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Das Ende der Castingshows: Wer suchet, der schwindet

"Das perfekte Model", das gestern auf Vox mit miserablen Quoten endete, ist exemplarisch für den Untergang der Talentshows. Immer austauschbarer, immer erfolgloser: Das Phänomen Castingshow hat wohl ausgedient.

Von Katharina Miklis

Ein ganzes Land ist auf der Suche. Nach Topmodels, Tänzern, Sängern, Supertalenten und Schauspielern. Nach Frauen für Bauern und Schwiegertöchtern für verzweifelte Muttis. Köche, Hunde, Zauberer, Kanzler... Eigentlich gibt es kaum etwas, das in den letzten Jahren nicht in einer Castingshow gesucht und gefunden wurde.

Die Talentsuche im Fernsehen war ein Jahrzehnt lang ein Garant für Spitzenquoten, ein Erfolgsversprechen an eine Gesellschaft, die sich ganz der medialen Selektion verschrieben zu haben schien. Selbst die Öffentlich-Rechtlichen zogen nach. Auf den Voyeurismus der Zuschauer war Verlass, das Phänomen Castingshow eine geniale Geschäftsidee. Billig in der Produktion, effektiv in der Quotenauswertung und jung in der Zielgruppe. Bis jetzt. Denn in dem Castingland, in dem stets Milch und Quoten flossen, ziehen Wolken auf. Ob "Deutschland sucht den Superstar" oder "Germany's next Topmodel": Immer weniger Zuschauer geben sich den inszenierten Wettkampf für die Kameras, in dem Superlative versprochen werden und die Würde der Teilnehmer oftmals verloren geht. Die Quotenentwicklungen sind dramatisch. Hat das Prinzip Castingshow ausgedient?

Übersättigung nach dem Casting-Boom

Dass am DIenstagabend auf Vox die Finalshow von "Das perfekte Model" ausgestrahlt wurde, interessierte ebenso wenig Zuschauer, wie in den vergangenen Wochen. Eva Padbergs Abklatsch von Heidi Klums Modelsuche auf ProSieben war von Beginn an ein Flop und der Beweis, dass zu viele Castingshows eben doch zu einer Übersättigung führen. Die Marktanteile hatten Gottschalk-Live-Niveau. Nach dem Finale will man bei Vox beraten, ob es eine zweite Staffel geben wird. Es ist davon auszugehen, dass es dazu nicht kommen wird. Das Scheitern liegt nicht allein an der uninspirierten Kopie. Auch Klums Suche nach einem Supermodel schwächelt in der siebten Staffel. Wer suchet, der schwindet. Von alten Rekorden ist der Münchner Sender weit entfernt. Klums Hypothese "Es kann nur eine geben" ist längst überholt. Es gibt mittlerweile sogar viel zu viele von "der einen". Gecastete "Topmodels" und "Superstars" überschwemmen das Privatfernsehen und landen schließlich beim "Promi Dinner" oder im "Dschungelcamp". Die Illusion, dass es jeder ganz nach oben schaffen kann, reizt nicht mehr. Was will man da oben, wenn es unten ist?

Es werden keine Träume mehr verkauft

Dass nach dem Finale solcher Shows weder die große Karriere wartet, noch der Ruhm bleibt, dürfte mittlerweile jedem Zuschauer klar geworden sein. Wer erinnert sich heute noch an die letzten Gewinner von "DSDS" oder "Popstars"? Es stellt sich die Frage, was noch bleibt, wenn Castingshows keine Träume mehr verkaufen können. "Das Supertalent", "X Factor", "Popstars", "Unser Star für Baku" - sie alle sind zu Sorgenkindern des Fernsehens geworden. Vorbei die Zeiten, in denen das Aussieben von Freaks ein Selbstgänger war. Nur noch selten wird auf hohem Niveau gejammert: "Let's dance", das Tanzcasting bei RTL, ging in der vergangenen Woche mit einem Marktanteil von 18,7 Prozent in der jungen Zielgruppe an den Start. Solide Zahlen. Jedoch: Noch nie war der Auftakt schwächer.

Ist es allein das Demütigungs- und Vorführungsfernsehen, das ausgedient hat? Wohl kaum. Selbst die hochgelobte Show "The Voice of Germany", in der den Teilnehmern ungewohnt viel Respekt von der Jury zukam, konnte auf Dauer nicht überzeugen. Am deutlichsten wird der Untergang des Formats an der Mutter aller Castingshows, "Deutschland sucht den Superstar". Fast 13 Millionen Zuschauer schalteten das erste Finale im März 2003 ein. Heute kratzt Dieter Bohlen gerade mal an der Fünf-Millionen-Marke. Dass RTL in den vergangenen Staffeln immer mehr auf Sozialdramen und Tragödien der Kandidaten setzte, konnte das schwindende Interesse vor den Fernsehgeräten nicht stoppen. Innerhalb einer Woche verlor Bohlen am vergangenen Wochenende eine Millionen Zuschauer. Wie verzweifelt der Sender sein muss, zeigt das Bestreben, nun auch Kinder casten zu wollen. Ab sofort können sich auch Vierjährige bei "DSDS Kids" bewerben. RTL erschließt sich damit vermutlich die letzte ungecastete Gesellschaftsschicht. Ein Tiefpunkt. Und vielleicht das Ende.