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"Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" Was will der Sohn Mannheims?


Xavier Naidoo war Gastgeber von "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert". Zum Show-Finale ist immer noch unklar, was man anfangen soll mit dem Cover-Marathon. Zuverlässig betäubt er mit Nichtssagendem.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Vielleicht gibt es ja noch ein Entkommen. "Das wollen wir jetzt nicht machen", protestiert "Guano Apes"-Frontfrau Sandra Nasić. Doch da ist es bereits zu spät: Xavier Naidoo hat das Kinderlied "Bruder Jakob" angestimmt - und auf der karamellbraunen Ledercouch gibt es kein Halten mehr. Sarah Connor, Andreas Gabalier, Sasha, Gregor Meyle, Roger Cicero, sie alle erheben ihre Stimmen zum Refrain. Man mag das sympathisch finden. Stars, die nicht nur die großen Bühnen brauchen, sondern so sind, um diesen abgedroschenen Vergleich zu bemühen, wie Du und Ich. Wobei die Frage ist, ob man tatsächlich vor dem Fernseher zusammensitzt und Kinderlieder trällert. Xavier Naidoo kann natürlich, Fans wissen das, ganz anders. Und man ist sich nicht sicher, droht er oder verspricht er, als er später ankündigt: "Ich vermute, hier ist etwas Großes am Entstehen." Heißt das: "Bruder Jakob" für alle? Oder "Bruder Jakob" gar als Fußball-WM-Hit? Ding dang dong. Nach sieben Wochen und sieben Folgen endete gestern auf Vox die TV-Show "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert". Für Gastgeber Xavier Naidoo aber war es gerade erst der Anfang.

Dass Menschen das überhaupt sehen wollen

Der Anfang aber von was? Als Xavier Naidoo seinen Musikerkollegen Sasha vom Projekt überzeugen wollte, meinte der: "Erkläre es mir nochmal, ich weiß nicht genau, was du da vorhast." In der Sendung sprach Naidoo von einem "Künstler-Kibbuz" und nannte die Teilnehmer "Söldner", wohl in Anlehnung an sein bekanntes "Söldnerlied". Was nur will der Sohn Mannheims? Und warum zieht er da die Fernsehnation mit hinein? Man staunt, dass Menschen das überhaupt sehen wollen, wie, so das Konzept der Sendung, sieben deutsche Musiker gegenseitig ihre Songs covern. Die Einschaltquoten: Bereits bei der ersten Folge waren 2,19 Millionen Zuschauer dabei. Noch würde ein "Wetten, dass"-Moderator deshalb nicht vor Neid erblassen. Aber immerhin. Fragt sich: Ist Juror-Titan Dieter Bohlen nicht mehr aufregend genug? Und wohin soll das ganze Gesinge überhaupt führen? Um aus einem Lied von Herbert Grönemeyer, der, Gratulation, nicht mit von der Partie gewesen ist, zu zitieren: "Vielleicht nur hinters Licht." Wenigstens: "Sing meinen Song" betäubt zuverlässig mit Nichtssagendem. Und das ist spätestens seit Angela Merkel eine Trendbewegung. Bitte, es muss ja nicht immer "Tatort" sein. Die Leichen, das Blut. Da schaut man lieber weg und stattdessen, zum Niederschmelzen schön, auf das "Kap der guten Hoffnung", so wie die sieben Singstars es tun, denn die waren in Südafrika untergebracht.

Seelenstriptease vor 2,45 Millionen Zuschauern

Hatte was von Jugendherberge. Lagerfeuer gab es auch. Und Bildschirme. "Wir gucken uns an, was wir Tolles gemacht haben", erklärte Naidoo den Sinn des Finales. Man war aber auch "mega" und "krass" und "cool", wie man sich bei der Rück- und Nabelschau gegenseitig permanent versicherte. Nur Andreas Gabaliers Kompliment an Sandra Nasić kam etwas verunglückt daher. Staunend kommentierte der Österreicher: "Wie du ein ganzes Konzert lang so brüllen kannst." Weil es eine Frechheit gewesen wäre, nur mit Wiederholungen abgespeist zu werden, gab es wenigstens noch die beliebtesten Songs der Show, erstmalig im Duett präsentiert: Unter anderem Xavier Naidoo und Roger Cicero mit ihrer Version des Cicero-Titels "Wovon träumst du nachts". Sasha und Sarah Connor mit dem Connor-Song "From Zero to Hero". Und Gregor Meyles und Sandra Nasić mit dem neu arrangierten "Guano Apes"-Hit "Sunday Lover".

In Folge drei erlebten 2,45 Millionen Zuschauer den Seelenstriptease von Gabalier und Naidoo, die beide über den tragischen Tod ihrer Väter sprachen. "Für unsere Väter" kündigten sie deshalb auch im Finale die gemeinsam interpretierte Gabalier- Ballade"Amoi seg’ ma uns wieder" an. Ohne es zu wissen hatte Gabalier da längst schon therapeutische Arbeit geleistet. "Ich danke dir, dass du den Song geschrieben hast. Ich konnte dadurch einen Kloß loswerden, der mir nicht bewusst war", bekannte Naidoo. Zum Abschluss standen sie dann alle da, alle sieben, und verabschiedeten sich mit "Und wenn dein Lied meine Lippen verlässt". Ende gut, alles gut. "Gerne in zehn Jahren wieder", meinte Sarah Connor. Allerdings: 20 Jahre tun es auch.


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