HOME

"Die Ungehorsame" mit Felicitas Woll: Sat.1 punktet mit Prügel-Drama

Sat.1 hat einen Spielfilm über das brisante Thema häusliche Gewalt zur Primetime ausgestrahlt. Und wurde belohnt: "Die Ungehorsame" kam nicht nur bei Kritikern, sondern auch beim Publikum gut an.

Leonie (Felicitas Woll) wird von ihrem Mann geschlagen

Leonie (Felicitas Woll) wird von ihrem Mann geschlagen

"Sie haben nicht die geringste Vorstellung davon, wie sehr man sich dafür schämt." So antwortet Leonie (Felicitas Woll) in Untersuchungshaft auf die Frage ihrer jungen Pflichtverteidigerin. Die Frage, warum sie bei den vielen Verletzungen durch ihren prügelnden Ehemann nie einem Arzt die Wahrheit gesagt habe. Leonie schiebt hinterher: "Und wie dankbar es andere aufnehmen, wenn man ihnen vom Fahrradunfall oder vom Unfall im Haushalt erzählt."

Das Drama "Die Ungehorsame", den Sat.1 am Dienstag um 20.15 Uhr ausgestrahlt hat, zielt ins Herz familiärer Finsternis: Es geht darin um Unterdrückung, Kontrolle und Demütigung. Um körperliche und verbale Gewalt. Und um Vergewaltigung. Das alles in einem gutbürgerlichen, schick gestylten Haus, hinter dessen Fassade kaum einer so etwas vermuten möchte. 

Es ist leider ein Alltagsthema. So sollen nach der Studie "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland" (2004) rund 25 Prozent der Frauen im Alter von 16 bis 85 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt durch Partner erlebt haben. Das zieht sich durch alle Gesellschafts- und Bildungsschichten. Allein in Berlin rückt die Polizei 35 Mal pro Nacht zu entsprechenden Einsätzen aus. Auch ist die Scheu, sich gegenüber anderen zu offenbaren, nach wie vor weit verbreitet.

Bis zum tödlichen Ende

Der Privatsender Sat.1 arbeitet daher mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Jugend zusammen und verweist im Abspann auf dessen Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen", das Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften anonym, kostenfrei und rund um die Uhr Rat bietet. Unter der Nummer 0800 0116 016 sowie im Internet unter www.hilfetelefon.de.

Im wahrsten Sinne schlicht und ergreifend, mit überaus einfühlsamen Darstellern - allen voran Woll sowie Marcus Mittermeier als Ehemann - schildert Regisseur Holger Haase nach dem Drehbuch von Michael Helfrich Jahre einer fundamental gestörten Verbindung bis zum tödlichen Ende. Denn "häusliche Gewalt entsteht nicht in drei Monaten", wie Ivo-Alexander Beck, Ideengeber und mit Ninety Minute Film GmbH Berlin auch Produzent, im Presseheft erklärt.

Ausgehend vom Prozess gegen die Goldschmiedin, die ihren Mann, einen Kardiologen, mit einem Küchengerät erstochen hat, ist in Rückblicken der launige Beginn ihrer Liebesgeschichte auf einer Silvesterparty ebenso zu erleben wie andere glückliche Momente des Paares, zu dem noch Leonies Sohn aus einer früheren Beziehung gehört.

Kühle Ästhetik

Liebe ist ironischerweise bis zuletzt im Spiel - was es der Frau erschwert, aus ihrer Ehehölle zu fliehen. Stattdessen wirft Leonie sich vor, alles falsch zu machen. Und sieht voller Mitleid in ihrem Peiniger auch das Kind von einst, das regelmäßig vom Vater misshandelt wurde, während die Mutter zusah.

Die in kühler Ästhetik verpackte Geschichte richtet sich zwar an ein breites Publikum, lässt es dennoch nicht an psychologischer Feinheit vermissen. "Ich habe die Rolle angenommen, um darauf aufmerksam zu machen, wie weit es nicht gehen darf", sagte Leonie-Darstellerin Felicitas Woll ("Berlin, Berlin", "Schneewittchen muss sterben") im Sat.1-Interview. Die Scheu vieler geschundenen Frauen, sich Hilfe zu holen, erklärt sich die im Film fast ungeschminkt agierende 35-jährige Woll - privat alleinerziehende Mutter - mit deren fataler Gefühls-Gemengelage. "Angst lähmt. Man hat das Gefühl, sich nicht mehr bewegen zu können. (...) Und man fühlt sich ab einem bestimmten Punkt selbst für die Situation verantwortlich. Und hofft immer wieder, dass alles besser wird."

Der Mut, dieses heiße Eisen anzupacken, hat sich für Sat.1 geloht: 3,53 Millionen Zuschauer wollten den Film am Dienstagabend sehen. Das entspricht einem überdurchschnittlichen Marktanteil von 11,2 Prozent.

che/DPA / DPA