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ARD-"Tagesthemen": Die Augenbraue der Caren Miosga

Wie geht sie, wie steht sie, was sagt sie? Caren Miosga, ab Montag Moderatorin der "Tagesthemen", hat ihr Schaulaufen vor der Presse absolviert - und erklärt, was Hajo Friedrichs mit einer Schrankwand zu tun hat und was sie von Anne Will unterscheidet.

Von Lutz Kinkel

Es muss sich anfühlen wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag gleichzeitig. Überall gewichtige Honoratioren in dunklen Anzügen, die sich wechselseitig mit Lob überbieten. "Sie ist ungemein vielseitig, kompetent und sympathisch", schwärmt Volker Herres, Programmchef des NDR. "Wir freuen uns auf sie", schnalzt Thomas Hinrichs, zweiter Chefredakteur von ARD-Aktuell. Auch Tom Buhrow, Erster Moderator der "Tagesthemen", strahlt: "Von der ersten Sekunde an waren wir ein Team."

Caren Miosga sitzt in der Mitte, alle Blicke und alle Kameras sind auf sie gerichtet. Aber sie verzieht keine Miene. Ihre Augen sind groß und klar und spiegeln nicht den Lufthauch eines Gefühls. Vermutlich weiß sie, dass die Hymnen unverzichtbarer Bestandteil der Krönungszeremonie sind. Und vermutlich weiß sie auch, dass nicht jeder Untertan vor dem Bildschirm ähnlich laut jubilieren wird. Also wartet sie ab, bis die Hymnen verklingen. Am Montag wird sie erstmals die Tagesthemen moderieren. Das ist der Ernstfall.

Augenbrauengymnastik

Diese Pressekonferenz im edlen Hamburger Mövenpick-Hotel ist nur ein Schaulaufen mit dem Tagesthemen-Krönchen auf dem Haupt - eine Inszenierung, die sie sofort lustvoll auseinander nimmt, sobald sie selbst reden darf. Natürlich prasseln auf sie die üblichen Fragen ein. Was, Frau Miosga, haben Sie früher von den Tagesthemen gehalten? "Ich bin mit den Tagesthemen aufgewachsen", antwortet die 37-Jährige. "Hajo Friedrichs war für mich wie die Schrankwand. Er war einfach nicht wegzudenken." Dann soll sie sagen, ob sie ähnlich wie ihre Vorgängerin Anne Will die rechte Augenbaue in die Stirn ziehen kann, um sich ironisch von einem Thema zu distanzieren. Caren Miosga sagt erstmal nichts, sondern aktiviert ihre Gesichtsmuskeln. Ihre Augenbrauen heben und senken sich, die Stirn knittert, das ganze Puppengesicht verrutscht. Ihre Bilanz: "Ich kann's nicht".

Sie will es auch nicht. Miosga beharrt darauf, Miosga zu sein. Auch Anne Will hat schon verschiedentlich betont, dass sie nicht Sabine Christiansen sei, obwohl sie deren Job nun übernimmt. Die Chancen, dass Miosga ihre eigene Präsenz bei den Tagesthemen entwickelt, stehen ohnehin gut, schließlich ist sie kein TV-Frischling mehr. Seit 1999 moderiert sie das "Kulturjournal", 2003 stieg sie beim NDR-Medienmagazin "Zapp" ein, 2006 übernahm sie im Ersten "Titel, Thesen, Temperamente". Alle Aufgaben erledigte sie Bravour, im Sender gilt sie als penibel und fleißig; ihre freundliche Beharrlichkeit ist bei Interviewpartnern gefürchtet. Aber können Sie auch Politik, Frau Miosga? "Entgegen aller Vorurteile: Ich habe auch schon früher zuerst die Politikseiten der Tageszeitungen gelesen - und dann das Feuilleton", sagt sie. Jetzt würde sie den Politikteil eben noch etwas ausführlicher studieren.

Sinnspruch von Nam June Paik

Will raus, Miosga rein - etwas Bewegung bei den Quoten der Tagesthemen wäre den Chefredakteuren auch recht. Die Zuschauerzahl ist im ersten Halbjahr 2007 auf 2,3 Millionen gesunken, das Interesse an Politik scheint in Zeiten der großen Koalition abzunehmen. Die wechselnden Anfangszeiten, die durch Frank Plasbergs "Hart aber fair" am Mittwochabend unumgänglich werden, erschweren die Zuschauerbindung zusätzlich. Außerdem, so ARD-Aktuell Chefredakteur Kai Gniffke, verändere sich das Mediennutzungsverhalten: Immer mehr Menschen informierten sich im Internet. Gniffke versucht diesen Trend abzufangen, indem er die Tagesschau und Tagesthemen auch im Web veröffentlichen lässt - inklusive eines täglichen "Werkstattberichts", in dem die Moderatoren schon am frühen Abend ansagen, welche Themen in Bearbeitung sind.

Von Montag an wird auch die "Neue", wie sie allenthalben genannt wird, im Netz und auf dem Schirm zu sehen sein; seit Wochen bereitet sie sich auf den D-Day vor. Sie hat ihr Büro eingerichtet, in der Redaktion mitgearbeitet, auch eine Probesendung hinter sich gebracht. "Ich wäre fast zu spät gekommen, weil ich mich auf dem Weg von der Maske ins Studio verirrt habe", berichtet Miosga. Dass sie diese Anekdote überhaupt auf der Pressekonferenz erzählt, illustriert ihre außerordentliche Beflissenheit. Als Gegengift hat sie sich zuhause einen Spruch des Videokünstlers Nam June Paik aufgehängt: "When too perfekt lieber Gott böse". Geholfen hat's bislang offenbar nicht.

Umschulung zur Floristin

Potenziert dieser Drang, alles richtig zu machen, nicht das Lampenfieber ins Unerträgliche? Miosga denkt nicht lange nach. Sondern pariert mit einer Schlagfertigkeit, die sie hoffentlich auch im Live-Interview mit Merkel, Müntefering und Kollegen beweisen wird. "20 Minuten vor jeder Sendung überlege ich, ob ich nicht doch auf Floristin umschulen soll", sagt sie schmunzelnd. "Aber dann geht's."