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DSDS: Die Schlange hat es versaut

Überraschung am Samstagabend: Oberzicke Annemarie Eilfeld ist im Halbfinale von DSDS ausgeschieden. Grund für ihre Vertreibung aus dem Casting-Paradies waren zwei miserable Auftritte und - was könnte passender sein? - eine Riesenschlange.

Von Björn Erichsen

Kein Tag ohne "Bild"-Schlagzeile über Annemarie Eilfeld. In dieser Woche veröffentlichte das Boulevard-Blatt das große Friedensangebot der DSDS-Zicke: Die Aussöhnung mit Dieter Bohlen sei ihr ein Herzenswunsch, allein schon wegen der Harmonie in der Show. "Ich habe alle seine Bücher gelesen - ich finde, wir sind uns ziemlich ähnlich", charmierte die Blondine in Richtung Bohlen. Und ließ sich obendrein noch mit einer goldenen "DIETER"-Kette um den Hals ablichten.

Hat die friedenswillige Annemarie bei ihrem Studium der bohlenschen Ergüsse etwa überlesen, dass der Brachial-Egomane aus Tötensen seit Ende der goldenen Modern-Talking-Zeiten auf Leute mit Namenskettchen gar nicht gut zu sprechen ist? Oder erinnern sich nur noch die Älteren von uns an die Schlammschlacht mit seinem hochtönenden Wegbegleiter von damals, der seine Leidenschaft für eine gewisse NORA nur zu gern zur Schau getragen hat?

Das mit der neuen Harmonie bei DSDS hat dann auch nicht wirklich funktioniert. Oder anders formuliert, für diejenigen, die quoten- und auflagensteigerndes Kalkül hinter der Berichterstattung vermuten: Das Spielchen nach dem Schema "Guter Bulle" (Annemarie/"Bild") - "Böser Bulle" (Bohlen/Jury) ging im Halbfinale der Casting-Show nahtlos in die nächste Runde: "Du bist die mit Abstand schlechteste Sängerin heute Abend", ätzte Bohlen in Richtung Annemarie und betonte mehrfach: "Ich hoffe, dass die Leute nach Stimme abstimmen." Sogar Juror Volker Neumüller, der ansonsten mit einer selbst für DSDS-Verhältnisse beachtlichen Quote an "hammermäßigen" Kommentaren aufwartete, haute kräftig drauf: "Du hast die Töne nicht getroffen, hast Scheiße gesungen und Dir mit der Schlange den Auftritt versaut."

Schaurige Darbietung

Dazu muss man wissen, dass sich die presseaktive Annemarie, die am Samstagabend ihren 19. Geburtstag feierte, für ihre Darbietung von "Maneater" von Nelly Furtado für ein besonderes Accessoire entschieden hatte: eine Riesenschlange. Damit bewies sie zwar reichlich Mut und Einfallsreichtum, jedoch bewirkte das exotische Anhängsel von gut drei Metern Länge auch, dass der sonst so energiegeladene Teenager reichlich hölzern über die Bühne stapfte und vor lauter Aufregung melodisch meilenweit danebenlag. Kurzum: Es war eine schaurige Darbietung, bei der Annemarie so blass blieb wie das züngelnde Reptil an ihrem Hals. Oder um es mit Bohlens Worten zu sagen: "Das Beste an deinem Auftritt war die Schlange."

Im Halbfinale von DSDS mussten die drei verbliebenen Kandidaten, neben Annemarie noch Sarah Kreuz und Daniel Schuhmacher, jeweils drei Songs vortragen: Einen Nummer-eins-Hit, eine Ballade und einen Up-Tempo-Song, also ein schnelles Musikstück, "bei dem Sie so richtig mitgehen können" (Moderator Marco Schreyl). Annemarie konnte nur mit ihrem ersten Song, "My life would suck without you" von Kelly Clarkson, bei der Jury punkten. "Gut gesungen" befand sogar Bohlen und auch Jurorin Nina Eichinger attestierte ihr "viel Power."

Nach der reichlich dünn geträllerten Ballade "The voice within" von Christina Aguilera fiel aber selbst der notorisch harmlosen Filmproduzenten-Tochter nicht viel mehr ein, als das wie immer knapp bemessene Outfit Annemaries zu loben: "Tolles Styling, schöne Beine, tolle Frisur", merkte Eichinger an, die allerdings in ihrem quietschbunten Schlauchkleid selbst aussah, als habe sie während der diesjährigen Mai-Krawalle den ortsansässigen Batik-Laden geplündert.

"Jeeeeeden Ton" getroffen

Annemaries Konkurrenten präsentierten sich in besserer Form. Sarah Kreuz sang zum Auftakt "Für Dich" besser als Yvonne Catterfeld es jemals hinbekommen hat und schwebte dabei ganz in Weiß in einer alle Kitschgrenzen sprengenden Rosenschaukel über die Showbühne. Auch bei der alten Olympia-Schnulze "One moment in time" ihres Vorbilds Whitney Houston konnte Sarah mit viel Stimme und noch mehr Lipgloss überzeugen. Und schließlich zeigte die "Balladenkönigin" (Eichinger) auch, dass sie schnellere Nummern wie "I'm outta love" von Anastacia ebenfalls beherrscht, noch dazu in nahezu fehlerfreiem Englisch.

Entsprechend war die Reaktion der Jury: Neumüller hielt den Auftritt für - Sie ahnen es - "hammermäßig" und fühlte sich "getouched". Auch Bohlen war aus dem Häuschen und befand in piepsiger Thomas-Anders-Gedächtnis-Tonlage, dass sie "jeeeeeden Ton" getroffen habe. Sein Fazit: "Eins Plus mit Sternchen."

Gleiches gilt für Daniel Schuhmacher, den laut Moderator Schreyl "einzigen Mann bei DSDS." Der 22-jährige Schüler demonstrierte erneut, dass er mit Abstand über die beste Stimme im Wettbewerb verfügt und wusste selbst mit seiner schwächsten Darbietung ("Rehab" - Amy Winehouse) zu überzeugen. Sowohl "Get here" von Oleata Adams als auch den alten "Viagra-Song" (Bohlen) "Stand by me" intonierte der Jury-Liebling aus Pfullendorf derart gekonnt, dass selbst die rivalisierenden Fan-Lager in der Halle in kollektiven Jubel ausbrachen. Da war sie also mal, die lang ersehnte Harmonie bei DSDS.

Eichinger fabulierte verzückt von Daniels "Engelsstimme", Bohlen hatte Gänsehaut und Neumüller erbrach seine Begeisterung in einer Wortwiederholungsorgie von beachtlicher sprachlicher Beschränktheit: "Stimme, Stimme, Stimme! - Gefühl, Gefühl, Gefühl! - Hammer-, hammer-, hammermäßig!"

Ginge es bei DSDS allein um Talent und Sangeskraft, wäre die Sache bereits am Ende der Mottoshow klar gewesen: Daniel und Sarah kommen ins Finale, Annemarie fliegt nach mieser Leistung raus. Doch so einfach funktioniert eine moderne Casting-Show nicht, und daher blieben bis zum Schluss viele Fragen offen: Wie groß ist das Fan-Lager von Annemarie wirklich? Haben die abstimmungswilligen Zuschauer weiterhin Interesse an der Geschichte vom kämpferischen Underdog, der in seiner Schlacht gegen die hundsgemeine Jury nicht viel mehr im Gepäck hat als den Traum vom Superstar und die Medienmacht einer tumb lobhudelnden Boulevardzeitung mit Millionenauflage? Wie viele lassen sich verführen vom Angebot der "Bild", die für das Abstimmen für Annemarie mit einem Gewinnangebot von 10.000 Euro lockt? (Übrigens indem man die Bestätigung des kostenpflichtigen Annemarie-Votings bei RTL an eine kostenpflichtige Nummer bei "Bild" schickt.)

Die Antwort kannte zunächst nur Marco Schreyl. Der Moderator, der mit seinem feuerroten Anzug den Wettbewerb mit Eichingers Regenbogen-Dress um das mieseste Outfit des Abends hauchdünn für sich entscheiden konnte, zögerte die Bekanntgabe wie gewohnt elend lang hinaus. Minutenlang blickten die Zuschauer in flehende Gesichter auf der Casting-Couch, die Fanlager kauten sie sich vor Aufregung die Fingernägel blutig. Endlich, gegen 23.25 Uhr die Erlösung für Daniel und Sarah: Sie stehen im Finale, Annemarie ist Geschichte.

Allen Ernstes: Die dreiköpfige Jury jubelte ausgelassen, gemeinsam hüpften sie auf- und ab, und verpassten damit der ganzen Schmierenkomödie an diesem Samstag einen peinlich-grotesken Schlussakt. Die Verliererin trug es mit Fassung, gestaltete ihren Abschied kurz und knapp: "Zu meinem Ende kann ich nur ein Wort sagen: Endlich!"

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