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"The next Uri Geller": Keinen Löffel draufgelegt

Auch nach der vernichtenden Kritik der ersten Show von "The next Uri Geller" wird fröhlich weitergemacht wie gehabt: Uri Geller versendet magische Strahlen, die Gäste finden alles total aufregend, und die Kandidaten mühen sich redlich, um sich nicht vollends lächerlich zu machen.

Von Björn Erichsen

Man darf Stefan Gödde, Moderator der Show "The next Uri Geller" ruhig mal ein Kompliment machen: Er bemüht sich wirklich sehr. Im schicken Nadelstreifenjackett rauschte er durch die Halle, um deutlich zu machen, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht. Mit den drei anwesenden Sozialrichtern machte er einen Uhrenvergleich. "Hier ist alles sauber", verkündete er stolz, nachdem er tief in den Gehörgang von Comdian Oliver Welke geblickt hatte. Der war neben Schauspielerin Christine Neubauer und ProSieben-Moderatorin Charlotte Engelhardt an diesem Abend als Promi-Gast und Versuchskaninchen geladen. Und dann brachte er sogar seine Mutter ins Spiel, die ihn nach der letzten Sendung angerufen hatte: "Hallo, Stefan, hier ist Mama, halt dich fest, bei uns ist gerade ein Löffel vom Fernseher geflogen." Wow, wenn sogar bei Mutter Gödde Übersinnliches passiert...

Ihr Sohn plauderte unterdessen ausgelassen mit Geller über die "unglaublichen Reaktionen", die die erste Sendung bei der Presse ausgelöst habe. Im Hintergrund wurden als Beleg in schneller Folge diverse Zeitungsartikel mit Schlagzeilen wie "Die magische Rückkehr des Löffelverbiegers" eingeblendet. Nur genaueres Hinsehen im Standbild ließ erkennen: Fünf der sieben Artikel waren teilweise schon Wochen vor Beginn des Formates am 8. Januar veröffentlicht worden - also bevor die Presse zu ihrer großen Spottattacke auf Uri Geller ausholte. Ein eingeblendeter "Bild"-Artikel war tatsächlich im Anschluss an die erste Show erschienen: Allerdings liest man unter der wohlwollend klingenden Überschrift, dass sich der Erstling durch "135 Minuten Sendezeit quälte", und Geller ganz "dringend noch einen Löffel drauflegen" müsse.

Tat er leider nicht. Geller verzapfte bei seinen Bewertungen genau die gleichen paranormalen Plattitüden wie beim ersten Mal: "Deine mentale Beeinflussung der Promis war voller Stil", oder "Deine Fähigkeit, die menschlichen Schwingungen zu fühlen und wahrzunehmen, ist ... [dramaturgische Pause] ... faszinierend." Mal ganz ehrlich: Wem hilft dieses Gewäsch? Den Kandidaten? Wohl kaum. Den Zuschauern sicher auch nicht. Das wird man vielleicht selbst bei ProSieben irgendwann erkennen: In der aktuellen Form verharrt die Show in spaßbefreiter Belanglosigkeit.

Geller in Frührente

Dabei gäbe es doch spannende Alternativen: Geller könnte zum Beispiel den ganz harten Hund geben, eine Art mystischen Super-Bohlen, der den Teilnehmern ein deftiges "Das hast du jetzt aber ordentlich verkackt" mit auf den Weg gibt. Das würde den Kandidaten zwar auch nicht helfen, aber zumindest hätten die Zuschauer was zu lachen. Besser noch wäre allerdings, Geller würde vorzeitig in Rente geschickt - die Sache mit dem Nachfolger regelt sich ja gerade. An seine Stelle tritt dann ein ernst zu nehmender Bühnenmagier, der die Talente und Tricktechniken der Kandidaten nach ernst zu nehmenden Kriterien bewertet.

Hätten sie es sich nicht selbst ausgesucht, könnten einem die Teilnehmer fast leid tun. Für jeden von ihnen hat die Show eine Rolle - ob sie wollen oder nicht. In den kleinen Einspielern, in denen es gerne blitzt und donnert und meist irgendwelche Anverwandte oder beste Freunde die besonderen Fähigkeiten bestätigen, werden die neuen Teilnehmer vorgestellt. Gestern Abend war Leo Martin dran, der "Mann mit dem stechenden Blick", der mal als Profiler gearbeitet hat. Und auch der "mysteriöse Lord" Jake Nasher. Und natürlich Farid, "Mr. Cool" aus Bochum, den angeblich selbst Rapper Sido fürchtet.

Den besten Auftritt des Abends hatte jedoch Alexander Hartmann - der "Charming Boy mit Tiefgang", der allein schon wegen seiner wild hochtoupierten Haare recht weit kommen dürfte. Stirn an Stirn stand er da mit Neubauer, bombardierte sie mit Fragen, drehte sich in einer Art Mental-Ringkampf mit ihr mehrfach im Kreis, bis er ihr schließlich das Hilfsverb "wollte" entlocken konnte, das sie vorher auf einer vermeintlich willkürlichen Seite eines Buches gelesen habe. Anschließend sorgte er noch dafür, dass Welke das Wort "Nebengebäude" augenscheinlich per Gedankenkraft in das Gehirn von Charlotte Engelhardt transferierte. Die war verwundert: "Ich habe das Wort wirklich gehört, mir ist jetzt ganz kodderig."

Die Umdrehungen der Erotikschraube

Beim Auftritt von Farid wurde kräftig an der Erotikschraube gedreht: Wieder wurde Welke ("Ich hatte noch nie ein Blind Date") auf die Bühne gerufen und suchte sich aus 30 leicht bekleideten Models exakt jenes aus, das Mr Cool zuvor vorausgesehen hatte. Der Auftritt von Torsten Strothmann - mit verbundenen Augen Gegenstände erkennen, die Neubauer in der Hand hielt - wäre fast schiefgegangen. Und die Darbietung von Nasher, der sich an einem präparierten Strick an einen Galgen hängte, klang in der Ankündigung wesentlich spannender als die gebotene Hängepartie. Sie reichte allerdings aus, um Moderator Gödde in die Nähe einer Organ-Inkontinenz zu bringen. "Boah, da ist mir ja fast das Herz in die Hose gerutscht."

Wer gehofft hat, dass Uri Geller in seinem "Live-Experiment" wieder magische Reparaturstrahlen in die Wohnzimmer schicken würde, um kostengünstig alte Toaster, Wasserkocher und Heizdecken zu reanimieren, wurde enttäuscht. Diesmal galt die Gellersche Gedankenkraft dem Mobiliar der Zuschauer. "Ich werde ihre Tische verschieben, vielleicht sogar zum Hüpfen bringen", kündigte Geller vielsagend vor der Werbepause an.

Und damit die Zuschauer auch verstehen, was sie tun sollen, wurde das Ganze im Studio vorgemacht. Neben den Promi-Gästen wurden einige Studiogäste an zwei auf der Bühne platzierte Tische gerufen. Im Viererpack legte man die Hände auf. Erst mal passierte gar nichts. Dann zählte Geller auf Hebräisch "Achad, Shtaim, Shalosh" (1-2-3) herunter - ProSieben hat diesen Slogan übrigens auf einer Kaffeetasse verewigt, die der geneigte Zuschauer zum "Schnäppchenpreis" von 19,90 Euro erwerben kann - und siehe da: Die Tische bewegten sich tatsächlich. Unfassbar - vor allem für Neubauer, die bei diesem "Table Dance" vor sich hin jauchzte wie eine Frühlingsballdebütantin nach ihrem vierten Doppelkorn.

Zwölfjähriger mit hüpfendem Tisch

Auch in den Wohnstuben der Republik muss die Hölle los gewesen sein. Per Telefon verkündete Susann K. aus Eisenhüttenstadt atemlos, dass sie bei der Übung "ganz heiße Hände" bekommen habe. Auch Frank B. aus Fürstenwalde "habe da so ein Kribbeln gespürt". Auf einem eingesandten Video durfte man denn auch noch bewundern, wie ein vollschlanker Zwölfjähriger aus München mit einem kleinen Beistelltisch durch sein Kinderzimmer hüpft. "Einfach unglaublich", fand Geller. "Ich habe keine Erklärung dafür. Es sind ganz seltsame Dinge, die da passieren." Starke Aussage, kann man sicher unterschreiben.

Ob bei Mutter Gödde daheim auch die Tische wackelten? Ihr Sohnemann wird es den Zuschauern wahrscheinlich in der nächsten Episode der Geller-Show verraten. Doch zunächst einmal musste er sich um Spannung bemühen, wie es sich für das Finale einer Casting-Show gehört. Lord Nasher wurde mit seiner Galgennummer rausgewählt. Und man fragt sich schon, weshalb der so geschockt reagierte: Bei all den besonderen Fähigkeiten in der Sendung müssten doch eh schon alle wissen, wie es am Ende ausgeht.