Die Medienkolumne Premiere-Chef Kofler bleibt ein Raufbold


Im Laufe der vergangenen Woche gab es überraschende Aktionen an der Börse. Der Chef des Bezahlsenders "Premiere" verkaufte seine Anteile. Was bedeutet dies für das künftige Bezahlfernsehen? Und vor allem: bleibt Georg Kofler den Mediendiskussions-Podien erhalten?
Von Bernd Gäbler

Gewinn-Mitnahme. Die genaue Summe wüsste man ja schon gerne. Hat Georg Kofler, Vorstandsvorsitzender und gleichzeitig einziger Großaktionär des Münchener Bezahlsenders "Premiere", nun in einer Nacht 70 oder 90 Millionen Euro verdient? Auf jeden Fall war es ein Coup. Da platziert der Mann, der wie kein anderer persönlich mit dem Schicksal seines Senders verbunden ist, mal eben seine 11,4 Millionen "Premiere"-Aktien am Kapitalmarkt und kassiert. Warum? Weil die dümpelnde Aktie gerade zu einem Höhenflug angesetzt hatte. Die frische Wertsteigerung spült Geld in die Kasse. Von "Gewinn-Mitnahme" sprechen die Börsenberichterstatter dann sachlich-fachlich.

Macht-Kampf.

Georg Kofler spannte sofort das eigene Portemonnaie auf, nachdem sich sein Sender Premiere mit "Arena", dem jungen, finanzstarken und erbitterten Konkurrenten auf dem Pay-TV-Markt, der Premiere für teures Geld die Live-Rechte an der Fußballbundesliga weggeschnappt hatte, auf weitgehende Kooperation verständigt hatte. Das verschaffte der "Premiere"-Aktie die Wertsteigerung. Mit Koflers Verkaufsaktion schickte er sie gleich wieder in den Keller. Viel wichtiger aber: hinter den Kulissen gab es eine gehörige Machtverschiebung. Zwar reinvestierte Kofler als Zeichen des guten Willen sogleich wieder 20 Millionen Euro in Premiere, besitzt jetzt aber nur noch etwas mehr als 1 Prozent des Unternehmens. Zuvor waren es 11,6 Prozent.

Großaktionäre sind wichtig, weil man allein mit Streubesitz keine feindlichen Übernahmen abwehren kann. Jetzt hat Premiere einen neuen Großaktionär: 16,7 Prozent von Premiere gehören neuerdings Unity Media, also der Muttergesellschaft des Pay-TV-Konkurrenten "Arena". Steht da perspektivisch eine Übernahme bevor? Bereitet gar Georg Kofler mit der Verflüssigung seines privaten Geldes den Ausstieg vor. Sein Vertrag ist noch bis 2009 datiert.

Bezahlfernsehen kommt: eher langsam als gewaltig. Kofler dementiert. Er bleibe bei Premiere. Tatsächlich ist es fast ein Wunder, wie sehr sich Premiere gehalten hat. Kofler setzte auf eine Hochpreisstrategie und brauchte deswegen exklusive Inhalte. Er tat dies nicht aus bösem Willen, sondern weil sich Bezahlfernsehen hierzulande nur so rechnen kann. Darum zog er so gerne und so wenig diplomatisch gegen das seinen Gründungsauftrag überdehnende öffentlich-rechtliche Fernsehen zu Felde. Dies war fast immer vergnüglich. Vor allem wollte er die Sportschau am Samstag um 18 Uhr zurückdrängen. Als internationale Private-Equity-Firmen "Arena" formten und dieser neue Sender sogleich Premiere beim Einkauf der Live-Rechte an der Fußball-Bundesliga ausbootete, musste Kofler folglich viel Häme einstecken. Es schien als hätte er eine zu dicke Lippe riskiert, als sei Selbstbewusstsein umgeschlagen in Arroganz, als hätte er sich schlicht verzockt.

Da mag etwas dran sein. Tatsächlich aber musste er auch rechnen. Beliebige Summen standen ihm nicht zur Verfügung. So leicht ist es aber nicht, bei niedrigeren Abo-Preisen und weniger Abonnenten bedeutend höhere Rechtekosten wieder einzuspielen. Das lernt jetzt gerade "Arena". Mit welchen Mittel auch immer - es ist nämlich nicht leicht, sich "Premiere" zu entwinden, wenn man erst einmal in die Fänge eines Abos geraten ist - hat es "Premiere" geschafft, den Abonennten-Rückgang nach Verlust der Bundesliga nicht im freien Fall enden zu lassen, während es "Arena" sichtlich schwer fällt, größere Fortschritte zu machen. Gut die Hälfte der rund eine Million Neu-Abonennten wurde über "Premiere" akquiriert. Das Kooperationsabkommen fixiert diese Kräftekonstellation. Und jetzt schon ist klar, dass "Arena" bei Strafe des Untergangs darauf angewiesen ist, auch für die nächste Periode wieder die Bundesligarechte zu erwerben.

Wie weiter?

Weltweit ist kein Fernsehmarkt so sehr von der Stärke der gebührenfinanzierten Sender geprägt wie der hiesige. Der Gedanke, direkt für das zu zahlen, was man auf der Mattscheibe konsumiert, wird sich irgendwann durchsetzen, aber es dauert. Die Gewinnerwartung ist groß, aber der Weg ist lang. Nicht einmal jeder zehnte Haushalt kennt Pay-TV. Vermutlich ist deswegen scharfe Konkurrenz auf diesem Teilmarkt vorerst kaum zu verkraften. Gegen ein Monopol dürfte aber das Kartellamt Einspruch erheben. Also ist die gleichzeitige Existenz von zwei Sendern, deren abgemilderte Konkurrenz, der Wechsel der Waffen vom Colt zum Wattebausch typisch für diese Zwischenperiode. Es kann sein, dass die Private-Equity-Strategen im Hintergrund auf Dauer bei beiden Marken, auch wenn sie formell getrennt existieren, die Fäden ziehen wollen. Für den Konsumenten muss es noch einfacher, schneller, technisch simpler werden - das wäre auch damit noch längst nicht sicher.

Bleibt Kofler?

Für diesen Fall wäre es aber unwahrscheinlich, dass Georg Kofler, der es entgegen vieler Prognosen geschafft hat, den Bezahlsender aus der Konkursmasse von Leo Kirch herauszulösen und an die Börse zu bringen, bleibt und fremden Herren dient. Sein Aktiengeschäft habe er nur getätigt, bekundet er, weil er damit Bankdarlehen für übernommene Premiere-Altschulden ablösen und so auch persönlich als Investor und Unternehmer wieder beweglicher werden wollte. Dauerhaftes Vertrauen erklärt man anders.

Es wäre schade, wenn Georg Kofler der Medienszene verloren gehen würde. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Anders als in der langweiligen Konsens-Demokratie üblich, markiert er klar seine Interessen. Jedes Podium mit ihm ist lebhaft. Er ist ein Raufbold, vermutlich auch ein Gauner und Schlitzohr, aber einer, der als kantiger Kerl in die Riege der Markanten passt, die von Helmut Thoma bis Rupert Murdoch und Sumner Redstone reicht. Erfrischend sprengt er die heute übliche Diplomatie zwischen öffentlich-rechtlichen Repräsentanten und Vertretern des Verbandes der Privaten Sender (VPRT). Die Geschäftsführer der Privat-Equity-Firmen treten dagegen stets auf wie ihre gut frisierten Laptops. Sie verraten nur, was sie nicht verbergen können, sind stets verhalten optimistisch, wohl sortiert und emotionsfrei wie ihre Aktentaschen. Karl Marx hätte sie wohl als "Charaktermasken des Kapitals" bezeichnet. Hoffen wir also, dass dies ein verfrühter Abschied auf den kapitalistischen Gefühlsmenschen Georg Kofler ist.


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