HOME

Die Medienkolumne: Problembär Gabriel - und die Synergien

"Synergie" ist das Traumwort vieler Medien-Macher. Aber das Leben zeigt: so einfach ist das gar nicht. Die vergangene Woche bot Anschauungsmaterial für Synergien, gelungene, versuchte, aber auch etwas peinliche.

Von Bernd Gäbler

Synergie crossmedial. Das ist die schwierigste Übung. Eine Synergie hinweg über die Grenzen unterschiedlicher Medien zu entwickeln. Die etwas simple Variante funktioniert in Maßen. Es gibt eine Fernsehsendung - sei es "Big Brother" oder "Deutschland sucht den Superstar" - dann fertigt man dazu ein Heftchen ("Wie lebt es sich wirklich im BB-Haus"? oder "DSDS - hinter den Kulissen"), das sich kurzfristig am Kiosk einwenig verkauft. Nach vielen Versuchen hat sich aber herausgestellt: Synergie crossmedial ist gar nicht so einfach. Synergien setzen den Respekt vor dem jeweils eigenen voraus.

Gute Synergie: Jennifer.

Sehr viel leichter ist es da schon, im gleichen Medium zu bleiben. Beschäftigt sich z.B. der ARD-"Tatort" am Sonntagabend mit Mädchenhandel, kann dies bei "Christiansen" im Anschluss hübsch diskursiv nachgearbeitet werden. Oft verkommt allerdings der eine Auftritt nur zum Programmhinweis für den nächsten. Souverän besser gemacht hat dies in der vergangenen Woche Vox, unser Lieblingssender fürs Reisen, Wohnen und Essen. Eine der wenigen Sendungen im Deutschen Fernsehen, in der sowohl normale Menschen wie gutes Deutsch vorkommen, heißt "Das perfekte Dinner".

Die 25-jährige Industriekauffrau Jennifer nahm teil. Am Donnerstag war sie als Gastgeberin und Köchin an der Reihe. Bei Vox gibt es auch eine Sendung, die heißt "Wohnen nach Wunsch". Unterstützt von der beredten und erstaunlich behende bastelnden Moderatorin mit dem Künstlernamen Enie van de Meiklokjes gestaltet eine Schar munterer Handwerker binnen Tagesfrist ein Zimmer völlig um. Amateur-Köchin Jennifer war nun schon darauf eingestellt, ihr Werk in einer engen und überladenen Küche verrichten zu müssen. Doch da half Sendung Nr. 2 der Sendung Nr. 1. Jennifer bekam in Windeseile eine neue Küche - und als sie am Ende der Woche im Kochwettbewerb nur den vierten Platz belegte, jubelte sie in die Kamera, immerhin sei die neue Küche ganz toll. Davon hatten also alle etwas: Jennifer, zwei Sendungen und der Sender Vox. Man darf dies eine gelungene Synergie nennen.

Versuchte Synergie: Fritz.

Der Küchenbau war am Mittwoch ausgestrahlt worden. Durchzogen war der Tag allerdings von Auftritten des scheidenden WDR-Intendanten Fritz Pleitgen. Er hatte Geburtstag. Der begann im Fernsehen um 7 Uhr 30 im ARD-Frühstücksfernsehen und schloss mit dem ersten Teil eines Huldigungsfilms um 23,15 Uhr ebenfalls im Ersten. Wollen wir nicht ungerecht sein. Natürlich ist dieser Mann zu würdigen. Natürlich kann man vor so einem großen Lebenswerk das Knie beugen. Natürlich darf er auch unmittelbar bevor dieser Würdigungs-Film ausgestrahlt wird, bei Harald Schmidt auftreten. Dort bemühte sich auch redlich um einen ironischen Tonfall. Über eine lange Strecke erzählte er von seiner Jugend in der westfälischen Stadt Bünde. Das hat alle Bürger in Bünde erfreut. Nur ein Problem gab es. Das im Anschluss folgende Filmwerk begann ebenso ausführlich mit eben jener Geschichte aus Bünde. Es war dann doch des Guten zuviel, eben nur eine versuchte Synergie. Auch ein großer Journalist muss eben nicht in jedem Fall sicheres Stilempfinden haben.

Am Rosenmontag, im Schlussbild der großen ARD-Karnevalsübertragung schunkelten drei Männer auf der Bühne: WDR-Intendant Fritz Pleitgen, verkleidet als "schwarzer Sheriff", sein Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, gewandet in irgendein Herrschaftsbrokat und noch einer, der aussah wie "Horst Schlämmer". Nur Kölner vermochten zu erkennen, dass dies keine Verkleidung war, sondern ihr Oberbürgermeister Fritz Schramma. Das war keine Synergie, sondern rheinischer Humor.

Peinliche Synergie: Knut und Sigmar.

In Deutschland gibt es kaum noch Kinder, aber jede Menge Bewusstsein über den Klimawandel. Da wärmt ein kleiner Eisbär die Herzen. Er ist so süß. Wirklich. Etwas anderes lässt sich auch kaum sagen über Knut. Am vergangenen Freitag nun durfte er erstmals hinaus ins Freigehege und vor die Kameras der Weltöffentlichkeit. Es gab zwei Live-Sendungen und rund um den Globus wurden Nachrichtensendungen zu einem liebevollen Stück "Emo-tainment".

Aber da drängte sich noch ein Problembär mit ins Bild: Umweltminister Sigmar Gabriel konnte der Versuchung nicht widerstehen, aus Knut auch noch einen kleinen positiven Synergieeffekt für sich selbst herauszuquetschen. Er hat sich dem Zoo aufgedrängt. Was hat er nur erwartet? Dass auch ihn nun alle "süß" finden? Man sieht förmlich den einsamen "Spin-Doctor", der energisch abgeraten hatte: Es ist doch peinlich, sich an alles dranzuhängen, was positiv besetzt ist. Iwo, wird der Minister triumphieren, ganz kurz hat Knut sich sogar von mir streicheln lassen. Jetzt soll Knut Maskottchen für eine Artenschutzkonferenz in Bonn (!) im Jahr 2008 (!) werden. Dann hat er Tatzen groß wie Bratpfannen, ist - wenn er sich aufrichtet - gut eineinhalb mal so groß wie unser Umweltminister und sicher schon fast so schwer. Das beste wäre: nach Bonn schickt Knut ein Foto aus der Kindheit.