ARD-Zweiteiler Die "Vroni" am Checkpoint Charlie


Jutta Gallus kämpfte in den 80ern um ihre Kinder, die sie in der DDR zurücklassen musste - Veronica Ferres holt sie in der ARD wieder heim. Das ist Edutainment, ebenso kritisch wie kitschig, also vermutlich ein Quotenhit.
Von Lutz Kinkel

Berlin, Alexanderplatz: Auf einem Sofa im Café Moskau lümmelt sich Hans-Dietrich Genscher, seine Arme liegen auf der Rückenlehne, zu seiner Linken sitzt eine Frau, zu seiner Rechten auch. Wie hat ihm der Film gefallen? "Na: hervorragend!", sagt der ehemalige Außenminister zu stern.de. Auch Genschers Sofadamen - Jutta Fleck, geborene Gallus, und ihre Tochter - strahlen, als hätte ihnen der FDP-Politiker gerade die Parteikasse zugeschanzt. So fühlt man sich offenbar, wenn die Historie ausnahmsweise ein Happy End findet. Und die Medien eben dies mit Millionenaufwand feiern.

Zuvor hatten Genscher, Familie Fleck und hunderte Journalisten drei Stunden lang "Die Frau vom Checkpoint Charlie" gesehen, "das Programmhighlight des Ersten im Herbst diesen Jahres", wie ARD-Programmdirektor Günter Struve nicht müde wurde zu betonen. Die Geschichte, die der opulente Zweiteiler erzählt, fußt auf einem realen Schicksal: Jutta Gallus versuchte 1982 aus der DDR zu fliehen, scheiterte, saß zwei Jahre im Knast und wurde schließlich von der Bundesrepublik freigekauft. Ihre beiden Töchter jedoch musste sie jenseits der Mauer zurücklassen. Die junge Frau protestierte - mit handgemalten Plakaten am Westberliner Checkpoint Charlie, im Bundestag, bei einer Generalaudienz mit Papst Johannes Paul II. und während einer KSZE-Konferenz in Helsinki.

Eine Frau gegen zwei Staaten

Die Bilder der revoltierenden Mutter, die es mit zwei Staaten gleichzeitig aufnahm, gingen um die Welt. Für die Politiker hüben wie drüben war sie indes nur ein Störfall der heiklen deutsch-deutschen Beziehungen. Bedauernswert, aber nicht bedeutend genug, als dass sich die Mächtigen zum Handeln gezwungen gesehen hätten. Erst 1988 gab die DDR ihre Töchter frei - auch dank Genschers Vermittlung hinter den Kulissen.

Dieses Drama zeichnet die ARD umsichtig nach, mit Seitenhieben auf die untätige bundesdeutsche Administration und einer schonungslosen Darstellung der Stasi, die Jutta Gallus drangsaliert hatte. Damit markiert der Film, ebenso wie das mit dem Oskar preisgekrönte Kinostück "Das Leben der Anderen", eine Wende in der Betrachtung der DDR-Geschichte: Die Zeit der beschwipsten Ostalgie-Shows ist vorbei, der inhumane Charakter des "Arbeiter- und Bauernstaates" tritt in den Vordergrund. Zugleich ist "Die Frau vom Checkpoint Charlie" aber auch die simple Fortsetzung eines Genres, das derzeit große Konjunktur hat: das Edutainment mit historischen Stoffen. Nico Hoffmann und seine Firma Teamworx haben mit ihren Produktionen ("Der Tunnel", "Dresden") gezeigt, wie es funktioniert. Man nehme eine zeitgeschichtliche Episode, knete sie in eine dramaturgische Backform und serviere sie mit einem Zuckerguss aus Kino-Optik und Schauspiel-Stars. Fertig ist das "TV-Event".

Wohl auch deshalb durfte niemand anderes als Deutschlands Superweib Veronica Ferres die Hauptrolle der Jutta Gallus spielen. Auf der Pressevorführung sagte sie, sie hätte sich zunächst geweigert, da sie es für angemessen gehalten habe, eine ostdeutsche Schauspielerin zu beauftragen. Dann aber griff sie doch zu - und zeigte sich schließlich ganz benommen von der Bedeutung ihrer künstlerischen Arbeit. "Der Film ist ein Film für die Menschenrechte", rief sie unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen. "Und er hat große Symbolkraft." Dann berichtete sie noch von ihrem Leid während der Dreharbeiten, es habe "den ein oder anderen Unfall" gegeben. Auf Nachfrage erklärten Teammitglieder achselzuckend, die "Vroni" sei einmal ohnmächtig geworden, weil es bei Außenaufnahmen sommerlich heiß war. Nun ja.

Ferres, Alexandre und Teamworx

Regisseur des Zweiteilers ist der gebürtige Portugiese Miguel Alexandre, 39, der als eines der besten Nachwuchstalente der Branche gilt. Diesen Ruf erwarb sich Alexandre unter anderem mit "Nana" (1995), seinem Abschlussfilm für die Münchner Filmhochschule, der in seiner Kargheit ungewöhnliche emotionale Momente schuf. Inzwischen ist Alexandre ein Regisseur der Degeto-Premium-Klasse: Alle filmischen Ecken sind für das große Publikum weggeschliffen, wenn die "Vroni" heult, säuseln im Hintergrund die Geigen - und das Schlussbild von "Die Frau am Checkpoint Charlie" wird wohl eines Tages in Zinnteller graviert. Als nächstes dreht Alexandre übrigens den dreiteiligen Thriller "Die Patin" für RTL. Produktion: Teamworx. Hauptrolle: Veronica Ferres.

Der Zweiteiler "Die Frau vom Checkpoint Charlie" läuft in der ARD am Sonntag, den 30.9 und am Montag, den 1. Oktober, jeweils um 20.15 Uhr.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker