HOME

Die Medienkolumne: Oh, wie schön ist Iguazu

Noch mehr Naturfilme und Tierdokumentationen zur Hauptsendezeit - das ist eine der neuen ARD-Programmideen. Für das Fernsehen ist das schön. Es kann in Bildern schwelgen. Welche Natursicht aber wird da televisionär transportiert?

Von Bernd Gäbler

Freitags zeigt "Das Erste" regelmäßig um 20.15 Uhr so genannte "frauenaffine" Stoffe aus ihrer Zuckerfabrik namens Degeto. Dienstags beglücken uns Klinikärzte, Winzer oder aktuell: "Tierärztin Dr. Mertens". Kitsch garantiert Quote. Am Montag aber gibt es ein Problem. Günther Jauch, der Mister ARD in spe, klaut mit seinem RTL-Millionärsquiz einfach die Zuschauer.

Also muss etwas verändert werden. Die Idee: "große, moderne Naturdokumentationen mit spektakulären Bildern" sollen das Publikum locken. Dieses Genre hat einen Vorteil: Es kann zu den "Informationsprogrammen" gerechnet werden. Schon spricht die ARD von einem "non-fiktionalen Montag." Bis zum April läuft er im Testbetrieb. Mit den Wasserfällen von Iguazu soll es losgehen; dann folgt ein Zweiteiler über das kanadische Yukon. Beide Themen sind nicht gerade Ausweis größter redaktioneller Anstrengung. Mehr als eine Million Touristen besuchen jährlich die Wasserfälle im Dreiländereck Brasilien-Argentinien-Paraguay.

Schon so manches ARD-Kamerateam war vor Ort, denn von Reisetipps bis zu Folgen von "Schätze der Welt" gab es schon einige ARD-Filme zum Thema. Vertreter von „Yukon-Tourism“ warben schon in der Service-Sendung "Kaffee oder Tee?" und unter dem Titel: "Als Robinson in den Rocky Mountains" wurde Jo Bentfelds Kanadabuch ebenfalls in der ARD verfilmt. Die Absicht liegt also nicht so sehr darin, die Zuschauer zu neuen Erkenntnissen zu führen, sondern ihnen "spektakuläre Bilder" vorzuführen.

"Unser blauer Planet" als paradiesisches Paradigma

Das auf visuelle Reize angewiesene Fernsehen und die Natur passen wunderbar zusammen. Die ARD-Programmgestalter konnten sich davon zuletzt überzeugen, als sie sich entschlossen, den mit sehr großem Aufwand produzierten BBC-Mehrteiler "Unser blauer Planet" ins Programm zu nehmen. Wohl dem, der einen Fernseher mit Einzelbildschaltung hatte: jedes Frame ein Poster! Die Bilder waren so überwältigend, dass man als Zuschauer aus dem bewundernden Staunen kaum herauskam. Die ARD löste so vorübergehend ein Programmplatzproblem und kurbelte auch den DVD-Verkauf gehörig an.

Ob Tiefsee oder Piranhas; auf weißem Gletscher einsam kämpfende Steinböcke oder filigrane Quallen; Flussdelta oder Regenwald - die Serie war ein einziger elektronischer Osterspaziergang, eine neuzeitliche pantheistische Huldigung an die Schöpfung. Hier, in der so genannten "unberührten Natur", gibt es sie noch: die tiefe Einheit von schön und gut. In religiöser Ergriffenheit wurde sie zelebriert. Für diese Natur gibt es einen Namen: Das Paradies. Wer genau hinsah, bemerkte auch, dass folgerichtig etwas auf Dauer fehlte, nämlich eine der komplexesten Hervorbringungen der Natur: der Mensch.

Die Zoo-Serie zur Erheiterung

Das ist in einer anderen telegenen Form der Naturdarbietung völlig anders. Tag für Tag, mindestens zur besten Stunde am Nachmittag, häufiger aber auch schon in den Abendprogrammen der "Dritten", bieten fast alle der föderal vernetzten ARD-Kanäle inzwischen den Gegenpol zu paradiesischen unberührten Natur: den Zoo. Angefangen hat es mit dem MDR, dessen Doku-Soap über den Leipziger Zoo zum überraschenden Quotenerfolg wurde. Hier konnte man noch den Eindruck gewinnen, dass insbesondere wegen des originellen, sich vor Tierliebe schier verzehrenden und so wunderbar sächselnden Pflegepersonals eingeschaltet wurde.

Aber nach dem Erfolg mussten umschichtig die ARD-Anstalten ran: Wilhelma und Allwetterzoo Münster; Frankfurt und Opelzoo Kronberg; Berlin gleich doppelt. Alles kommt vor: Geburt und Tod; Krankheit und Pflege; Spritzen und Füttern; Befruchtung und Aufzucht - und immer wieder: Wiegen und Verladen. Dies wird zusammen geschnitten in einem munteren Reigen von Episoden. Die Natur tritt uns entgegen als lustige Pluralität von Tierarten mit Erdmännchen und Pinguinen als Sympathieträgern; den schlummernd gefährlichen Bären und Löwen zum wohligen Schaudern und mit Hässlichen - wie Nacktmulle und Fingertier - zum Einüben von Toleranz.

Der Zoo als Natur für uns

Früher einmal diente der Zoo zur stolzen Präsentation kolonialer Eroberungen, des besiegten Wilden. Jetzt gibt er sich als Schutzraum. Was er anderswo zerstört, hier rettet es der Mensch hingebungsvoll. Er simuliert Natur als deren verbesserte Rekonstruktion. Jedem Zoobesuch haftet etwas Sentimentales an. Damit operiert auch das Fernsehen. Wir schauen dem Tier in die Augen, es schaut zurück und spiegelt uns etwas wider von unserer eigenen Naturhaftigkeit. Trotz aller Ähnlichkeit aber bleibt da ein Graben des Nichtverstehens. Er könnte ein Ansporn zu Erkenntnis sein. Die Zoo-Serie aber, die erheitern will, schüttet ihn flugs zu. Nicht selten werden die vermeintlichen Gedanken der Tiere durch eine meinungsfreudige Off-Stimme widergegeben. Das Tier wird humanisiert.

Paradies und Zoo - zwei telegene Reduktionen

Der Zoo ist der Gegenpol zum "blauen Planeten". Die Natur ist nicht mehr endlos und unberührt, sondern eingefriedet und für uns zurechtgeputzt. Sie ist klein und begrenzt. Der pflegende Mensch ist gut. Die große, die überwältigende Natur hat unberührt zu sein. Wir Adams und Evas wurden aus ihr vertrieben, denn wir sind Bösewichte, von denen alles Zerstörungswerk ausgeht. Nicht der deutsche Mischwald, Gegenden mit Ackerbau oder das Zusammenleben von Mensch und Tier sind Gegenstand der "spektakulären" Tierdokumentationen oder sinnenfroher Naturfilme, sondern Paradies und Zoo, religiöse Ergriffenheit und sentimentale Verniedlichung. Beides sind einseitige Reduktionen. Für das Fernsehen sind sie verführerisch.