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Abgeordnete in Brüssel ARD-Serie "Parlament": EU-Politik ist unglaublich dröge – und sehr lustig

Szene aus "Parlament": Samy übergibt Eamon einen Stapel Papiere
Samy (Xavier Lacaille, r.) muss sich im Bürokratie- und Papierdschungel EU-Parlament durchschlagen
© WDR/Jo Voets
Das EU-Parlament gilt nicht unbedingt als Ort der Freude – das muss auch der Parlamentarische Assistent Samy in der ARD-Serie "Parlament" erkennen. Wie sich der junge Mann durch den Bürokratiedschungel kämpft, ist dennoch ausgesprochen lustig.

Zugegeben, verlockend klingt das alles erst einmal nicht: Eine Serie aus dem Europäischen Parlament (relativ unbeliebte Institution) über eine Gesetzesverordnung im Fachbereich Fischerei (ziemlich uninteressantes Thema) zum Schutz von Haien (eher unsympathische Tiere). Der erste Eindruck aber trügt. Die deutsch-französisch-belgische Serie Serie "Parlament", die der ARD-Sender One ausstrahlt, ist kurzweilig und wirklich lustig.

Und zwar gleich ab der ersten Szene an. Da versucht Samy (Xavier Lacaille) an seinem ersten Tag als Assistent des französischen Abgeordneten Michel Specklin (Philippe Duquesne) ins Parlamentsgebäude in Brüssel zu kommen. Brüssel, fragt ihn sein Chef am Telefon, er habe doch Straßburg gesagt – kleiner Scherz, aber den Schreck kann man sich gut vorstellen. Und bei zwei Parlamentssitzen lässt es sich schon einmal durcheinander kommen. Einfacher wird es für Samy danach allerdings auch nicht. Im Dickicht von Bürokratie, Intrigen und politischen Scheingefechten droht er sich ein ums andere Mal zu verlieren.

"Parlament": Hinter den Kulissen geht es unappetitlich zu

Zu seiner persönlichen Mission kommt Samy eher zufällig: Er möchte das Finning, bei dem Haien die Schwanzflossen abgeschnitten werden, verhindern. Ein Vorhaben, für das Samy sich mit Leidenschaft einsetzt, mit dem er aber immer wieder zwischen die Fronten gerät. Vor allem die gerissene Politik-Beraterin Ingeborg (Christiane Paul) nutzt seine Unerfahrenheit aus. 

Mit anderen Serien aus dem Polit-Betrieb, in denen sich Dramen auf der Weltbühne abspielen, hat "Parlament" wenig zu tun. Die Serie blickt eher hinter die Kulissen, dorthin, wo es gleichzeitig dröge und unappetitlich zugeht. Wenn die Interessen von 28 Mitgliedsstaaten (in "Parlament" ist der Brexit noch nicht vollzogen und Großbritannien noch Teil der EU) und mehr als 700 Abgeordneten aufeinanderprallen, liegt schnell ein berühmter Satz von Bismarck nahe, den der Beamte Eamon dann auch zitiert: "Gesetze sind wie Würste, man sollte besser nicht dabei sein, wenn sie gemacht werden."

Keine Werbung für die EU – jedenfalls nicht in dieser Form

Den Drehbuchautoren Noé Debré und Daran Johnson gelingt es dennoch, diesen Prozess mit reichlich Humor zu begleiten. Vielleicht ist das auch das einzige Mittel, in dem Chaos den Verstand zu behalten. Da sind dann auch ein paar  europäische Stereotype recht, um für Gags zu sorgen: Samys französischer Chef Specklin ist ein etwas trotteliger Abgeordneter, der sich in seinem Büro einschließt, wenn schwierige Gespräche anstehen, und keine E-Mails schreiben kann. Die englische Vertreterin gerät in die Schlagzeilen, weil sie auf Kosten des Steuerzahlers zu oft in "Cats"-Aufführungen gegangen ist, die Deutsche spielt eiskalt alle Parteien gegeneinander aus und die blonde Schwedin mit den blauen Augen gehört zu den ganz weit Rechten.

Nein, Werbung für die Europäische Union macht die Serie "Parlament" damit wahrlich nicht – zumindest nicht in ihrer derzeitigen Form. Ein Bürokratiemonster, ein Auffanglager für gescheiterte Politiker, eine viel zu teure Maschinerie, die mit den 500 Millionen Bürgern der EU schon lange nichts mehr zu tun hat. Doch immer wieder schimmert auch durch, welches Potenzial ein starkes, gemeinschaftliches Europa hätte. Schade nur, dass die ARD dieses charmante Format behandelt wie einen Gesetzesentwurf zum Fischereiwesen – und die Serie lediglich auf dem Spartensender One laufen lässt.

"Parlament" läuft jeden Dienstag um 20.15 auf One. In der ARD-Mediathek ist bereits die gesamte Serie verfügbar.


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