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TV-Kritik

"Anne Will": Röttgen und Gysi gehen wegen WM in Russland aufeinander los

Anne Will hat Politiker zum Talk über die Fußball-WM in Russland eingeladen. Am Ende musste sie Gysi und Röttgen den Ton abdrehen. Dabei ging es aber gar nicht nur um die Weltmeisterschaft.

Von Andrea Zschocher

Fußball-WM Gregor Gysi Norbert Röttgen

"Das bringt jetzt nichts mehr": Gregor Gysi (l.) und Norbert Röttgen streiten über die Fußball-WM und Russland

In wenigen Tagen startet in Russland die Fußball-Weltmeisterschaft, offensichtlich auch ein Thema für "Anne Will". Fraglich nur, warum es das war, denn während die Moderatorin gern eine Stunde lang über das für und wider von politischen Akteuren auf der Spieltribüne diskutieren wollte, erschöpfte sich das Thema schnell. Ihre Gäste hatten daher ihre ganz eigene Agenda, um für oder gegen Russland Stimmung zu machen. Es hätte der Redaktion aber im Vorfeld klar sein können, dass es nicht möglich ist, eine Stunde lang nur über die Frage: "Putins WM - die Welt zu Gast bei Ex-Freunden?“ zu diskutieren.

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

  • Rebecca Harms, Mitglied des Europäischen Parlaments (Die Grünen/EFA)
  • Gregor Gysi (Die Linke), Mitglied des Deutschen Bundestages und Präsident der Europäischen Linken
  • Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestags
  • Edmund Stoiber (CSU), Ehemaliger bayerischer Ministerpräsident
  • Arne Friedrich, Ehemaliger Fußball-Nationalspieler

Spieler sind Spieler, keine Diplomaten

Immerhin, sie hat einen Fußballer eingeladen - das muss man Anne Will schon zugutehalten. Und zwischen all den Politik-Profis war das auch gut so, denn der ehemalige Fußballnationalspieler konnte aus dem Nähkästchen plaudern. Wie er damals in Südafrika gebrieft wurde über Land und Leute und wie das sicher auch in Russland der Fall sein wird. Aber, so Friedrich, "wir sind alle mündig. Jeder ist für sich selbst verantwortlich". Die Fußballer könnten natürlich politische Statements setzen, er fände das nur falsch. Denn es sei eben nicht, wie auch Wills Sendung übertitelt war, "Putins WM" sondern die der Sportler, und die der Zuschauer. "Gesellschaftspolitisch hat der Sport eine Riesenverantwortung", gab Friedrich zu, aber gleichzeitig sollten sich die Spieler eben auf ihre Leistungen konzentrieren. Norbert Röttgen blies ins gleiche Horn, er riet dringend davon ab, Spieler auch instrumentalisieren zu wollen. Die "Spieler sind als Spieler ausgewählt, nicht als Diplomaten“ gab er, auch in Hinblick auf die gerade erst erschienenen Fotos von Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan, zu bedenken.

Aber auch den Politiker und Politikerinnen, die sich mit der Frage trügen, ob sie nun zu diesem Weltereignis fahren oder nicht, gab Röttgen auf den Weg, dass es sich in erster Linie um ein Sportereignis handele. Die politische Motivation Putins dahinter mag klar erkennbar sein, aber seiner Meinung nach sollte weltweit das Interesse an Sport im Vordergrund stehen.

Die Fußball-WM ist Propaganda für Putin

Die Europaabgeordnete Rebecca Harms, die aktuell nicht nach Russland einreisen darf, warnte eindringlich davor, dass Fotos mit Putin und auch Fotos, die PolitikerInnen auf der Tribüne in Russland zeigen, für Putins Propaganda genutzt werden. Röttgen entgegnete, dass ein Fernbleiben ebenfalls Signalwirkung erzeugen könnte. Recht haben am Ende beide, denn während die eine Seite sich mit PolitikerInnen schmückt, zeigt die andere eben, was das Fehlen selbiger für Konsequenzen hat. Harms, die einen offenen Brief initiiert hat, in dem 60 PolitikerInnen ihr Fernbleiben bei der WM erklären, sprach sich nicht gegen ein generelles Besuchsverbot von Staatsmenschen aus. Sie wies nur darauf hin, dass diese sich dann vor Ort beispielsweise für Menschenrechte engagieren oder auf die Missstände in der Ukraine hinweisen sollen.

Soweit, so klar die Positionen, aber es gab ja noch so viel mehr Sendeminuten zu füllen. Vielleicht wurde auch aus diesem Grund Gregor Gysi eingeladen, der zum einen darauf hinwies, dass Dienstreisen zu sportlichen Großereignissen gar nicht sein müssten, weil sie den SteuerzahlerInnen zur Last fallen würden und überhaupt seit Jahren nur an politisch schwierige Länder vergeben werden. Zum andere aber machte er sich stark für Putin, für Russland.

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Irgendwann, es ging im Streitgespräch fast unter, warf er Harms vor, sie reagiere beim Thema "Russland so allergisch." Dass der Journalist Hajo Seppelt nur aufgrund von Interventionen seitens der Bundeskanzlerin nach Russland einreisen dürfe, und aktuell noch unklar ist, ob und wie frei er sich dort bewegen könnte, wischte Gysi salopp vom Tisch. Merkel solle halt noch ein weiteres Telefonat führen, dann könnte sicher geklärt werden, ob und wie sich der Journalist in Russland aufhalten könne. Dass solch eine Einmischung überhaupt nötig ist, sah der Politiker der LINKEN offensichtlich nicht als Problem an. Als dann noch Röttgen und Gysi aufeinander losgingen, weil sie sehr unterschiedliche Ansichten über Russland haben, wurde beiden kurzerhand der Ton abgedreht. "Das bringt jetzt nichts mehr", schloss Will ihre Sendung.

Das hätte sie auch gern dreißig Minuten früher tun können, denn im Prinzip hangelten sich die Gäste in der verbleibenden Zeit nur noch von Putin-Lob zu Putin-Kritik, ohne, dass es irgendeinen Erkenntnisgewinn für die Zuschauer gegeben hätte. Wer letztlich zur WM fahren wird, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Denn ob die Bundeskanzlerin wirklich nicht auf der Tribüne erscheint wenn die Deutsche Elf im Finale stehen sollte, steht zum jetzigen Zeitpunkt nicht fest.

tis