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Fedcon: Die lange Nacht der Sternenkrieger

Seit 1992 reisen jährlich Menschen aus der ganzen Welt zur Fedcon, Europas größtem Star-Trek- und Science-Fiction-Treffen. Ein Wochenende lang lassen sich Stars von Fans feiern und Fans von Stars.

Von Claudia Kern

Wer an einem Wochenende im Mai das Kongresshotel Esperanto in Fulda betritt, muss mit Überraschungen rechnen. Die grau gekleideten Manager, die normalerweise in den Cafés und Bars sitzen und Firmenstrategien diskutieren, haben ihre Plätze geräumt. An ihre Stelle sind Gestalten getreten, die auf den ersten Blick fremd, auf den zweiten aber seltsam vertraut wirken. Fast alle hat man irgendwo schon mal gesehen: die Klingonen in martialisch wirkenden Kleidung aus Leder und Metall, die Vulkanier mit ihren spitzen Ohren und hochgezogenen Augenbrauen, die behelmten Sturmtruppen Darth Vaders und die Menschen in rotschwarzen Uniformen mit goldenen Rangabzeichen.

"40 Jahre Star Trek"

In diesem Jahr steht die Federation Convention, genannt Fedcon, unter dem Motto "40 Jahre Star Trek". Im September 1966 begleiteten die amerikanischen Fernsehzuschauer Captain Kirk, Mister Spock und die Mannschaft der Enterprise zum ersten Mal auf ihre Abenteuer in fremde Welten. Aus einer mäßig erfolgreichen Science-Fiction-Serie wurde ein Kultphänomen, das sich über fünf Serien und zehn Spielfilme hinweg bis heute eine loyale Fangemeinde bewahrt hat. Aus diesem Grund hat die Fedcon in diesem Jahr George Takei und Walter Koenig eingeladen, die in der ersten Serie die Rollen von Sulu und Chekov spielten. Gemeinsam mit dem Scifi-Channel errichtet die Fedcon als besondere Attraktion einen originalgetreuen Nachbau der Star-Trek-Raumschiffbrücke, in der sich Fans mit diesen Schauspielern fotografieren lassen können. Als weitere Gäste werden Gates McFadden (Dr. Crusher aus Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert) und Robert Beltran (Chakotay aus Star Trek: Voyager) erwartet.

Nicht nur wegen der Promis erfreut sich die Veranstaltung "Bis zu 4000 Fans kommen jedes Jahr zur Fedcon", sagt Veranstalter Dirk Bartholomä. "Viele haben eine Lieblingsserie oder eine Lieblingsfigur und verkleiden sich entsprechend. Es kommen Fans von Star Trek, Stargate, Star Wars, Buffy und Angel. Das ist eine ganz bunte Mischung."

Über die Verkleidungen bestimmen Zeit und Geld. Die Materialien für Masken und Kostüme sind teuer. Nicht selten stecken Fans Monate ihrer Freizeit in eine Verkleidung, um sie ein Wochenende lang zu tragen. Manche stellen sich der Konkurrenz in einem Kostümwettbewerb, bei dem eine aus Schauspielern bestehende Jury die besten Auftritte prämiert.

Geben und Nehmen

Eine Convention lebt von ihren Fans. Nicht nur von den Eintrittsgeldern, mit denen Schauspielergagen, Hotels und Flüge bezahlt werden, sondern auch von ihrer Kreativität und ihrem Enthusiasmus. Mehr als 100 freiwillige Helfer kümmern sich um die Logistik der Veranstaltung. Sie bauen die Bühne, sie stellen den Sicherheitsdienst, besetzen die Kassen und bewachen Notausgänge. Sie organisieren Workshops, in denen man alles vom Schwertkampf bis zur Maskenbildnerei lernen kann. Es gibt Kunstausstellungen, Räume, in denen Fanclubs um Mitglieder werben, Aufführungen von Amateurfilmen, Lesungen und Konzerte. In einer gewaltigen Halle bieten Händler Produkte an, die speziell auf Fans zugeschnitten sind. Hier kann man DVDs, CDs, Poster, Uniformen, Vulkanier-Ohren und Gemälde kaufen. Doch all dies ist nur Rahmenprogramm für die Hauptattraktion der Convention: die Schauspieler.

Mister Spock, Data oder Hercules einmal hautnah zu erleben, das ist es, was Fans dazu bringt, Tausende von Kilometern zu reisen. Fast alle großen Genre-Darsteller haben die Fedcon bereits besucht. Sie kommen gern nach Deutschland, denn hier sind die Fans freundlicher und respektvoller als in den USA. "Das hängt bestimmt mit der deutschen Mentalität zusammen", erklärt Dirk Bartholomä, "aber auch damit, dass die Fans dankbar sind, wenn ein Schauspieler einen langen Flug auf sich nimmt, um sie zu besuchen. Sie wollen dafür sorgen, dass ein Wochenende in ihrer Mitte Spaß macht."

Autogramm auf dem Arm

Die Schauspieler spüren das und sind weitaus zugänglicher als auf anderen Veranstaltungen dieser Art. Bei ihren Bühnenauftritten beantworten sie die Fragen der Fans, erzählen Anekdoten vom Drehalltag in Hollywood und überraschen mit manchmal unerwarteten Talenten. So begeisterte Hercules-Darsteller Kevin Sorbo die Fans in der Hotelbar mit einer spontanen Gesangsnummer, andere rezitieren in kleiner Runde Gedichte oder imitieren ihre Kollegen. In stundenlangen Autogrammstunden signieren sie Fotos, T-Shirts, CDs oder Teddybären. Michael Dorn, der den Klingonen Worf in einer der Star-Trek-Serien spielte, unterschrieb einmal auf dem Arm eines weiblichen Fans, reagierte jedoch ein wenig verstört, als sie ihm einen Tag später das Tattoo zeigte, das sie daraus hatte stechen lassen.

Die Gründe, die Schauspieler dazu bewegen, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen, sind unterschiedlich. Die Erfolgreichen genießen das Bad in der Menge, die weniger Erfolgreichen bestreiten ihren Lebensunterhalt durch solche Auftritte und den Verkauf von Autogrammen. Sie zehren von einem Ruhm, der in der Convention-Szene noch lebt, auch wenn er im Kurzzeitgedächtnis Hollywoods längst vergessen ist. Und sie alle haben Geschichten zu erzählen.

Geburtstag einer Legende

Der 40. Geburtstag Star Treks täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass das Phänomen in einer Krise steckt. Der letzte Serie wurde wegen schlechter Einschaltquoten eingestellt, der zehnte Film war ein kommerzieller Misserfolg. Auf Veranstaltungen wie die Fedcon wirkt sich das Star-Trek-Tief durch sinkende Besucherzahlen aus. Ein neuer Film mit neuer Besatzung und neuem Produzententeam soll den Trend umkehren. "So lange", fasst ein Fan die Situation zusammen, "müssen wir nun mal durchhalten."

Doch wenn im Hauptsaal der Fedcon das Licht ausgeht und der erste Schauspieler die Bühne betritt, sind die Gedanken an Einschaltquoten und Zukunftsängste vergessen. Dann legt sich ein Hauch von Hollywood über Fulda und fremde Welten werden greifbar nah.