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Die Medienkolumne: Starke Frauen durchmessen die Geschichte

"Die Flucht" - so heißt das neue TV-Bilderbuch von "teamworx", der Historien-Melodram-Schmiede des neudeutschen Geschichtsbewusstseins. Dazu gehört: Nicht mehr Männer machen Geschichte, sondern starken Frauen. Aber hat sich das Frauenbild tatsächlich verändert?

Von Bernd Gäbler

Jetzt reicht es. Maria Furtwängler lässt sich in der "Bunten" sogar mit Reitstiefeln und Gerte von Karl Lagerfeld ablichten, weil sie doch die ostpreußische Gräfin Lena von Mahlenberg spielt. Keine Rolle sei ihr je wichtiger gewesen, beteuert sie. Veronika Ferres übersteht in der TV-Adaption von "Neger, Neger, Schornsteinfeger" als Mutter eines dunkelhäutigen Hamburger Jungen die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte. Felicitas Woll verliebt sich in "Dresden" über den Schützengraben hinweg in einen britischen Bomberflieger, der sie sogar mit einem Bauchschuss im Leib körperlich zu verwöhnen versteht. Nadja Uhl dagegen gibt wiederum eine Mutter. Sie schafft es, obwohl selber verfolgt, ihren jüdischen Sohn, den kleinen Michael Degen, in der Romanverfilmung von "Nicht alle Deutschen waren Mörder" vor den Nazi-Schergen zu retten. Das sind die Schauspielrinnen, die einige der Frauenrollen verkörpern, wie sie für die jüngsten Geschichts-Melodramen typisch geworden sind.

Die Frau steht im Zentrum. Bei "Stauffenberg" oder "Heinrich Schliemann", einem Bio-Picture über "Axel C. Springer" oder Herbert Wehner war dies schlechterdings noch nicht möglich, aber seit neuestem sind diese Frauenfiguren stets die Heldinnen der Historienfilme. Auf ihren Gesichtern ruht die Kamera. Sie stehen im Zentrum. Diese Gewichtsverlagerung weg von den Männern deutet schon ein wesentliches Merkmal der neueren deutschen TV-Geschichtswerke an: nicht mehr die Machtspiele und Staatsaktionen sollen im Zentrum stehen, sondern deren Wirkung im Alltag. Nicht nur die Mächtigen, nein, jedermann kann handeln und steht vor moralischen Entscheidungen, so lautet das geschichtsdidaktische Credo. Im Alltag, im Zentrum des Betroffenseins, da, wo das Schicksal an die Tür klopft oder gewendet werden kann, steht eine Frau ihren Mann. Hier scheint es zugleich besonders gut möglich zu sein, darzustellen, wie in der Stunde der Bewährung dem Einzelnen besondere Fähigkeiten zuwachsen, Grenzen gesprengt werden, die Person zur Persönlichkeit reift.

Der Triumph alter Rollenklischees. Wenn Frauen so sehr im Schnittpunkt der großen geschichtlichen Linien stehen, ja diese selber in Bewegung setzen, könnten daraus großartige Frauenrollen, differenzierte Charaktere, mitreißende Schauspielkunst hervorgehen. Leider ist in der Regel das Gegenteil der Fall. Dies liegt nicht allein an den durchaus begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten etwa von Maria Furtwängler und Veronika Ferres, sondern auch an den angebotenen Rollenmodellen. Ob in der "Flucht", in "Dresden", der "Sturmflut" oder der "Luftbrücke", sobald die Frau auch Erotik spielen darf, ist sie hineingerissen in eine Dreiecksgeschichte. Es gibt die Liebe, die versprochen ist, verbindlich sein soll, Anstand oder Pflichtgefühl entspricht. In ihr kann Frau nicht Frau sein. Eine Chance hat nur, wer den lodernden Eros in ihr weckt.

Also gibt es als Gegenmodell die feurige Liebe, den Abgrund von Trieb und Begehren. Zunächst wird diese Liebe diszipliniert in die Schranken gewiesen, weil sie dem Falschen gilt, dem Feind, dem Engländer, Franzosen oder Amerikaner. Weil die Liebe aber dazu da ist, die jeweils geschichtsdidaktisch wünschenswerte Versöhnung der Völker individuell zu antizipieren, geht sie am Ende mit bebender Brust, glühenden Blicken und wehenden Haaren jeweils doch noch in Erfüllung. Auf diese Weise hat Bettina Zimmermann in der "Luftbrücke" ihren amerikanischen Fliegeroffizier zu küssen, Maria Furtwängler den ehemaligen französischen Fremdarbeiter, der nun als Angestellter des alliierten Kontrollrats adrett uniformiert auch für die künftigen Bundesbürger das Zivilisationsmodell abgibt. Und so jagt die verschrammte Felicitas Woll durch das brennende Dresden ihrem britischen Flieger hinterher. Soll niemand sagen, dass dies das Abbild selbstbewusster Frauen sei. Hier regiert der Schematismus frauen-affiner "romantic movies", hingeworfen auf eine jeweils relativ beliebige historische Folie.

Feurige Geliebte oder kuhäugige Mutter. Traditionell weniger Eros wird jenen Frauen gestattet, die in historischer Bewährung nur eines ganz und gar zu sein haben: Mutter. Veronika Ferres herzt und liebt ihren kleinen dunkelhäutigen Sohnemann, dass es nur so eine Art ist. Nadja Uhl immerhin vermag die mutigen Rettung ihres jüdischen Sohnes insofern plausibler zu motivieren als sie selber rassisch verfolgt wird. In beiden Plots aber ist ebenfalls das Frauenbild von gestern. Dabei geht es nicht darum, die Reduktion der Frau auf ihr Mutterdasein zu kritisieren. Wenn es darum geht, vor allem das eigene Kind zu retten, kann dies durchaus ein lebensnahes Konstrukt sein. Geschichtsdidaktisch verhängnisvoll ist dagegen etwas anderes.

Implizit leben gerade die beiden Romanverfilmungen zum Nationalsozialismus - "Neger, Neger Schornsteinfeger" wie "Nicht alle Deutschen waren Mörder" - von einem gefährlichen Irrtum. Nicht Rationalität oder Gewinn politischer Einsicht, sondern der naturgegebene Mutterinstinkt soll es sein, der die Protagonistinnen zum Widerstand treibt und befähigt. Darum kann Veronika Ferres endlos das kuhäugige Muttertier spielen und ist nicht trotzdem, sondern gerade deshalb die Gute. Absurd. So legitim es ist, den einfachen menschlichen Anstand zu betonen, ihn womöglich sogar als der klugen Gelehrsamkeit überlegen zu zeigen; so wahrhaftig wäre es doch zu zeigen, wie sehr "Mutterschaft" gerade zum funktionierenden Identifikationsangebot der Diktatur gehörte.

Interessant sind die anderen.

Obwohl also die Frauen die Heldinnen und Hauptfiguren sind, ist ihre Rolle als glühende Geliebte oder kämpfende Muttertiere relativ langweilig. In beiden erwähnten Filmen zur NS-Zeit sind zwei Männer interessanter. Jürgen Tarrach spielt sehr differenziert einen der seltenen jovialen und menschenfreundlichen Nazi-Mitläufer und Axel Prahl erfährt als schuldiger Eisenbahner, der KZ-Züge lenkt, den Tod seines Sohnes. Das sind Rollen! Und beide sind hervorragende Schauspieler. Natürlich soll Maria Furtwängler in der "Flucht" der Gräfin Lena von Mahlenberg als Inkarnation von ostpreußischer Disziplin und adligem Formbewusstsein das schmallippige Gesicht geben. Dennoch ist die Heldin eben immer nur Heldin und durchschreitet so unberührt die geschichtlichen Fährnisse, dass sie auch uns wenig anrührt.

Wie anders dagegen Angela Winkler, die in jeder Gesichtsfalte die Seelenregungen der zerrütteten Sophie Gräfin von Gernstorff zeigt und aus jeder Pore deren Wandel atmet. Das ist Schauspielkunst. Womöglich wäre dazu auch Gabriela Maria Schmeide in der Lage, der die Drehbuchautorin die Rolle der etwas dümmlichen Zofe "Babette" leider arg am Leib vorbei geschrieben hat.