Promi-Big-Brother" führen soll. Ilka Bessin kann man nur zu einer Kehrtwende raten. Sie kann die "Cindy aus Marzahn" auf der Bühne noch eine Weile lang ausreizen, oder sie nutzt den "Promi-Big-Brother"-Flop für eine Pause, um die Öffentlichkeit danach mit Ilka Bessin vertraut zu machen, die sich inzwischen ein vielfältigeres Repertoire erarbeitet hat.

Jetzt droht auch noch der Fernsehpreis

Am 2. Oktober wird in Köln der Deutsche Fernsehpreis verliehen. Turnusmäßig ist wieder Sat.1 für die Veranstaltung zuständig. Die Ausstrahlung hat der Sender schon verschoben: auf den 4. Oktober und den relativ späten Termin um 22.15 Uhr. Die Feier soll glamourös und würdevoll werden, kündigt der Sender an und nimmt Bezug auf das Jahr 2009. Damals waren es Anke Engelke und Bastian Pastewka, die als "Wolfgang und Anneliese" das Fest zu einem kleinen Kunstwerk machten, in dem sie das gesamte Fernsehen, das sich da selbst feierte, kurzerhand als Unterabteilung der Volksmusik persiflierten.

Jetzt führen wieder "zwei unserer Top-Künstler durch den Abend" verkündet Sat.1 und meint damit Oliver Pocher und "Cindy aus Marzahn". Wenn das mal gut geht! "Promi Big Brother" lässt Schreckliches befürchten. Den Ehrenpreis wird Ottfried Fischer bekommen. Hoffentlich kriegen die beiden wenigstens das hin.