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Interview

Gaby Köster und Anna Schudt: So waren die Dreharbeiten zu "Ein Schnupfen hätte auch gereicht"

Für ihre Darstellung der Komikerin Gaby Köster, die sich nach einem Schlaganfall ins Leben zurückkämpft, hat Anna Schudt den International Emmy bekommen. 2017 traf der stern beide zum Interview.

Gaby Köster und Anna Schudt

"Du bist die perfekte Verkörperung", sagt Gaby Köster (l.) über Anna Schudts Darstellung in "Ein Schnupfen hätte auch gereicht".

Vor zehn Jahren erlitt die Komikerin Gaby Köster einen schweren Schlaganfall. Über ihren Kampf zurück ins Leben schrieb sie zusammen mit Till Hoheneder 2011 das Buch "Ein Schnupfen hätte auch gereicht - meine zweite Chance". RTL verfilmte das Buch sechs Jahre später, die Schauspielerin Anna Schudt ("Tatort") verkörperte Köster. Im April 2017 traf der stern die beiden zum Interview.

Frau Köster, neun Jahre nach Ihrem Schlaganfall, brüllen Sie ...

Moment, ich hab noch Pralinen im Mund!

Brüllen Sie Ihren gelähmten linken Arm manchmal noch an?

Ja, mach ich.

Und was sagen Sie ihm?

Mach jetzt, verdammt noch mal!

Gehorcht er?

Nee. Wenn ich gleich zu Hause die Jacke ausziehen will, dann will er sie hier am Bund festhalten. Er macht den ganzen Tag nichts und behindert mich dann aber am Abend im Ablauf. Da muss ich schon mal wütend mit ihm werden.

Der Feind am Körper?

Genau!

Jetzt werden Sie von Anna Schudt im Film "Ein Schnupfen hätte auch gereicht" gespielt. Fühlen Sie sich angemessen dargestellt?

Auf jeden Fall! Mein Sohn und mein Exmann, die waren echt verblüfft, "mich" da plötzlich wieder auf der Leinwand zu sehen.

Es gab auch Tränen, sagten Sie.

Ja, mein Sohn schluchzte zwischendurch. Ich selbst kann ja leider nicht mehr weinen, das ist ja auch kaputt seit dem Schlaganfall. Aber mir war fürchterlich zumute, weil ich durch den Film gesehen habe, was das für meine Familie bedeutet hat. Und es hat mich auch fertiggemacht, Anna, als ich dich in dem Rollstuhl gesehen hab.

ANNA SCHUDT: Und ich muss dir sagen, dass ich nach jedem Drehtag unendlich glücklich war, dass ich aufstehen und nach Hause gehen konnte. Das war jedes Mal wieder: Danke, lieber Gott!

KÖSTER: Das ist eins der Dinge, über die ich mich anfangs geärgert habe: Dass ich das nicht so geschätzt habe. Manchmal steh ich heute im Treppenhaus und denk, ich würde jetzt so gern einfach losrennen, schnell sein. Geht aber nicht mehr.

Frau Schudt, Sie haben Maria Stuart gespielt, Anna Karenina, eine "Tatort"-Kommissarin. Was hat Sie gereizt, eine Komödiantin zu spielen?

Vor allem, dass wir ein Kapitel aufgemacht haben, das noch keiner aufgemacht hatte. Alles, was nach Gabys Schlaganfall passiert ist, war ja sozusagen im Schatzkästchen. Deshalb war ich relativ frei und konnte mit dem, was sie mir darüber erzählt hatte, frei umgehen. Ich habe aber schon versucht, Gabys Kölsch zu sprechen.

Nicht schlecht übrigens für eine vom Bodensee.

KÖSTER: Du bist die perfekte Verkörperung, Anna!

SCHUDT: Danke. Wir wollten eine Heldengeschichte erzählen; die einer populären Frau, die einen Schicksalsschlag erleidet.

Im "Tatort" spielen Sie eher den herben, coolen Typ und jetzt das absolute Herzchen. Was war schwerer?

Gaby war eine Herausforderung. Das waren gleich so viele Aufgaben, vom Rheinischsprechen über Schlaganfall bis Laufenlernen. Sie war das Monument, und dann kamen die ganzen Puzzleteile dazu.

Es sagt sich immer so schön: Das Wichtigste ist, dass man nicht aufgibt. Der Film, Frau Köster, zeigt, Sie wollten mehrfach aufgeben. Heute auch noch?

Nein, nicht mehr so sehr. Aber im Krankenhaus war das schon öfter der Fall. Ich meine, man lernt mit einem Schlaganfall ja nicht automatisch, mit dem Rollstuhl zu fahren. Das ist im Paket nicht mit drin, das ist Zubehör. Kurz nach dem Koma dachte ich noch: Schön, jetzt haste mal zwei Wochen frei, und dann ist alles wieder juut. Man rechnet nicht damit, dass das so lange dauert. Neun Jahre ist das jetzt her.

Sie waren ein halbes Jahr lang in der Reha. Umgeben von Menschen mit ähnlichem Schicksal.

Da waren auch viele mit Schädel-Hirn-Trauma aus Dubai. Die waren beim Kamelrennen auf der Überholspur gestürzt oder so. Und viele Patienten mit Wortfindungsstörungen. Aber eben auch Leute, die zwar Arme und Beine benutzen konnten, aber nicht koordiniert, und dann immer den Kaffee hinter sich kippten. Das war sehr erholsam, als ich endlich zu Hause war.

Waren Sie eigentlich privat oder gesetzlich versichert?

Privat, glaube ich.

Fürchteten Sie, dass die Krankenkasse sagt: Wie lange dauert das noch?

Klar, da hat man nebenbei noch dauernd Existenzängste. Aber ich war ja immer ein braver Beitragszahler.

Helfen Hunde bei der Heilung?

Auf alle Fälle. Ohne meine Hunde wäre ich vor dieselben gegangen.

Der Film zeigt, wie Sie, die rhetorische Schnellfeuerkanone, nicht mehr sprechen können. Wir hören Ihre Gedanken. Erinnern Sie sich noch an diese Situation?

Ja, klar. Durch irgendwelche Kanülen im Hals war das mechanisch nicht mehr möglich. Du kriegst dann so Sprachkapseln in den Schlauch, die mit jedem Husten durch die Hütte flogen.

Dann kam erst mal das Stammeln.

Das Verrückte ist, man muss erst mal raffen, dass es theoretisch wieder geht.

Frau Schudt, wie haben Sie sich das beigebracht, so zu sprechen und zu gehen wie Schlaganfallpatienten?

Das war rein intuitiv. Ich hab mich gefragt: Was macht der Hals, wenn die Gedanken da sind? Was passiert, wenn die Reflexe nicht mehr funktionieren? Wenn das alles nicht mehr geht, wenn man sich pausenlos verletzt, gedemütigt und einsam in seinem Nicht-Funktionieren fühlt. Alles, was vorher normal und eigenständig in deinem Leben war, ist plötzlich anormal.

Langes Bein, Ferse in den Boden rammen – Sie haben neu laufen gelernt.

KÖSTER: Ich habe mir das gleich nach dem Koma gesagt, als ich hirnmäßig noch in Watte war: Scheißegal, was passiert, du gehst hier zu Fuß wieder raus!

Hatten Sie je den Gedanken: Ich werde bestraft für irgendwas?

Ich hab immer gedacht: Gaby, es ist 'ne Übung. Ich weiß noch nicht, wofür, aber ich werde es herausfinden.

Sie fragen im Film: Was hat mich hierhergebracht – Schicksal, Zigaretten oder doch der liebe Gott? Haben Sie diese Frage inzwischen beantwortet?

Nein, hab ich nicht. Ist mir inzwischen egal.

SCHUDT: Wir haben immer die Tendenz, nach einer Erklärung zu suchen. Es kommen weiterhin Menschen zu Gaby, die sagen: Warum rauchst du denn immer noch? Man wird dauernd beschuldigt für das Elend, in dem man sitzt.

KÖSTER: Ich fand so irre, dass mir Ärzte und Krankenschwestern, die selber vor der Tür rauchten, empfohlen haben: Rauchen Sie nicht! Dabei ist die Raucherecke im Krankenhaus das einzig Positive. Wie in der Kneipe. Die nettesten Leute.

Die Bademantel-Typen aus der Raucherecke haben Ihren Humor wiederbelebt, richtig?

Ja. Die Leute haben mich sofort an der Stimme erkannt. War lustig.

Der Gaby-Köster-Humor kommt dann im Film mit dem Satz zurück: "Meine Schädeldecke ha'm se beim Käpt’n Iglo eingefrorn." 

Genau! So war das auch. Andere, die da standen, hatten ihre in der Bauchdecke eingenäht.

Eine Schwester sagte zu Ihnen: "So, jetzt waschen wir uns mal." 

Das ist wie eine Entmündigung. Wie wenn Eltern ihren Kindern auf dem Spielplatz sagen: So, wir wollen jetzt nach Hause. Einmal steh ich nach der Toilette wackelig am Bett und frage die Therapeutin: Können Sie mir bitte mal die Hose hochziehen? Da sagt die: Ist doch Ihre Hose und nicht meine Hose.

SCHUDT: Es ist nicht schön, wirklich nicht schön, wenn man abhängig ist bei den einfachsten Dingen. Und es ist anstrengend, seine Autonomie aufgeben zu müssen. Für mich war es eine der schwersten Übungen bei diesem Film. Ist das Gefordert-Werden denn nicht notwendig?

KÖSTER: Ja, das ist okay. Aber Physiotherapeuten arbeiten immer gern mit Provokationen. Und wenn was bei mir nicht geht, ist das Provokation. Die Tochter eines Freundes fragte bei einem Besuch: "Bist du die Gaby?" Sie waren auch für sich selbst nicht mehr Gaby Köster. Einmal kam eine Schwester ins Zimmer und sagte: Wissen Sie eigentlich, wie Sie aussehen? Und ich wusste das nicht, weil ich ja allein nicht ins Badezimmer kam. Ich hatte eine Glatze, die Schädeldecke fehlte. Und dann hat die mich vor den Spiegel gerollt, und ich dachte: Das ist also Frau Peters.

Das war Ihr Pseudonym im Krankenhaus für Mitpatienten und eventuell einfallende Fotoreporter.

Ja, als die mir gesagt haben, ich wär jetzt Frau Peters, dachte ich: Söns noch jet? (Sonst noch was?)

Es gibt eine Szene im Film, in der Sie Ihren toten Vater in einer paradiesischen Zwischenwelt sehen. Er schickt Sie auf die Erde zurück.

Ich dachte, boah, der ist noch nicht reinkarniert, der ist noch unterwegs. Wie auch einer meiner Hunde. Seine Ansprache fand ich allerdings etwas schroff: "Wat mähst du dann he? Dat geht aber nit!" Scheinbar habe ich wohl noch einen Auftrag.

Heißt: Was machst du denn hier? Frau Schudt, glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich glaube, dass es ganz viel zwischen Himmel und Erde gibt, wovon wir nichts wissen. Und ich bin sicher, es geht weiter. Ich glaube nicht an das Nichts, an das Schwarz. Ich finde, das wäre ein großes Missverständnis, da würde einem das Leben ja keinen Spaß mehr machen.

Denken Sie über solche Fragen durch den Film intensiver, öfter nach?

Für mich war es eine aufwühlende Erfahrung, dass jemand trotz allem in seiner ganz speziellen Senkrechten bleiben kann. Weil es was mit der Denkweise, mit dem speziellen Humor zu tun hat, der über allem steht. Das heißt: Wenn alles von dir wegfließt, wie du gelebt hast, was du weißt und wer du warst. Und du bist plötzlich ...

KÖSTER: Ein Geist nur noch.

SCHUDT: Nein, plötzlich bist du in der Waagerechten – erkläre ich das zu kompliziert?

Nein, nein ...

SCHUDT: Das hat mich wahnsinnig beeindruckt, dass Gaby trotzdem irgendwie gerade geblieben ist. Dass etwas in ihr stehen bleibt, weil es so viel Kraft hat. Und es beschäftigt mich seither die Frage: Wo ist meine eigene Senkrechte? Wie kann ich die stärken? Und vor allem: Was hält mich überhaupt senkrecht?

Manche Menschen wirft schon der Gedanke ans Altwerden, an den Tod um. Sie auch?

Ich dachte eigentlich immer, ich gehe mit dem Alter wahnsinnig locker um. Stimmt aber gar nicht. Ich finde Alter total ungerecht, blöd, wirklich unfair. An den Tod denke ich selten.

KÖSTER: Also ich finde es beruhigend zu wissen, man wird abgeholt, wenn es so weit ist. Vom Vater, von Verwandten. Ich sag meinem Freundeskreis im Himmel immer, wenn einer von uns geht: Passt auf, da kommt einer. Holt den mal.

Zieht man nach einer Krankheitserfahrung die Lehre: Ich reg mich nicht mehr auf?

Ich hab mich auch früher nicht über jeden Driss aufgeregt. Es gibt Sachen, da sage ich: Leeve Jott, wenn et nix Schlimmeres jitt!

Frau Schudt, zwei Ihrer drei Kinder waren Hausgeburten. Was haben Sie gegen Krankenhäuser?

Nichts. Ich wusste aber, wenn ich ins Krankenhaus gehe, dann kommt das Kind nicht raus. Weil mir ständig jemand reinlabert und mir sagt, was ich machen soll. Beim jüngsten war ich allerdings im Krankenhaus. Das war absurd. Ich lag da in meinem Leibchen mit so einem Ding auf dem Bauch, und da sagt die Schwesternschülerin in der Wehen-Pause: Darf ich Sie mal was fragen? Kenn ich Sie vom Fernsehen?

KÖSTER: Ja, der Mensch an sich ist schon speziell. Manchmal frag ich mich: Wer hat eigentlich die Kiste mit den Idioten offen gelassen?

Frau Köster, wie ist heute Ihr Tagesablauf?

Ich bin zwar jetzt in der Berentung, wie das so schön heißt. Aber ich guck immer noch, was mach ich heute. Ich bin eine Nachteule. Ich frequentiere wenig Gaststätten, aber ich geistere lange nachts durchs Haus. Wenn ich nicht schlafen kann, mach ich um drei mein Hörbuch an, oder ich male. Dann jeht et.

Sie wohnen noch in Ihrem Haus mit der steilen Treppe?

Ja. Und weil das Bad oben ist, war Treppe das Erste, was ich gelernt habe, denn der Mensch braucht Wasser. Warum keine behindertengerechte Wohnung im Erdgeschoss? Wollte ich nicht. Ich wollte auch das Haus nicht umbauen. Ich hab gesagt: Der Schlaganfall hat mein ganzes Leben umgebaut, nicht noch die Häuser.

Können Sie sich allein versorgen? Frühstück machen, Abendessen ...

Nein, natürlich nicht. Ich habe aber Glück, denn ich habe fünf Hunde. Wenn ich mir ein Brot schmiere, da fliegt nämlich schon mal was durch die Küche, und mein Labrador isst gerne. Das hat zur Folge, dass jedes Mal, wenn ich in die Küche gehe, die Hunde kommen und denken: Yippie, gleich kommt wieder was geflogen!

Tolle Arbeitsteilung.

Es ist ein wirklicher Irrsinn: Macht euch mal einen Joghurtbecher mit einer Hand auf, ohne die Hose zu beschmutzen.

Wie machen Sie es?

Ich klemme mir alles zwischen die Beine. Bei Wasserflaschen ist das manchmal blöd, da hat man dann direkt eine Kniedusche.

Stimmt es, dass man Ihrer Physiotherapeutin Geld geboten hat, wenn sie Sie im Krankenhaus fotografiert?

Hat sie aber nicht gemacht. Als ich aus dem Krankenhaus gehumpelt bin, hat mich ein Paparazzo abgeschossen und gerufen: "Renn doch weg, wenn's dir nicht passt." Arschloch hoch zehn, aus Berlin. Wenn ich dem mal begegne, hat der auch Reha nötig.

SCHUDT: Ich werde manchmal auch fotografiert, ohne gefragt zu werden. Das finde ich einfach nicht in Ordnung. Ich bin ja nicht immer öffentlich, sondern auch privat.

KÖSTER: Ich schrei ja auch nicht sonntags den Bäcker im Park an und sag: Hallo, back mir mal 'nen Kuchen!

Die Leute freuen sich eben, wenn sie Promis sehen.

Ich weiß nicht, warum, aber bei mir meinen die Leute immer, sie müssten mir ins Gesicht fassen. Oder mich abknutschen. Das finde ich befremdlich.

SCHUDT: Das trauen sie sich bei mir nicht. Liegt wahrscheinlich an der "Tatort"-Rolle. Eine Kommissarin fasst man nicht an.

Wir wissen, Anna Schudt dreht demnächst wieder einen Dortmund-"Tatort". Frau Köster, was haben Sie als Nächstes vor?

Puh, schwierige Frage. Da mach ich mir keine großen Gedanken. Aber 'ne richtig schöne Verknallung wäre eigentlich super.