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Hinweis durch Huster? Der Mann, der durch Betrug die Million beim britischen "Wer wird Millionär?" gewann

Charles Ingram bei der Millionenfrage von "Who Wants To Be A Millionaire"
Charles Ingram bei der Millionenfrage von "Who Wants To Be A Millionaire"
© ITV / Who Wants To Be A Millionaire / Youtube
Eine Frage, ein Husten aus dem Publikum, dann die richtige Antwort – so gewann Charles Ingram 2001 die Million bei der britischen Ausgabe der Quizshow "Wer wird Millionär?". Der Betrugsfall beschäftigt Fernsehen und Justiz bis heute.

"Unter welchem Namen ist eine Eins, auf die hundert Nullen folgen, bekannt?" Es ist die Millionen-Pfund-Frage bei "Who Wants To Be A Millionaire?", der britischen Ausgabe der Fernseh-Quizshow "Wer wird Millionär?". Charles Ingram windet sich auf dem Kandidatenstuhl, vier Antworten hat er zur Auswahl, aber keine Ahnung, welche die richtige ist. "Ich habe noch nie von einem Googol gehört", kommentiert er eine der Optionen. In dem Moment ist aus dem Hintergrund ein Husten zu hören.

Das ändert alles für den Kandidaten. Durch das Ausschlussprinzip glaube er, "Googol" sei die richtige Antwort, sagt er. Der Moderator ist ein wenig perplex, doch Ingrams Wahl ist richtig – erst als dritter Kandidat in der Geschichte der Show gewinnt er in jener Sendung im September 2001 die Million. Doch bald kommt heraus: Ingram hat betrogen. Aus dem Publikum unterstützen ihn zwei Komplizen, die bei den richtigen Antworten husteten und dem Kandidaten so ein Zeichen gaben. Bis heute beschäftigt der Fall das britische Fernsehen – und auch die Justiz.

Fast 19 Jahre später hat der Sender ITV die Geschichte des aufsehenerregenden Betrugs als Mini-Serie verfilmt. Ingram hat es in der Zwischenzeit auf der Insel zu einer Art B-Promi geschafft. Nach seinem Fernsehauftritt wurde der ehemalige Major aus der Armee entlassen und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Danach startete er eine zweite Karriere als Schriftsteller. Nun wird in Großbritannien wieder diskutiert: Hat Ingram sich die Million damals wirklich erschlichen oder hatte er einfach Glück?

"Who Wants To Be A Millionaire": Mit Husten zur Million

Noch während der Aufzeichnung der Sendung am 9. September 2001 waren den Produzenten Zweifel gekommen. Die ersten Fragen hatte Ingram mit Mühe, Not und etwas Rateglück überstanden, danach sollte die Aufzeichnung am nächsten Tag fortgesetzt werden. Im zweiten Teil allerdings, als es um immer mehr Geld ging, entwickelte Ingram einen regelrechten Lauf. Frage um Frage konnte er richtig beantworten. Auffällig war allerdings, dass im Hintergrund immer wieder ein Husten zu hören war.

Mit seiner Frau Diana Ingram und Tecwen Wittock, einem anderen Kandidaten, der es nicht auf den heißen Stuhl geschafft hatte, hatte sich Ingram nämlich einen Trick überlegt, mit dem sie es gemeinsam bis zur Million schaffen wollten: Wer die richtige Antwort zu einer Frage kannte, sollte dann husten, wenn sie vorgelesen wird. In der Aufzeichnung der Sendung ist zu hören, wie genau das immer wieder passiert. Probleme gab es lediglich bei der 32.000-Euro-Stufe, einer Musikfrage: Der Royal-Army-Major musste einen 50:50-Joker nehmen, dann kam doch noch der Huster an der richtigen Stelle – von seiner Ehefrau.

Bewährungsstrafen für Quizbetrug

Das auffällige Husten hatte die Verantwortlichen der Sendung schon vor der Millionenfrage misstrauisch gemacht. Wenige Tage nach der Aufzeichnung wurde Ingram mit den Vorwürfen konfrontiert, die Staatsanwaltschaft nahm die Ermittlungen auf, das Trio landete vor Gericht. Das Preisgeld wurde nie ausgezahlt. Alle drei wurden 2003 zu Bewährungsstrafen verurteilt, bestreiten den Betrug aber bis heute.

Sein Leben sei seitdem die "Hölle auf Erden", ließ Ingram in den Jahren danach immer wieder die Medien wissen: Nachdem der Quizshow-Betrug aufgeflogen war, hatte ihn die Royal Army aus dem Dienst entlassen. Der ehemalige Major beteuert nach wie vor, dass ihm der Millionengewinn rechtmäßig zustehe. Auch sein Komplize Tecwen Wittock, damals College-Dozent und ein erfahrener, wenngleich erfolgloser Quizshow-Teilnehmer, bestritt die Vorwürfe: "Ja, ich habe gehustet, als der Major auf dem heißen Stuhl gesessen hat. Aber andere Leute im Studio haben das auch getan."

Um mit dem Betrugsversuch durchzukommen, hätte es ein "Genie" gebraucht, meint Quizmaster Chris Tarrant, der Ingram damals die Fragen stellte. Das sei Ingram aber nicht gewesen. Ob sich der heute 58-Jährige den Gewinn erschlichen hat oder nicht, bleibt in der britischen Öffentlichkeit umstritten. Immer wieder wird der Fall neu diskutiert, nach einer vielbeachteten Dokumentation wurde die denkwürdige Sendung in einem Theaterstück nachgestellt. Daraus ist die Mini-Serie entstanden, die ITV, der Sender, der auch "Who Wants To Be A Millionaire" ausstrahlt, in den vergangenen Tagen zeigte.

Ingram will Schuldspruch vor Gericht anfechten

Moderator Tarrant beharrt weiter auf der Schuld von Ingram. Der Quizshow-Kandidat hingegen hat angekündigt, gemeinsam mit seiner Frau den Schuldspruch erneut anzufechten. "Nachdem ich sie getroffen und mit ihnen gesprochen habe, weiß ich, dass sie es nicht getan haben", sagte Rhona Friedman, die Anwältin des Ehepaars, dem "Guardian". Ihre Argumentation stützt sich dabei auf neue Analysen der Audioaufnahmen der Sendung, die in dem Prozess das wichtigste Beweismittel waren.

Charles Ingram und seine Frau Diana am Rande des Prozesses 2003
Charles Ingram (r.) und seine Frau Diana am Rande des Prozesses 2003
© Stefan Rousseau / Picture Alliance

Es sei nun technisch möglich zu zeigen, dass während der Sendung auch andere Zuschauer gehustet hätten und der angebliche Komplize Wittock sich auch an Stellen geräuspert hätte, an denen Ingram nicht die entsprechende Antwort gegeben hätte. Auch die neue Mini-Serie bietet zumindest Anhaltspunkte für die Unschuld Ingrams, von der danach viele Zuschauer überzeugt waren. Unterstützer haben bereits eine Online-Petition gestartet.

Im Fernsehen war die umstrittene Folge übrigens nie zu sehen. Zwei Tage nach der Aufzeichnung fanden in New York die Anschläge auf das World Trade Center statt, die Sendung wurde daraufhin ausgesetzt. Danach hatten sich die Vorwürfe bereits so weit erhärtet, dass Ingrams Millionengewinn nicht mehr gezeigt wurde. 

Quellen: "Who Wants To Be A Millionaire" auf Youtube / BBC / "Vice" / "Guardian" / "Quiz" auf ITV


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