"Germany's next Topmodel" Ansturm auf Heidis Drama-Laden


"Germany's next Topmodel" geht in die vierte Runde. Wer sich für schön hält, kam zum offenen Casting nach München. Viele Ängste inklusive: Kann ich auf High Heels gehen ohne umzuknicken? stern.de war vor Ort - zwischen Vanilleparfum und Rollkoffern, Schmollmund und Tränen.
Von Sylvie-Sophie Schindler

1376 junge Frauen. Vielleicht sollten sie zwischendurch einfach die Augen schließen. Denn ihre Augen sind es, die nicht zur Ruhe kommen wollen. Blicke nach da, Blicke nach dort. Und dabei immer der stumme Vergleich: Ist sie hübscher als ich? Hat sie eine bessere Figur? Hat sie schönere Haare? Hat sie die längeren Beine? Hat sie das gewisse Etwas? Sie, das ist immer die andere, die Konkurrentin. Ein Samstag im Dezember, 10 Uhr, Schnee, Frösteltemperaturen. Gekämpft wird um die Teilnahme in der vierten Staffel der ProSieben-Show "Germany's next Topmodel", kurz GNTM. Die nimmermüde Heidi Klum sucht mal wieder die schönsten Mädchen Deutschlands - sie hat zum offenen Casting ins Internationale Congress Center München (ICM) geladen. Das heißt, jeder, der sich für schön hält, darf ohne Vorauswahl antreten.

In Düsseldorf vor ein paar Tagen dasselbe Spiel. Da kamen 1104 Bewerberinnen. Und per Post bewarben sich 18 786 Mädchen. Genug, um eine Kleinstadt zu gründen. Doch am Schluss wird nur eine übrig bleiben: Die strahlende Siegerin, für die sich dann bitteschön das Leben verändern soll. Fotoshootings in New York, Paris, Mailand, mit den Modedesignern auf Du und Du, Interviews, TV-Termine, Jet-Set-Leben, Champagner, Partys, Limousinenservice, Luxushotels. Das sind die Träume, zu denen GNTM verführt.

"Du siehst geil aus, meine Süße"

Zurück zur Realität. 10.15 Uhr. Eine Mädchengruppe diskutiert über Lipgloss und warum er besser ist als Lippenstift. Ein Vater feuert seine Tochter an, als müsste sie ein Formel-Eins-Rennen gewinnen. "Gib Gas, häng alle anderen ab, gib Gas", sagt er wieder und wieder, während die Mutter an den dunklen Locken der Tochter zupft. Zwei Blondinen mit Nadja-Auermann-Beinen kommentieren das Aussehen ihrer Konkurrentinnen: "Die hat bestimmt Magersucht. Das sieht man doch", "Die war jetzt aber echt hübsch, ganz natürlich", "Schau mal, die kann gar nicht richtig gehen." Eine Brünette küsst ihren Freund zum Abschied. Als sie sich umdreht und geht, ruft er ihr nach: "Du siehst geil aus, meine Süße." Ein Mädchen mit toupiertem Blondhaar und knallrosafarbenen Fingernägeln erzählt: "Ich war gestern nicht in der Schule, um zuhause auf High Heels zu trainieren."

Aus jeder Richtung kommen Mädchen, die den Eindruck machen, als wollten sie auf eine längere Reise gehen. Sie machen eilige Schritte und ziehen große Rollkoffer nach sich. Darin die Ausstattung für den heutigen Tag. In der Ausschreibung für das Casting war zu lesen: "Mitbringen müssen die Bewerberinnen neben einer außergewöhnlichen, fotogenen Ausstrahlung verschiedene Outfits, in denen sie sich besonders schön in Szene setzen können. Hilfreich sind nicht zu weite Oberteile und Tops, gut geschnittene, körperbetonende Jeans, Miniröcke und Bademode und natürlich High Heels." Natürlich.

GNTM ist ein Phänomen: Auch in der vierten Auflage erzeugt die Sendung einen solch massenhaften Ansturm, der die Organisatoren wechselweise jubeln und schwitzen lässt. Da wirkt es offensichtlich auch nicht abschreckend, wenn die drei Gewinnerinnen der vorangegangenen Staffeln von wahren Topmodel-Karrieren weit entfernt sind - und GNTM mehr ein durchkalkulierter TV-Businessplan als eine echte Mannequin-Suche ist.

Anleitung zur Selbstüberschätzung

Man kennt den Spruch: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Doch im Modelbusiness wird das nicht ganz so großzügig gesehen. Im Gegenteil. Doch viele Mädchen scheint das nicht zu kümmern. Sie gehen trotzdem ins Rennen, auch wenn sie beispielsweise kleiner sind als vorgeschrieben. Oder wesentlich älter. Eine 33-Jährige sagt, als sie gefragt wird: "Ich werde mit meiner Personality überzeugen." Man muss nicht Heidi Klum heißen, um schon aus der Ferne zu erkennen: Mädels, das wird nichts. Doch GNTM erschafft nicht nur Träume, sondern leitet auch zur Selbstüberschätzung an. Das ist ein bisschen so, als würde einer, der noch nie einen Tennisschläger in der Hand hatte, in Wimbledon antreten wollen. Etwa nur zehn Prozent aller Kandidatinnen würde man überhaupt zutrauen, gewisse Chancen zu haben. Doch die Hübschesten sind auch die größten Zweiflerinnen. "Es gibt so viele, die schöner sind als ich", sagt beispielsweise Monique, die mit ihrem blonden Wallehaar alle Blicke - vor allem neidische - auf sich zieht.

Bevor die jungen Frauen die nüchterne Messehalle betreten dürfen, müssen sie weiße Zettel ausfüllen und unterschreiben. Die Produktionsfirma braucht die Einverständniserklärung der Teilnehmerinnen. In den Klauseln heißt es: "Mit meiner Unterschrift erkläre ich mich mit der unentgeltlichen Anfertigung von Bild-und Tonaufnahmen ... einverstanden". Und: "Ein Verstoß gegen die Verschwiegenheitspflicht hat rechtliche Folgen. Die Mitwirkung geschieht auf eigene Gefahr." Wer noch nicht volljährig ist, muss die Eltern unterschreiben lassen. Ein Mädchen mit Kurzhaarfrisur à la Lena Gercke, Siegerin aus Staffel eins, ist den Tränen nahe, als ihre Mutter sagt: "Ich mag das Kleingedruckte nicht." - "Wenn du nicht unterschreibst, ist mein Leben verpfuscht", antwortet die Tochter und blickt so trotzig wie eine Dreijährige, die im Supermarkt keinen Schokoriegel bekommt. Die Mutter atmet tief durch und setzt dann den Kugelschreiber an.

Und tritt damit die Rechte an allen Fotos, die während der Produktion von ihrer Tochter gemacht werden, an den Sender ab. Auch die eigentlich ganz privaten - Tränen, Trauer und Zickenterror inklusive. Aber die Aufgabe des Privaten als Voraussetzung für eine Modelkarriere ist ja eines der Erfolgsrezepte von Heidis kleinem Dramaladen.

In der Halle ist ein Laufsteg aufgebaut, um den sich die Mädchen langsam versammeln. Es ist ruhiger als angenommen. Das Klack-Klack und Tock-Tock von Stöckelschuhen ist zu hören und das Surren der Rollkoffer-Rädchen. Die Mädchen reden wenig. Sie wirken angespannt, als stünde ihnen eine Verurteilung durch ein Gericht bevor. Es riecht nach Vanille und Zitrusfrüchten und nach Haarspray. Einige ziehen immer wieder Schminkspiegelchen aus ihren Hosen- oder Rocktaschen und prüfen ihr Make-up. Viele tragen Jeans, andere Miniröcke und Leggings. Es gibt den Typ Mädchen, der in einem mausgrauen Strickkleid kommt oder im ausgeleierten Sweatshirt. Nach dem Motto: "Ich bin so wie ich bin."

Die meisten haben sich aber aufgetakelt, als ob sie zum Dreh eines MTV-Videos gehen würden. Die Mädchen stehen in Pulks zusammen, bewegen sich kaum. Vielleicht weil sie sonst schwitzen oder mit ihren High Heels abknicken könnten. Überhaupt, die Fortbewegung auf mörderischen Zentimeterabsätzen verlangt allerhöchste Konzentration. Wer geht, guckt angestrengt. Manche ersparen sich die Tortour, nehmen das ungeliebte Schuhwerk in die Hand und laufen in - bevorzugt lilafarbenen - Strumpfhosen über den kalten Hallenboden.

Heidi kommt in Schwarz

Und dann kommt Heidi. Ganz in Schwarz, Overknee-Stiefel, die Haare bis zu den Schultern, kürzer als gewohnt. Die Mädchen jubeln ihr zu, als sei sie ein viel gefeierter Hollywoodstar. Die Schreie sind so laut, dass man fürchten muss, es gäbe Hörschäden gratis mit dazu. Und Heidi Klum muss, um die Mädchen außer Rand und Band zu bringen, nicht mehr leisten als eine Pose zu machen und Worte zu sagen wie "Hey" oder "Hallo, Mädels". Die Begleitpersonen, die draußen bleiben müssen, pressen ihre Gesichter dicht gegen die Fensterscheiben.

Ach, die Heidi. In all den Jahren von GNTM sind alle Skandale und Kritik, die es rund um die Sendung gab, wie Duschwasser aus der Werbung einfach von ihr abgeperlt. Sorgsam hat sie darauf geachtet, dass ihr Ruf als mal welterfahrene, toughe Chefin, mal rührselige Mutter der Kompanie nicht gefährdet wurde. Und wenn mal jemand neben ihr zu groß werden drohte, wie Co-Juror Bruce "Drama-Baby" Darnell, wurde er flugs aussortiert.

Zurück zum Laufsteg: Jurymitglied Rolf Schneider behauptet, die erste Auswahl könne man in 20 Sekunden treffen. Und mehr Zeit bekommen die jungen Damen auch nicht. Einmal über den Laufsteg, das war es schon. Großes Raunen, als die Mädels davon erfahren. Viele hatten sich es wohl anders vorgestellt und gerne mehr Zeit gehabt mit der Jury. Der Moderator erklärt noch einmal, was zu tun ist. Auf der rechten Seite nach vorne gehen, sich auf die Markierung stellen und eine Pose nach Wahl machen. Wer ein Okay kriegt von der Jury, darf nach rechts abgehen und wird direkt in die Siegerlounge gebracht. Alle anderen gehen links ab. Noch schnell ein paar Benimmregeln: "Hier wird nicht gelästert. Jeder hat Applaus verdient." Dann noch der Hinweis, alle Handys auszuschalten und die Warnung: "Wer sich nicht dran hält, fliegt raus."

Jury mit Kennerblick

"Musik", ruft Heidi und Bässe dröhnen durch die Halle. Die Model-Mama legt die Arme um ihre Jury-Kollegen Rolf Schneider und Peyman Amin, alle drei setzen ihren Kennerblick auf. Den Anfang machen Mädchen, die schon sehr geübt wirken. Doch nicht alle treten auf, als seien sie für den Laufsteg geboren. Manche gehen so, als hätten sie sich verirrt, andere schwingen ihre Hüften übertrieben, wieder andere gucken als hätten sie in eine Zitrone gebissen oder schlurfen mit Hängeschultern vorbei. "Ihr seid keine Siegerinnen", würde Heidi sicher in Oberlehrerinnen-Manier sagen. Einige Mädchen, die fest mit einem Ja gerechnet haben, können wohl gar nicht fassen, dass sie abgelehnt werden. Irritiert bleiben sie auf der Markierung stehen, die anderen Teilnehmerinnen, die hinter ihnen losgegangen sind, geraten ebenfalls ins Stocken, es gibt Stau. Heidi Klum winkt ab. "Mädels, so geht das nicht."

Bettina und Laura haben ein Nein bekommen. Sie stehen da mit verschränkten Armen und Schmollmund. "Die haben mich gar nicht richtig angeguckt", jammert Bettina. Und Laura sagt: "Eine Unverschämtheit, dass wir nur so wenig Zeit bekommen haben." Wenige Meter entfernt steht Cornelia. Sie lächelt, auf ihrem T-Shirt klebt ein Schild mit der Nummer 13783. Cornelia hat es geschafft, sie darf in die nächste Auswahlrunde. "Ich kann es kaum glauben", sagt sie. Es sei nur eine spontane Entscheidung gewesen mitzumachen. "Das ist eigentlich gar kein Traum von mir." Sie greift nach ihrem Koffer, die Aufnahmeleiterin bringt sie in einen anderen Raum. Klamottenwechsel. Und dann wieder lächeln für die Jury.

Inzwischen haben Heidi Klum und Co kräftigt ausgesiebt. Die Zahl der Teilnehmerinnen ist auf 30 reduziert. Wer nicht dabei ist, muss weiter vor dem Fernseher träumen: TV-Start der vierten Staffel von "Germany's next Topmodel" ist am 12. Februar 2009.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker