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Gottschalk-Premiere bei "Das Supertalent 2012" Thommy lächelt tapfer, Onkel Dieter entscheidet


Ein kranker Knirps, ein Sänger und Ex-Schläger, ein miserabler Wolfgang-Petry-Fan – und ein deplatzierter Gottschalk: Die erste Show vom "Supertalent 2012" hatte viel zu bieten - nur keine Spannung.
Von Alexander Tieg

Die sechste Staffel der RTL-Castingshow "Das Supertalent", die an diesem Samstag startete, bedient die bekannte Mischung aus Rührseligkeit und Schadenfreude, aus Larmoyanz und Boshaftigkeit. Neu sind ein goldener Buzzer, der Kandidaten direkt ins Halbfinale schickt, ein Duellmodus – und die Jury: Neben Dieter Bohlen bewerten diesmal Michelle Hunziker und Thomas Gottschalk die Talente der Kandidaten.

Viel ist im Vorfeld spekuliert worden über das Aufeinandertreffen von Thomas Gottschalk und Dieter Bohlen am Jury-Pult, zweier Alpha-Tiere im TV-Geschäft. Und tatsächlich bastelt RTL einen Vorspann, der die Spannungen zwischen den beiden andeutet: Gottschalk findet einen Kandidaten peinlich, Bohlen protestiert, zeigt dem Jury-Kollegen einen Vogel. Dann steht Gottschalk auf und verlässt das Studio, im Publikum schlagen junge Frauen vor Entsetzen die Hände vors Gesicht.

Ja, zwischen diesen beiden wird es krachen, suggeriert der Trailer. Von Reibereien aber ist während der ersten Sendung nichts zu sehen. Vielmehr plätschert die Show dahin. Trotz Feuerwerk, den "krassesten Kandidaten" und der "besten Jury der Welt", wie Moderator Daniel Hartwich verspricht, überrascht hier nichts. Ein Sänger mit sanfter Stimme und krimineller Vergangenheit schnulzt ins Mikrofon, ein Amerikaner reibt sich mit Rasierschaum ein und verwandelt sich so in den Teufel, ein Papagei krächzt "Hänschen klein".

Gottschalk verkommt zum Sidekick

Der Vogel ist für Gottschalk schon raus ("Ist das Repertoire noch zu erweitern?"), da fährt Bohlen ihm über den Mund: "Weiter, Thomas, ja?" Dieter Bohlen bleibt also Jury-Präsident und Entscheider, Gottschalk verkommt neben ihm zum Sidekick, allenfalls gut für Altherrenwitze und Englisch-Übersetzungen. Und Michelle Hunziker ist nicht einmal Sidekick, sie ist einfach nur da und nimmt dicke Kinder auf den Schoß.

Nach seinem Auftritt hockt der neunjährige Vito auf Hunzikers Knien. In einem eingespielten Film war zuvor so rührselig von seinem Herzfehler erzählt worden, dass ihn das Publikum bereits vor seinem Auftritt liebte. Doch der Wonneproppen hat schlecht gesungen. Als es darum geht, ihm das zu sagen, ist Gottschalk sichtlich überfordert. "Der Onkel Dieter ist ein begabter Musiker, der wird dir erklären, was ein Musiker braucht", sagt Gottschalk. Bohlen schmeißt den Jungen souverän aus der Show. "Weiter als ich bist du auf jeden Fall", sagt Gottschalk dem Jungen dann noch, "bis auf Michelles Schoß habe ich es noch nicht geschafft." Keiner lacht. Gottschalks altväterlicher ZDF-Humor passt nicht zum "Supertalent".

Sympathischer Grinse-Kasper, kein Juror

Thomas Gottschalk ist kein Juror. Er ist ungewöhnlich still und zurückhaltend mit seinen Kommentaren, hinter seinem Pult wirkt er wie ein sympathischer Grinse-Kasper, der nicht weiß, was er sagen soll. Besonders wenn er sich bemüht, die Auftritte einzelner Kandidaten anzukündigen, wird deutlich, dass er lieber auf der Bühne stünde, als auf seinem Jury-Hocker festzukleben. Gottschalk ist Größeres gewöhnt als Ja zu sagen zu einem Mann, dessen Talent es ist, sich Rasierschaum ins Gesicht zu schmieren.

Sicherlich, Thomas Gottschalk sitzt im "Supertalent"-Studio, weil der ARD-Vorabend mit ihm floppte. Aber nach dem Unfall von Samuel Koch hatte er sich bewusst entschieden, "Wetten, dass...?" abzugeben, weil auf der Sendung "jetzt ein Schatten liegt, der es mir schwer machen würde, jemals wieder zur guten Laune zurückzufinden". Und: Die Wetten waren ihm zu spektakulär geworden, zu waghalsig.

Am Samstag sitzt dieser Thomas Gottschalk also beim "Supertalent" und sieht zu, wie sich ein 87-jähriger Greis an einem Bungee-Seil von einem 80-Meter-Kran stürzt, nur gehalten von einem Kraftprotz aus Österreich. Von jugendlichem Leichtsinn könne man da sicher nicht mehr sprechen, witzelt Gottschalk, wohl eher von Altersverwegenheit. Der Greis versteht nichts, lacht aber trotzdem.

Eins zu null für Bohlen

Das Bungee-Duo kommt zwar nicht weiter, doch die Juroren betonen ihren Respekt für die Nummer. Bei Gottschalk wirkt diese Anerkennung unmoralisch – so, als wäre Samuel Koch nie verunglückt. Also lieber doch noch die Brisanz des Auftritts ausdrücken: "Das vergisst du so schnell nicht", sagt er in einer nachgeschobenen Interview-Sequenz.

Bleibt noch der Sturz von Michelle Hunziker. Er wird über zwei Stunden zur Katastrophe stilisiert, obwohl längst bekannt ist, dass die Jurorin außer einer Gehirnerschütterung unverletzt geblieben ist. RTL ist das egal, vor und nach jedem Werbeblock wird der Unfall eingeblendet: in Zeitlupe, unterlegt mit dramatischer Musik und hektisch zusammengeschnitten. "Sehen Sie alles über den Unfall von Michelle Hunziker – gleich", wird der Moderator nicht müde zu wiederholen. Einzig: gezeigt wird's erst in der kommenden Sendung. Genau wie der Zauberkünstler, dessen "Spektakel" man auf keinen Fall verpassen dürfe.

Doch selbst der beste Magier würde zum Statisten degradiert, wenn der Zwist zwischen Thomas Gottschalk und Dieter Bohlen in der zweiten Runde endlich losbricht. Die erste hat Bohlen widerstandslos für sich entschieden.


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