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Chodorkowskis erster Auftritt: "Es gibt keinen Platz für Rachegelüste"

Bei seinem Auftritt in Berlin gibt Michail Chodorkowski nur wenig über seine Zukunft preis. Er setzt sich ein für die Freilassung russischer Gefangener - meidet aber die Konfrontation mit Putin.

Von Andreas Albes

Er wirkte kleiner als auf den vielen Gerichtsfotos, die es von ihm gibt. Und fülliger als man es von einem Mann erwartet hätte, der zehn Jahre in Straflagern und Gefängnissen verbrachte. Typisch hingegen war dieses Lächeln, mit dem MIchail Chodorkowski in Berlin vor die Journalisten und Kameraleute trat. Dieser Gesichtsausdruck, der so etwas wie Milde und Weisheit ausstrahlt, und den man immer sah, wenn er bei seinen Prozessen im Angeklagtenkäfig saß. Kurzer Applaus brandete auf, als er auf die kleine Bühne im Mauer-Museum am berühmten Checkpoint Charlie stieg. Ruhig betrachtete Chodorkowski das Gedränge der Fotografen vor ihm, dann ergriff er das Wort, redete langsam, deutlich und sehr eingängig. Wie jemand, der sein Leben lang nichts anderes gemacht hat.

Die Ankündigung zu seinem Auftritt lautete: "Chodorkowski spricht über seine Zukunft." Aber eine richtige Erklärung konnte der 50-Jährige dazu nicht abgeben. "Ich bin ja erst seit 36 Stunden in Freiheit und habe mich noch nicht einmal mit meiner Familie beraten." Er weiß noch nicht, wie lange er in Berlin bleiben will. Er weiß noch nicht, wann er nach Russland zurückkehrt. Und er weiß nicht, womit er sich beschäftigen wird in nächster Zeit. In die Politik will er jedenfalls nicht gehen. "Kampf mit der Macht, das ist nichts für mich", sagte er.

Appell an westliche Politiker

Eine neue Firma will er auch nicht gründen. "Das hatte ich ja schon. Eine der größten Russlands. Das brauche ich nicht mehr. Meine finanzielle Situation zwingt mich auch nicht für meinen Lebensunterhalt zu arbeiten." Auf jeden Fall möchte er sich für Gefangene einsetzen, die genau so ungerechtfertigt hinter Gitter sitzen, wie es bei ihm der Fall war. "Und denen es oft noch viel schlechter geht." Dann appellierte er an die westlichen Politiker: "Vergessen Sie nicht, dass ich nicht der einzige politische Häftling in Russland war."

Chodorkowski dankte ausdrücklich Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der zwei Jahre lang für seine Freiheit gekämpft hatte. Der prominente Häftling hatte bereits im November davon erfahren, dass die Bemühungen Erfolg haben könnten. Da besuchte ihn einer seiner Anwälte mit der Nachricht, dass Putin über einer Freilassung nachdenkt. Nur hoffen wollte Chodorkowski nicht zu sehr darauf. "Denn das ist das Schlimmste für einen Gefangenen, wenn die Hoffnung im letzten Moment nicht in Erfüllung geht." Am Tag nach Putins öffentlicher Verkündung der Amnestie, habe ihn der Direktor der Strafkolonie morgens um zwei geweckt, um ihm zu sagen: "Es geht nach Hause." Erst unterwegs habe er erfahren, dass nicht Moskau das Ziel ist, sondern dass in Petersburg ein Flugzeug auf ihn wartet, um ihn nach Berlin zu bringen. Die Gefängniswärter hätten ihn noch bis zur Flugzeugtür gebracht. "Erst, als sich die Luke schloss wusste ich, das ich wirklich in Freiheit bin."

"Ich sehe die Dinge pragmatisch"

Es war ein sehr zurückhaltender Chodorkowski den die Journalisten erlebten. Ob er Rachegedanken gegenüber Putin habe, wurde er gefragt. "Ich sehe die Dinge pragmatisch. Und im Pragmatismus gibt es keinen Platz für Gefühle wie Rachegelüste." Was er westlichen Regierungen im Umgang mit Putin rate? "Ich möchte mir da keinen Rat anmaßen. Aber man muss bei Verhandlungen sicher beachten, dass Russlands Präsident einen sehr speziellen Charakter hat." Den größten Lacher bekam er, als sich eine Journalistin nach seiner Meinung zu der in der Ukraine inhaftierten Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko erkundigte: "Da kann ich dem Präsidenten der Ukraine nur dringend raten, sich ein Beispiel an Putin zu nehmen und Frau Timoschenko freizulassen."

Bei aller Bescheidenheit des Ex-Oligarchen spürte man bei dem Auftritt aber deutlich, dass ihm die riesige Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gefällt. Nicht aus purer Eitelkeit. Sondern, weil Chodorkowski weiß, welche Macht die Medien haben. Wenn man sie nur richtig einsetzt. Als Chef seines Ölkonzerns Yukos, hatte er einst einem PR-Berater den Auftrag gegeben, den Firmennamen so bekannt zu machen, wie das russische Volkslied "Katjuscha". Auf der Pressekonferenz in Berlin klang Chodorkowski begeistert, als er sagte: "Ich kann jetzt ja auch Informationsquellen nutzen, die es noch gar nicht gab, als ich ins Gefängnis kam. Wie Twitter und Facebook." Er bedankte er sich bei den anwesenden Journalisten. "Denn ohne die Massenmedien wäre ich heute kein freier Mann."

Man wird Chodorkowski wahrscheinlich wirklich nie als Politiker erleben. Aber mit Sicherheit in der Politik. Und seine Rolle hat er sich auch schon ausgesucht: "Sehen Sie mich als Symbol dafür, was man mit der Kraft einer funktionierenden Zivilgesellschaft erreichen kann."