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CSI: Original und Fälschung

Nachgemacht wird gern, doch im Kopieren ausländischer Erfolgsserien waren die hiesigen Fernsehmacher nie wirklich gut. Vieles floppte - auch deshalb, weil es uns an Hollywoodpersonal mangelt. Nun versucht man sich an einem deutschen "CSI". Wie soll das gut gehen?.

Mag ja sein, dass der liebe Gott die Coolness einfach ungerecht verteilt hat. Ben Cartwright und seine Söhne kämpften auf der Ponderosa für Gerechtigkeit, während heimische Förster in Silberwäldern auf die Pirsch gingen; Charlie hatte drei Engel, wir drei Damen vom Grill; Tölz bekam den Bullen ab - Miami, Las Vegas und New York die lässigen Hunde vom CSI.

Thanks, America, für eure Serien-Care-Pakete. Aber die hiesigen Sender möchten doch gern selbst cool sein! In ihrer Not raunen die Programmchefs mit hochgeschlagenem Mantelkragen Autoren und Produzenten zu: Hey, du, pssst - mach uns mal ein deutsches Soundso.

Das Soundso war eine Zeit lang die amerikanische Schönheitschirurgenserie "Nip/Tuck". RTL ließ sie zum Carsten-Spengemann-Debakel "Beauty Queen" umoperieren. Selbiger Sender verbrach, inspiriert vom Mystery-Kracher "Lost", den Insel-Schwachsinn "Verschollen". Und das ZDF baute sich nach dem Vorbild von "The West Wing", das im Weißen Haus spielte, ein quotenschwaches "Kanzleramt".

Jüngste Parole: Bastelt uns ein deutsches "CSI"! Darf natürlich keine zweieinhalb Millionen Euro pro Folge kosten wie das Original; höchstens so viel wie ein "Tatort", so 1,2 bis 1,8 Millionen, besser nur eine dreiviertel Million, so viel wie die Freitagskrimis im ZDF.

RTL ließ sich jüngst die Serie "Post Mortem" maßschneidern. Die läuft voraussichtlich ab Januar, Hannes Jaenicke spielt den leitenden Oberarzt am Kölner Institut für Rechtsmedizin. Zur Seite stehen ihm: eine Knochen-Fachfrau, eine DNA-Spezialistin, ein Experte für ärztliche Behandlungsfehler, Schnitt- und Stichwunden und ein Assistenzarzt. Und, o Wunder: Es ist deutsch, kostet nicht ein Drittel so viel wie "CSI" - und sieht dennoch nicht peinlich aus. Flotte Schnitte. Die Kamera ruckelt, wackelt und zoomt, da hat wohl jemand gern "24" geschaut, die Echtzeitserie mit Kiefer Sutherland. Genüsslich fährt sie an halb vergammelten Leichen entlang und verfolgt, wie Projektile aus menschlichen Innereien rausgepult werden.

Die Kölner Rechtsmediziner sind bewaffnet mit Pipetten und ultramodernen Computern, auf denen ein 3-D-Abbild der Leichen erscheint. Und kombinieren können sie so raffiniert wie die amerikanischen Kollegen: Hmmm, die Beckenform, das muss eine Frauenleiche sein; ah, Schambeinfugen von der Männerleiche, der Tote war zwischen 30 und 39 Jahre alt; die Arme, grübel, grübel, die wurden abgetrennt, und zwar mit einer elektronischen Säge vom Typ XY. Ein Blutstropfen führt zum Täter.

Sat 1 indes dreht seit Ende Oktober die Serie "R.I.S.". Das steht für - Achtung: "Rechtsmedizinische Investigative Sonderkommission", die in Berlin angesiedelt ist. Zum Team gehören ein Molekulargenetiker, eine Pathologin und eine Informatikerin. Vorbild ist eine italienische Krimiserie, die bereits in Frankreich adaptiert wurde - aussehen aber soll es wie eine USProduktion. Wie ausgestanzt sollen die Figuren in einigen Szenen vor unscharfem Hintergrund erscheinen oder aus der Dunkelheit heraustreten. Bis ins Kleinste haben die Macher "CSI" studiert, ausgewählte Szenen und Standbilder analysiert, um dem schicken, angenehmen Licht möglichst nahe zu kommen.

Fein, das alles. Ambitionierter als 80 Prozent dessen, was Sat 1 und RTL sonst übers Jahr so fabrizieren. Nur: Berlin ist nicht New York. Köln nur halb so sexy wie Las Vegas. Und Hannes Jaenicke, bei aller Schauspielkunst, nicht annähernd so leger wie der angesagteste aller Sonnenbrillenträger, David Caruso, in "CSI: Miami". Wer mit der Leichenfledderei der Amerikaner nichts anfangen kann, den lässt auch die einheimische Pathologie kalt. Und wer auf "CSI" steht, greift gleich zu den Originalen. Am liebsten auf DVD. Sorry. Ist einfach cooler.

Alexander Kühn / print