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stern-Gespräch

"Birte Schneider": Christine Prayon über ihr Alter Ego bei der "Heute-Show" und ihren Kampf gegen Stuttgart 21

Die Bundeswehr ist schuld. Und die Kirche. Und Stuttgart 21. Sie machten aus der Schauspielerin Christine Prayon eine bissige Kabarettistin. Die als Birte Schneider in der "Heute-Show" gegen den allgemeinen Wahnsinn aufschreit.

Von Arno Luik

Gegen Stuttgart 21: Christine Prayon aus der "Heute-Show" im Interview

"Ich glaube, der größere Einschnitt in meinem Leben als die 'Heute-Show' war Stuttgart 21.'

Na, Herr Luik, Sie sind doch mit dem Zug nach Stuttgart gekommen – wie war's da unten am Hauptbahnhof?

Puuh, Frau Prayon, mein Gott, das sieht ja fürchterlich aus – diese aufgerissene Innenstadt! Man will sofort wieder wegfahren.

Warum so negativ? Man könnte auch sagen: Industrieromantik. Zäune. Dreck. Lärm. Lastwagen. Vielleicht ist es ja eine Laboranordnung, was hier in Stuttgart passiert, ein Großversuch: Was geschieht mit Menschen und ihrem Bewusstsein, wenn sie jeden Tag, ob sie es wollen oder nicht, eine Feinstaub-Line ins Gehirn reinziehen müssen? Vielleicht kommt so doch noch der Erkenntnisgewinn, dass Stuttgart 21 irgendwie zu etwas gut ist?

Milliarden Euro werden in dem Loch da unten verbuddelt, aber zumindest eine Person hat von dem Ganzen immens profitiert: Sie!

Wie bitte?

Sie sind, so kann man es doch ganz ruhig sagen, eine Kriegsgewinnlerin von S 21.

Das wusste ich bisher nicht. Das müssen Sie mir jetzt erklären.

Ach, das wissen Sie doch: Sie hielten bei Demos gegen S 21 Reden, und eine Redakteurin der "Heute-Show" bekam das mit.

Stimmt.

Und sie war beeindruckt von Ihnen. Sie seien "messerscharf", voll "bissiger Ironie" – so hat diese Redakteurin Sie dem "Heute-Show"-Chef Oliver Welke empfohlen.

Ja, aufgrund dieser Charakterisierung bekam ich ein Casting bei der "Heute-Show", und so kam ich in die Sendung. Was mich riesig gefreut hat. Beruflich ging damals nämlich alles schief. Die Akte Theater hatte ich abgeschlossen. Drei Kabarett-Duos, die ich ausprobiert hatte, waren innerhalb von drei Jahren gescheitert. Mein Solo lief auch schwierig an, weil ich nur das machte, was mir gefiel, und nicht die üblichen Sehgewohnheiten des Kabaretts bediente – und da sind dann öfter mal Leute in der Pause rausgegangen, verschwunden und ...

Viele Jahre war Prayon, 43, Schauspielerin. Als Kabarettistin hofft sie, mehr zu bewegen

Viele Jahre war Prayon, 43, Schauspielerin. Als Kabarettistin hofft sie, mehr zu bewegen

Das ist hart.

Na ja, sagen wir mal so: Am Anfang spielt man vor 30 Leuten, vor 50 Leuten – wenn man Glück hat. Du siehst die einzelnen Gesichter, und wenn nach der Pause ein paar fehlen – das fetzt nicht so richtig.

Aber dann kam die "Heute-Show" – und heute ist für Sie alles anders: Nun sind Sie ein Star, bundesweit bekannt und ...

Ich glaube, der größere Einschnitt in meinem Leben als die "Heute-Show" war Stuttgart 21.

Jetzt müssen Sie mir erklären, was Sie damit meinen.

S 21 hat meine Sicht auf alles verändert. S 21 hat meine Sinne geschärft, mich politisiert. Es hat mir aber auch meine Ängste genommen, es ...

Sie reden nun fast so, als ob es Ihr Leben gerettet hätte!

Ich habe einfach erkannt: Mein Beruf, also Schauspiel, Kabarett, ist nicht alles im Leben. Da, mitten in meiner Stadt, geschieht etwas, das ist wichtiger. Ich hab ab 2010 anderthalb Jahre fast nichts anderes mehr gemacht als Reden, Podiumsdiskussionen, Demos. Und viel dabei gelernt. Jeden Montag schicke ich dem ehemaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus, der S 21 so unbedingt wollte, eine Rose und sage: "vielen Dank". Ich liebe ihn.

Du sollst nicht lügen, heißt es in der Bibel.

Lügen sind doch gerade total in. Fake News, alternative Fakten – was ist Lüge? Was ist Wahrheit? Was ist oben, was ist unten? Links? Rechts?

Verwirrung allenthalben, so ist es.

Ist es so, tatsächlich? Ist alles tatsächlich so wahnsinnig komplex – wie immer behauptet wird? Soll nicht alles bloß so wirken? Wenn die Leute orientierungslos sind, sind sie hilflos, und sie lassen sich dann prima führen. Verführen.

Sie aber wissen, wo es langgeht.

Nein.

Sie klingen aber so. Sie stehen auf der Bühne bei einer S 21-Demo vor 17.000 Leuten und schimpfen los: "Danke, liebe ‚FAZ', liebe ‚Welt', liebe ‚Süddeutsche', lieber ‚Focus', ach ja, liebe ‚Stuttgarter Zeitung', dass ihr uns wochenlang mit Wesentlichem, mit Inhalten, mit der Wahrheit verschont und damit für Ruhe im Land gesorgt habt. Danke, dass ihr uns nicht mit Artikeln über die ‚Arroganz der Mächtigen' und die ‚Entmündigung der Bürger' genervt habt, sondern lieber die Chancenlosigkeit des Protests erwähntet."

Ich habe lange überlegt, was ich sagen sollte, was mich am meisten aufregte bei S 21. Und das war, wie dieser politisch-mediale Komplex auf Teufel komm raus etwas durchsetzen will – und deswegen so vieles verschweigt, unterschlägt. Und Andersdenkende verhöhnt. Klingt nach Verschwörungstheorie?

Nach Wutbürgerin.

Nein. Wut klingt kopflos. Und kopflos bin ich nicht. Ich bin nicht wütend.

Prayon mit Welke in der "Heute-Show"

Prayon mit Welke in der "Heute-Show"

Ob wütend oder nicht, zornig scheinen Sie auf jeden Fall zu sein. Neulich, auf der 400. Montagsdemo gegen S 21, jedenfalls teufelten Sie wie wild gegen dieses Projekt.

Nein.

Ich sehe das so. Sie sagten, das sei "eine politische Blaupause dafür, wie man sukzessive in Verhältnisse rutscht, welche der Ausspruch ‚Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf' beschreibt".

Sie meinen, das sei alarmistisch? Übertrieben? Das, was Sie als "teufeln" bezeichnen, beschreibt einfach ganz nüchtern die Erfahrungen, die ich und sehr viele andere hier gemacht haben – mit Medien, mit der Politik, mit der Polizei. Ich habe erlebt, dass der Staat, wenn es drauf ankommt, sehr entschieden und unzweideutig die Interessen des Kapitals durchsetzt, auch mit nackter, brutaler Gewalt.

Sie reden jetzt von Deutschland?

Ja. Ich denke da zum Beispiel an den 30. September 2010 im Stuttgarter Schlossgarten, ein schwarzer Tag für die Demokratie. Schüler wurden von der Polizei angegriffen und verletzt, Hunderte, einem Rentner wurde mit dem Strahl eines Wasserwerfers ein Auge ausgeschossen. Ich habe erlebt, dass das, was wir für gewöhnlich unter Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verstehen, inzwischen recht ausgehöhlte Begriffe zu sein scheinen.

Als Kabarettistin haben Sie ja deswegen eine gaaanz große Aufgabe: "Ich muss den Mächtigen die Hosen runterziehen!", haben Sie mal erklärt. Was soll die Nackedei bringen?

Vergnügen. Außerdem muss Satire es den Mächtigen ein bisschen schwerer machen. Ich muss doch ...

Ich muss?

... Sand ins Getriebe streuen!

Aber die Frage ist doch: Kann Kunst etwas bewegen?

Ich denke schon. Ich hoffe es.

In seinen Tagebüchern notiert Erich Kästner, der viel für das Kabarett schrieb, sehr frustriert: "Unser größter Fehler war die Unterschätzung der Nazis. Es reichte nicht, sich über sie lustig zu machen."

Vielleicht sind wir gerade dabei, wieder vieles zu unterschätzen? Da ist Pegida. Die AfD. Trump in Amerika. Kurz in Österreich. Es ist so viel im Rutschen, die Prekarisierung von Millionen Menschen – wo führt das hin? Diese Gefühle der tiefen Ohnmacht, der realen ökonomischen Unsicherheit, der allgemeinen Entsicherung – wo führt das alles hin?

Sagen Sie es mir.

Rechtes, rechtsextremes Gedankengut wird in der bürgerlich-konservativen Mitte wieder salonfähig. Plötzlich bedienen Leute den Stammtisch, die bisher als gemäßigt, vernünftig, liberal, halt als Mitte galten. Grüne Politiker. Oder Leute, die behaupten, Kabarett zu machen. Das ist gefährlich.

Wen meinen Sie damit, Namen bitte! Wer sind die Gefährlichen?

Holla, ich dachte, das ist ein Interview, kein Verhör! Liegt das nicht auf der Hand? Für xenophobe Äußerungen muss man nicht mehr in einer braunen Partei sein, Heimatgefasel hat Konjunktur, Komiker schüren Ressentiments, indem sie sich, wie mein Kollege Volker Pispers sagte, wie der "humoristische Arm von Pegida" gerieren.

So. Schön gesagt. Nur: Bei wem soll ich nun aufpassen, muss genauer hinhören?

Okay, Preisfrage: "Für mich macht es einen Unterschied, ob jemand Asyl beantragt und dann Frauen vergewaltigt oder einfach in diesem Land aufgewachsen ist." Wer sagt so etwas? AfD-Chef Gauland oder Tübingens grüner Oberbürgermeister Palmer? Und wer schlägt für Islamisten eine Zwangsernährung mit Speck und Schnaps vor? Die AfD-Frau Weidel? Der Sozialdemokrat Sarrazin? Oder der Komiker Dieter Nuhr?

Und mit Ihren Auftritten halten Sie gegen diesen, wie Sie es wohl empfinden: neu-rechten Zeitgeist?

Ich versuch's.

Aber Sie machen ja nicht gerade das klassische Politkabarett à la Dieter Hildebrandt.

Stimmt. Ich stell das Politische eher dar, als dass ich es erkläre. Ich will auch niemanden missionieren. Ich will unterhalten. Vielleicht dem einen oder anderen Zuschauer das Gefühl mitgeben: "Ja, da gibt's, zum Glück, eine, die denkt so wie ich!"

Sie wollen ein Wärmestrom für Gleichgesinnte sein.

Vielleicht auch, ja. Es geht auch ums Mutmachen. Vielleicht sogar darum, manchmal die Systemfrage zu stellen. Gar nicht direkt, aber immer in den Nummern mit drin. Also, ob diese Doktrin des ständigen, kapitalgetriebenen ...

Des kapitalgetriebenen?

Ja, des kapitalgetriebenen Wachstums eine gute Idee ist? Aber da wird es dann ganz schnell schwierig.

In seiner politischen Phase sang Bob Dylan mal, "if my thought-dreams could be seen, they'd probably put my head in a guillotine". In etwa also: Wenn man seine wahren Gedanken lesen könnte, würde man ihn unter die Guillotine legen.

Ja. Aber noch sag ich allerdings, was ich denke. Es gibt Zeiten, da sollte man sich als Künstler eher subversiv äußern – sonst wacht man am nächsten Tag etwas kopflos auf. Viel von dem, was ich auf der Bühne mache, orientiert sich an Leo Bassi ...

... diesem italienischen Anarcho-Clown, der einmal in der "Anstalt", das war 2009 nach der Lehman-Pleite, Spielzeugfiguren von Bankern mit einem riesigen Holzhammer zertrümmerte.

Er hat herrlich respektlose, kreative Nummern. Er riskiert etwas. Er will nicht von allen geliebt werden. Und er will, wie er sagt, kein "cheerleader of the system" sein.

Sie ja auch nicht.

Ich nehme in Kauf, dass ich mit dem, was ich sage, in einer Sendung womöglich einmal auftrete und dann nie mehr. Mit einigen Nummern habe ich mich so jedenfalls schon recht erfolgreich aus dem Fernsehen katapultiert.

Sie haben nichts dagegen, wenn ich Sie jetzt als die Jeanne d'Arc des Kabaretts bezeichne?

Ich bitte darum! Aber im Ernst: Es gibt schon so etwas wie eine rote Linie für Satire im Fernsehen, und das sind substanziell kapitalismuskritische Nummern. Kapitalismuskritik? Aber, bitte schön, nur innerhalb des Systems und als Attitüde. Es darf nie ernsthaft um die Überwindung dieses ökonomischen Systems gehen. Da sind Sie schneller draußen, als Sie gucken können.

Sie werden also nie die große Show bekommen: "Prayon im Ersten!"

Nö. Ich werde auch keinen Maserati fahren. Aber Rückgrat ist auch 'ne schicke Sache. Aber es ist kein Spiel, denn da ist ja diese rote Linie. Da zittern einem schon mal die Knie. Du hast im Kopf ja auch deinen Alltag: dein Kind. Die Miete.

Viele Kabarettisten treten deswegen bei sogenannten Galas für Unternehmen auf, sie sagen sich: Das ist leicht verdientes Geld!

Das ist richtig. Aber ich mache solche Galas prinzipiell nicht. Ich fände es pervers, mich auf der Bühne systemkritisch zu äußern und gleichzeitig von großen Konzernen kaufen zu lassen.

Sie sind ja in einem sehr konservativen Haushalt groß geworden. Ihr Vater war Oberst bei der Bundeswehr, Ihr Großvater General bei der belgischen Armee. Ich denke, dass man in so einer Familie weiß, was Ordnung ist – und wie man spurt, und dass man gegen das Bestehende nicht aufmuckt.

Ich glaube, dass sehr viele Kabarettisten aus konservativen Verhältnissen kommen. Bei mir war es der militärisch-katholische Komplex.

Da haben Sie das Lachen, das Spotten gelernt?

Ich habe das Zeremonielle, das zelebrierte Heilige nicht ohne Lachen ausgehalten. Schon als Kind war das bei mir so. Gerade dann, wenn es besonders ernst wurde, in der Kirche und beim Militär, bei Paraden, bei der Kommunion. Und bei Beerdigungen.

So etwas zu hören freut sicherlich die Freudianer. Denn Lachen und Humor, sagt Sigmund Freud, dienen dazu, das Leid zu ertragen.

Ja. Aber in gewisser Weise ist wohl eher die Bundeswehr schuld, dass ich auf der Bühne stehe.

Nun bin ich aber gespannt.

Als Angehöriger der Bundeswehr zieht man häufig um. Als wir in Bonn waren, ging ich auf eine Schule, und da waren vor allem so angepasste Popper. Aber als ich 16 war, da sind wir umgezogen nach Waldbröl.

Das hört sich sehr nach Land, Provinz, kultureller Diaspora an.

Es ist eine Kleinstadt im Oberbergischen. Das Gymnasium dort war eine Offenbarung für mich. Eine neue Welt. Da waren, ich weiß nicht, warum, Hippies, Punks, lauter Verrückte, die waren kreativ und toll und respektlos. Die stülpten mich um. In Bonn habe ich die Charts angehört, nun plötzlich Led Zeppelin, Black Sabbath, Nirvana. Das war der totale kulturelle Clash. Und dann war der Golfkrieg ...

... und die Tochter des Oberst wurde zur Pazifistin?

Diese Tochter hat auf jeden Fall gegen diesen Krieg demonstriert.

Da fiel doch sicher mal Tucholskys berühmtes Diktum: "Soldaten sind Mörder"?

Klar. Und dein Papa ist Berufssoldat! Kein Satz also, den mal als Soldatentochter gern hört. Zum ersten Mal habe ich aber damals ernsthaft darüber nachgedacht, wie das alles zusammenhängt: Politik. Krieg. Wirtschaft. Gesellschaft.

Und heute, Frau Prayon, sind Sie zufrieden mit dem, was Sie machen, was Sie erreicht haben?

Ich bin zufrieden, weil ich keine Zugeständnisse an irgendjemanden machen muss. Ich habe einen total unentfremdeten Beruf. Ich mache, was ich für richtig halte. Und ich kann sogar – bislang jedenfalls – davon leben.

Aber Sie sind eine Frau.

Das, Herr Luik, haben Sie sehr gut erkannt, Chapeau!

Ein Bekannter von mir ist Kulturveranstalter. Kabarettistinnen bucht er leider nicht so gern, denn, sagt er, "die sind nicht so erwünscht".

Ihr Bekannter ist wenigstens ehrlich. Ja, warum sollten Frauen es im Kabarett leichter haben? Es ist halt unter diesem ökonomischen System auch in unserem Gewerbe so wie im Rest der Gesellschaft – alles patriarchalisch geprägt.

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