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Dschungelshow: Im schwarzen Medienloch

Costa, Daniel und Lisa bestreiten das Dschungelfinale auf RTL. Warum das aber so viele Menschen interessiert, bleibt immer noch unklar. Betrachtungen eines Ignoranten.

Was macht einer, der "Big Brother" eher mit George Orwell als mit Zlatko und Westerwelle assoziiert, bei "Bachelor" eher an einen neuen Hochschulabschluss als an einen feurigen Lover mit roten Rosen denkt, in solchen Fernsehzeiten? Um nicht völlig aus dieser Medienwelt zu fallen, bleibt auch diesem bemitleidenswerten Zeitgenossen nichts anderes übrig, als um 22.15 Uhr einmal bei RTL hängen zu bleiben. Frei nach dem Motto: "Ich bin Zuschauer - Ich muss hier rein."

Rein in den australischen Dschungel, wo abgehalfterte Semistars, Nervensägen und Profilneurotiker freiwillig vor der Kamera das wilde Dschungelleben simulieren, sich allerlei Mutproben stellen müssen und sich vom Publikum zum Dschungelkönig wählen lassen wollen, um verloren gegangene Popularität und neue lukrative Vermarktungsmöglichkeiten zu gewinnen.

Rein in das Format also, das in kürzester Zeit die Welt zu verändern schien. Die gesamte Umwelt mutierte ja wie von Geisterhand in der letzten Woche zu kleinen Moglis: Freunde und Kollegen fachsimpelten engagiert wie selten über den besonderen Ekelfaktor von Kakerlaken, die "Bild"-Zeitung reservierte täglich ihren Aufmacher für Sex-Gerüchte und andere Gruselszenarien, die Tierschutzlobby versuchte mit Empörungsschreien verlorene Aufmerksamkeit wiederzugewinnen und Tugendwächter ebenso wie Medienverbände beklagten die Verletzung von Menschenrechten.

Was halten Sie von der RTL-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!"

Ein vielstimmiger emotionaler Aufschrei ging durchs Land. Und das nicht nur von denjenigen, die wirklich Grund zur Freude gehabt haben: den RTL-Verantwortlichen und der Telefongesellschaft. Da musste doch was dran sein. Millionen Menschen können nicht irren. Dachte man und stieg hinab in das intime Innenleben der Dschungelbewohner.

Von Nervensägen und anderen Gestalten

Und sah sich unvermutet den Helden gegenüber: dem hysterischen, beneidenswert talentfreien Daniel, Lisa, der komödiantischen Antwort auf Renate Schmidt, Caroline, die für den ästhetischen Mehrwert der Sendung verantwortlich zu sein scheint, und schließlich Käfer-Costa, der mit seinem Gringohut und seinem coolen Gesichtsausdruck immer so aussah, als ob er sich für einen Spaghettiwestern von Sergio Leone bewerben wollte. In der Rückschau war noch Werner dabei, inzwischen der berühmteste Fettbauch der Nation. Sie alle hatten wichtige Dinge zu besprechen. In geradezu Hobbescher Dimension. Es herrschte nämlich "Krieg, jeder gegen jeden" ("Bild"). Costa, der griechische Leitwolf, war sauer auf den tumben Jüngling Daniel, weil er sich als Gruppenleiter allzu diktatorisch verhalten hatte ("Was zu viele, ist zu viele"). Aber auch auf Werner, der den laut Eigenaussage "sehr reifen" Daniel immer verteidigt habe. "Kaum hat Daniel Furz gemacht, wird Werner happy", schmollte der griechische Barde.

Zum Glück für Costa war Werner rausgewählt worden und durfte nun bei den Moderatoren etwas "über Einsamkeit und Angst" faseln, die er in dem Camp erfahren habe und wie viel er gelernt habe und dass er jetzt einen Weißwein mit seiner Frau trinken und jetzt sogar ein Kind wolle und überhaupt. Wenn die Werbung nicht geschaltet worden wäre - der Böhm hätte wahrscheinlich die ganze lange Stunde gefüllt.

So musste man aber Caroline und Lisa bei ihrer Sternenjagd auf dem Weiher beiwohnen. Auf ihrer "höllischen Bootsfahrt" fiel wieder das obligatorische Ungeziefer auf die spärlich bekleideten Körper herab. "Iiihh", "Ekelhaft": Lisas und Carolines Klagen klangen mehr routiniert als wirklich berührt. Einziger Lichtblick für die Kameras in der unsäglichen Langweile: Die Blutegel eroberten praktisch jede Region des verschmutzten Körpers, so dass die notwendigen Reinigungaktionen gut verkäufliche Bildmotive boten.

Ach ja, gelesen haben sie dann auch noch. Sich gegenseitig vorgelesen. Aus Briefen von den Lieben aus der Heimat. Dort fuhr zum ersten Mal richtig Freude in Costas Gesicht, als er hörte, wie groß der Erfolg der Sendung in Deutschland sei. Er wird den persönlichen Imagegewinn wohl am nötigsten haben. Die "Bild"-Zeitung hat gerade in gewohnt investigativer Art und Weise Costas finanzielle Nöte offenbart. Vielleicht hilft ihm ja der Titel "Dschungelkönig" da raus - ein Titel, der sicher in einigen Karnevals- und Comedyshows ein paar Euro wert sein wird. Und sonst: Sein neuer, mit seinem Sohn Lucas aufgenommer Dschungelsong "Cordalis Djungle Beat" sollte auch nicht wie Blei in den Plattenläden liegen.

Unglaublich immer noch, wie viele Leute auch diese mit Nichtigkeiten gefüllte Folge erreichte. 7,88 Millionen Zuschauer sahen am Ende zu, wie Caroline Beil von den Zuschauern aus dem Camp gewählt wurde. Das entspricht einem Marktanteil von 44,9 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe. Kein Wunder, dass die Fernsehanstalten - dem ökonomischen Imperativ folgend - schon die Fortsetzung planen. Medienberichten zufolge startet demnächst auch eine weitere Extremsendung. Sie soll den Titel "Fear Factory" tragen und läuft in anderen Ländern schon sehr erfolgreich. Unter anderem soll es dabei um das Auslutschen von Schafsaugen gehen. Es scheint wohl nicht zu verhindern sein. Außer, man schaltet einfach nicht mehr ein. Zu wünschen wäre es.

Christoph Marx
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